Gute Ausbildung für mehr Netzsicherheit: Gewerkschafter klärt im Interview auf (Symbolbild)

Gute Ausbildung für mehr Netzsicherheit: Gewerkschafter klärt im Interview auf (Symbolbild)

Bild: © Hamburger Energienetze

Die Bundesnetzagentur stuft Aus- und Weiterbildungskosten im Rahmen von Nest nicht mehr als dauerhaft nicht beeinflussbare Kosten ein. Für Netzbetreiber kann das schlechtere Effizienzwerte bedeuten. Thies Hansen, Betriebsrat beim Netzbetreiber Hamburger Energienetze und ehrenamtlicher Sprecher der Bundesfachgruppe Energie bei Verdi, erklärt, warum er das für den falschen Weg hält. 

Herr Hansen, die Bundesnetzagentur will Aus- und Weiterbildungskosten nicht länger als dauerhaft nicht beeinflussbare Kosten anerkennen.  Warum hat Ihre Gewerkschaft dies so stark kritisiert? 

Wenn diese Kosten in den Effizienzvergleich einfließen, werden Ausbildung und Weiterbildung zu einem Wettbewerbsfaktor zwischen Netzbetreibern. Das halte ich sowohl gewerkschaftlich als auch betrieblich für grundlegend falsch. 

Was ändert sich durch den Systemwechsel konkret für die Unternehmen? 

Kostensteigerungen bei Aus- und Weiterbildung, die nach dem jeweiligen Basisjahr entstehen, werden damit in der laufenden Regulierungsperiode nicht mehr refinanziert. Wer zusätzlich ausbildet oder Weiterbildungsangebote ausbaut, belastet damit direkt sein Unternehmensergebnis. Das schafft einen Spielball zwischen den Interessen des kommunalen Anteilseigners, der eigene Vorstellungen vom Ergebnis hat, und dem tatsächlichen Bedarf, der rund um die Netze entsteht. 

Warum ist das gerade jetzt so brisant? 

Weil wir uns in einem intensiven Hochlauf der Investitionsvolumina befinden und die Netze gleichzeitig grundlegend umgebaut werden müssen. Wir kommen vom klassischen, eindirektionalen System – vom Großkraftwerk ins Netz – und bewegen uns hin zu bi- und multidirektionalen Netzen mit vielen verteilten Einspeisepunkten aus erneuerbaren Energien. Zusätzlich wachsen die Lasten durch Wärmepumpen, Elektromobilität und Industrieprozesse, die von fossilen auf elektrische Verfahren umgestellt werden. Diese Entwicklung erhöht den Bedarf an qualifiziertem Personal erheblich – und dieses Personal ist nicht einfach vom Markt zu holen. 

Bild: © privat

Dieses Personal ist nicht einfach vom Markt zu holen. 

Thies Hansen

Betriebsrat, Hamburger Energienetze

Warum nicht? 

Weil wir für Monteurinnen und Monteure im Netz zunächst eine solide dreijährige Grundausbildung brauchen, auf die dann umfangreiche Zusatzqualifikationen folgen. In der Praxis heißt das: Nach der Ausbildung kommen noch einmal zwei bis dreieinhalb Jahre Qualifizierung im laufenden Betrieb, bevor jemand wirklich vollumfänglich einsatzfähig ist – bei Schalthandlungen, in Störungssituationen, in komplexen Netzzusammenhängen. Auf der Meister- oder Techniker-Ebene rechnen wir noch einmal rund anderthalb Jahre dazu. Das ist kein administrativer Job, den man mit jemandem aus einem anderen Bereich schnell besetzt. 

Wie hoch ist der Anteil der selbst ausgebildeten Fachkräfte bei den Hamburger Energienetzen? 

Wir rechnen damit, dass wir rund 60 Prozent des Fachkräftebedarfs über eigene Ausbildung decken müssen, allein um den demografischen Wandel abzufedern. Der Markt für dieses Qualifikationsprofil ist leergefegt, die entsprechenden Profile sind in vielen Branchen gesucht. Hinzu kommt: Der Pool an Menschen, die fachlich qualifiziert sind und gleichzeitig in Stresssituationen wie einer größeren Entstörung zuverlässig handeln können, ist schlicht begrenzt. Und als kommunales Unternehmen haben wir auch eine gesellschaftliche Aufgabe – hochwertige Ausbildungsplätze anzubieten, gehört dazu. 

Die Bundesnetzagentur argumentiert, der demografische Wandel betreffe alle Unternehmen gleichermaßen, weshalb er kein Argument für dauerhaft nicht beeinflussbare Kosten sei. Überzeugt Sie das? 

