Die Gaspreise befinden sich weiterhin auf Rekordniveau.

Die Gaspreise befinden sich weiterhin auf Rekordniveau.

Bild: © Ayesha Firdaus/Unsplash

Mit dem in der Silvesternacht vorgelegten Entwurf für eine EU-Taxonomie will die EU-Kommission sowohl Gas- als auch Atomkraftwerke als nachhaltig einstufen – ein Vorstoß, der mit Blick auf das Thema Investitionen erhebliche Auswirkungen auch auf die Stadtwerkebranche hat. Wird der Vorschlag der Kommission Investitionen in Gaskraftwerke erleichtern – oder drohen Geldgeber vielmehr einen großen Bogen um diese „Brückentechnologie“ zu machen? Diese und ähnliche Fragen standen im Mittelpunkt einer digitalen Diskussionsrunde des Branchenverbands Zukunft Gas.

Timm Kehlers Urteil fiel eindeutig aus. Es sei zwar gut und richtig, dass die EU-Kommission erkannt habe, wie wichtig Erdgas ist, um die Klimaziele zu erreichen. Der vorliegende Entwurf überzeugt ihn dennoch nicht. Er schaffe genauso wie das heutige Marktdesign zu wenig Anreize für Investitionen in Gaskraftwerke: „Im Zuge der Transformation zu erneuerbaren Energien werden die neuen Gaskraftwerke nicht überflüssig, aber nur noch gebraucht, wenn Wind und Sonne nicht liefern. Sie müssen in immer weniger Betriebsstunden mit sehr hohen Strompreisen ihre Investitionssumme refinanzieren. Das Risiko steigt somit. Die Kalkulation wird noch schwieriger, da die Kraftwerke innerhalb ihrer Amortisationszeiträume auf Wasserstoff umgerüstet werden müssen“, gab er zu bedenken. Das heutige Prinzip des „Energy-Only-Marktes“ sei nicht geeignet, den Wandel des Kraftwerksmarktes zu leisten, in welchem es nicht um die reine Stromerzeugung geht, sondern um Versorgungssicherheit ohne CO2-Emissionen, erläuterte Kehler weiter.

Hoher Investitionsbedarf, enormer Zeitdruck

Der Handlungsbedarf sei enorm. In Deutschland werden bis 2030 neue Gaskraftwerke mit einer Kapazität von ca. 20-30 GW benötigt, um den beschleunigten Ausstieg aus der Kohle zu schaffen, führte der Chef des Branchenverbandes aus. 30 Mrd. Euro müssten dafür investiert werden – eine stattliche Summe.

Gundolf Schweppe, Vorsitzender der Geschäftsführung Uniper Energy Sales, wies darauf hin, dass man schnell in die Umsetzung kommen müsse. Schaue man sich den Entwurf der Kommission an, stelle man jedoch fest, dass dieser sehr detaillierte und umfangreiche Vorgaben enthält, die Gaskraftwerke erfüllen müssen, um „nachhaltig“ zu sein. Ein weiteres Problem aus Sicht von Schweppe: Die Vorgaben seien kumulativ, die Hürden unter die Taxonomiebedingungen zu fallen, also entsprechend hoch. Nicht nur für Schweppe ein Widerspruch zur Notwendigkeit, in den nächsten Jahren sehr schnell zusätzliche Kraftwerksleistung in Deutschland zu installieren, um den Kohleausstieg zu realisieren und Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Der Uniper-Manager sprach von sehr komplizierten und strengen Kriterien für Gaskraftwerke. „Diese werden es erschweren, in kurzer Zeit ausreichende Mittel zur Finanzierung der notwendigen zusätzlichen Kraftwerkskapazitäten zu erhalten“, so seine Warnung.

Ohne Sicherheit keine Investitionen

Henrik Pontzen, Abteilungsleiter Environment, Social and Governance (ESG) im Portfoliomanagement bei Union Investment, bestätigte, dass man für die Finanzierung von Gaskraftwerken Sicherheit über Jahrzehnte brauche. „Solange beispielsweise nicht klar ist, welche Kriterien bei der Einbeziehung von Wasserstoff und CCS für die Gaskraftwerke gelten, ist nicht klar, wie die Kapitalmärkte auf das grüne Label für Erdgas reagieren werden.“ Grundsätzlich zeige die Tatsache, dass es überhaupt eine hitzige Debatte über die Nachhaltigkeit von Gas gebe, dass es eben nicht per se nachhaltig sei. Für viele Investoren Grund genug, sich in diesem Bereich nicht weiter finanziell zu engagieren. Vor einer Aufweichung der Nachhaltigkeitskriterien bei der EU-Taxonomie riet Pontzen ab. Er könne verstehen, dass das aus Sicht der Energiebranche wichtig sei. „Aber für Investoren, die in Nachhaltigkeit investieren wollen, wäre das kein überzeugender Schritt.“

Wäre es angesichts der hohen Hürden da nicht sinnvoller, beim Bau eines Gaskraftwerks kurzerhand auf das „Nachhaltigkeitssigel“ zu verzichten? Die Diskussionsteilnehmer waren da skeptisch. Nach Überzeugung von Zukunft Gas könnte die Förderfähigkeit von Gaskraftwerken beeinträchtigt werden, wenn sie nicht unter dem Nachhaltigkeitslabel laufen. Und selbst Investoren, bei denen Nachhaltigkeit auf der Agenda nicht ganz oben steht, könnten einen Rückzieher machen. Auch sie seien in einem hohen Maße an Investitionssicherheit interessiert, die aktuell auch jenseits der Taxonomiedebatte nicht gegeben sei.

Die Uhr tickt

Mit der Taxonomie will die EU-Kommission Investitionen in jene Tätigkeiten lenken, die notwendig sind, um das Ziel der Klimaneutralität in der EU bis 2050 zu erreichen. Die Mitgliedsstaaten haben bis zum 21. Januar Zeit, ihre Stellungnahmen zu den Vorschlägen der Kommission zu übermitteln. (amo)

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