Nach rund achtstündiger Verhandlung unter der Leitung von Pascal Canfin, dem Vorsitzenden des Umweltausschusses des Europaparlaments, ist es in Brüssel gelungen, eine verbindliche Definitionen zu schaffen, wann ein Investment in der EU als „grün“ bezeichnet werden darf. Das Ziel der EU-Verantwortlichen war es nach Angaben des "Handelsblattes", dem sogenannten „Greenwashing“ ein Ende zu bereiten. Verbrauchern und Investoren sollen zudem Orientierungshilfen gegeben werden, und es geht auch um Standards für die Ausgabe von Green Bonds.
Die drei neuen Kategorien
Der nun vereinbarte Kompromiss zur sogenannten EU-Taxonomie definiert nun drei verschiedene Kategorien, gemäß denen einen Finanzprodukt diesem Klassifizierungsschema entspricht:
- Als "Grün" werden dabei alle Aktivitäten eingestuft, die das Ziel haben, den Treibhaus-Ausstoß zu senken. Darunter fällt etwa Ökostrom oder E-Mobilität.
- Die Klassifizierung "Transition" (Übergang) hingegen steht für Bereiche, die im Branchenvergleich niedrigere Treibhausgasemissionen verursachen.
- Die Klassifizierung "Enabling" umfasst Tätigkeiten, die anderen Marktteilnehmern ermöglichen, ihre Emissionen zu senken, oder deren Wirtschaftsaktivitäten zu ersetzen.
Kohle ist gemäß diesem Schema nicht nachhaltig und lässt sich in keine der drei Gruppen einordnen. Atomenergie und Gas können maximal den beiden letzteren beiden Kategorien zugeordnet werden, die Klassifizierung als grünes Finanzprodukt ist aber laut dem gefundenen Kompromiss nicht möglich. Um in die Rubrik "Transition" oder "enabling" eingeordnet zu werden, müssen aber zusätzlich bestimmte Emissions-Grenzwerte bei der Herstellung respektive der Nutzung des Produktes eingehalten werden.
Mehrere Anläufe
Am Brüsseler Verhandlungstisch saßen die EU-Kommission, das Parlament sowie der Rat, und sie brauchten mehrere Anläufe, bis eine Einigung erzielt werden konnte. Als Grund nannte das Handelsblatt einen Streit, inwiefern Kernkraft und Erdgas als „nachhaltig“ zu bewerten sind. Frankreich wollte unbedingt, dass die Kernkraft auch zu den nachhaltigen Energien gezählt werden kann, das aber stieß bei vielen der EU-Partner auf Widerstand. Deutschland war mit dem Ziel in die Verhandlungen gegangen, Erdgas und Gaskraftwerke auch als „grün“ deklarieren zu können.
VKU: "Initiative gibt Gewissheit und Orientierungshilfe"
"Wir begrüßen die Initiative, weil erstmals europäische Standards festgelegt werden, die Verbrauchern Gewissheit und Investoren Orientierungshilfe geben", kommentiert der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) auf ZfK-Anfrage. Jetzt bleibe es abzuwarten, wie die Details aussehen: Beispielsweise wie das technische Regelwerk ausgestaltet sei und welche Co2-Schwellenwerte gelten, heißt es. Diese bilden die Grundlage, auf der Nachhaltigkeit definiert wird. Die Schwellenwerte müssen von der EU-Kommission noch festgelegt werden. Bevor die EU-Taxonomie angewendet werden kann, müssen dann noch der Ministerrat und das EU-Parlament zustimmen.
Auf Zustimmung stößt die Einigung auch bei der Brancheninitiative Zukunft Erdgas. "Die nun beschlossene Einteilungslogik stärkt Investitionen in Aktivitäten, die entweder selbst weniger Emissionen erzeugen oder es anderen Marktteilnehmern ermöglichen, ihre Emissionen zu senken. Je nach Anwendung können Gastechnologien damit als ‚transition’- oder als ‚enabler’-Projekte gelten", betont Vorstand Timm Kehler. Das passe, denn allein der Wechsel von Kohle oder Heizöl zu Erdgas senke den CO2-Ausstoß bereits um mindestens 40 Prozent. Und je höher der Anteil an grünen Gasen im Gasnetz werde, desto kleiner werde auch der CO2-Fußabdruck anderer Marktakteure, die Gas nutzen.
Über Gas zum Wasserstoff
Was an der aktuellen Entscheidung technologisch so wichtig war, wird klar, wenn die Optionen für den Wasserstoff in Europa mit in die Überlegungen einbezogen werden, ohne die das Ziel der faktischen Klimaneutralität kaum zu realisieren ist. Dazu, so Kehler, müsse man „alle uns zur Verfügung stehenden Optionen für schnellen Klimaschutz nutzen.“ Der Weg in die Wasserstoffwelt führe über die heute verfügbaren Gastechnologien. So ist für ihn das Ziel klar definiert: eine „europäische Wasserstoffunion.“
Die Einigung ist dringlich, denn der Markt für grüne Geldanlagen wächst stark. Das betrifft vor allem die Neuemissionen von Green Bonds. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) bestehen etwa ein bis zwei Prozent des globalen Kapitalmarktes aus Produkten, die nachhaltig ausgerichtet sind. Europa macht nach Handelsblatt-Angaben etwa die Hälfte des „grünen“ Finanzmarktes aus. (sig/hoe)