Nein, denn das geht an der tatsächlichen Wirklichkeit vorbei. Die demografische Struktur ist von Unternehmen zu Unternehmen sehr unterschiedlich. In den Anfangsjahren der Regulierung wurde in der Branche erheblich Personal abgebaut – ich habe selbst Sozialpläne mitverhandelt, auch wenn ich das nie befürwortet habe. In bestimmten Jahrgängen wurde kaum eingestellt, was heute schlicht als Lücken in den Alterskohorten sichtbar wird. Das ist eine sehr spezifische Geschichte, die sich von Unternehmen zu Unternehmen unterscheidet. Mit dem Argument, das treffe ja alle gleich, macht es sich die Bundesnetzagentur zu einfach. 

Die Bundesnetzagentur schreibt gleichzeitig, dass Aus- und Weiterbildungskosten innerhalb von acht Jahren um 45 Prozent gestiegen sind – und trotzdem keine starken Schwankungen vorlägen. Wie erklären Sie sich das? 

Die Bundesnetzagentur hat sich einen Beurteilungsrahmen gegeben, der auf endogenen und exogenen Faktoren basiert, und verteidigt diesen sehr konsequent. Kritik wird im Grunde nur zugelassen, wenn sie sich innerhalb dieser Leitplanken bewegt – Leitplanken, die sie selbst gesetzt hat. Das kann man grundsätzlich hinterfragen. Die Kostensteigerungen bei Aus- und Weiterbildung kommen nicht von ungefähr: Der Markt für qualifizierte Fachkräfte ist leergefegt und viele Unternehmen haben ihre Ausbildungsquoten erhöht. Wenn man nun daraus ableitet, diese Kosten begrenzen zu müssen, müsste man in der gleichen Logik auch den Netzausbau deckeln – und das ist mit Blick auf die Klimaziele schlicht keine Option. 

Die Behörde sagt außerdem, Netzbetreiber hätten die Wahl zwischen eigenem Personal und dem Einkauf von Dienstleistungen. Entspricht das der Realität? 

Nur sehr bedingt. Selbst wenn ich eine ausgebildete Fachkraft extern einkaufe, muss ich sie für die netzspezifischen Aufgaben weiterqualifizieren. Ich würde die Bundesnetzagentur einladen, nachts um zwei Uhr einen unserer Monteure zu einer Gasstörung zu begleiten. Dann erlebt man, welche Vielfalt an Aufgaben zusammenkommt – der Monteur steht dort Feuerwehr und Polizei gegenüber und soll auf der Stelle sagen, welche Maßnahmen zu ergreifen sind. Das verlangt Fachwissen, Netzkenntnisse und persönliche Belastbarkeit. Wenn ich solche Tätigkeiten verstärkt an Dienstleister vergebe, stoße ich auf einen konsolidierten Markt, der seine Machtposition kennt und einsetzt. Wir sehen das deutlich im Hamburger Tiefbau. Von einer einfachen Wahlfreiheit, wie sie die Bundesnetzagentur beschreibt, kann ich dort nicht sprechen. 

Die Behörde verweist zudem darauf, dass diese Kosten nur 0,8 Prozent des Gesamtvolumens ausmachen und damit vernachlässigbar seien. Stimmt das? 

In den Unternehmen schaut man auf jeden Prozentpunkt sehr genau. Dieser Verweis kann nicht einfach als Totschlagargument funktionieren. Wenn man bei 0,8 Prozent Kostenanteil am Ende 0,2 Prozent einspart, macht das sehr schnell den Unterschied zwischen 70 Auszubildenden pro Jahrgang oder eben nur noch 45. Das wirkt direkt auf die Fachkräftebasis der nächsten Jahre. 

Was wünschen Sie sich konkret von der Bundesnetzagentur? 

Ich verstehe den Anspruch, Verbraucher zu schützen und ein Monopol zu regulieren – den teile ich grundsätzlich. Ich glaube auch, dass bei der Bundesnetzagentur durchaus verstanden wird, wie wichtig Ausbildung und Weiterbildung sind. Das Problem ist, dass man dort nicht vom eigenen Beurteilungsrahmen abrücken will – um nicht an anderer Stelle eine Diskussionslücke zu öffnen. Ich würde mir ein offeneres und sachgerechteres Verfahren wünschen, das es erlaubt, bestimmte Bereiche anders zu behandeln, wenn man sich über ihre Bedeutung einig ist. Bei der betrieblichen Altersversorgung haben wir das ja auch geschafft. Und wenn man schon sagt, diese Kosten passen nicht in die Kategorie der dauerhaft nicht beeinflussbaren Kosten, dann sollte man wenigstens prüfen, ob man daraus qualitätsregulierende Elemente machen kann. Ein Bonussystem, das an Ausbildungsquoten anknüpft, wäre beispielsweise denkbar. Gute Ausbildung führt zu guter Netzqualität – das ist keine Behauptung, das lässt sich messen. 

Erwarten Sie, dass sich die Bundesnetzagentur noch bewegt? 

Ich bin lange genug Gewerkschafter, um an die Kraft guter Argumente zu glauben. Wenn es nötig wird, können diese Argumente auch mit Trillerpfeifen unterstützt werden. Wir waren mit diesem Thema ja schon einmal in Bonn. 

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