Fahren beim Thema Stromerzeugung unterschiedliche Kurse: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (rechts) und Deutschlands Bundeskanzler Olaf Scholz (von hinten).

Fahren beim Thema Stromerzeugung unterschiedliche Kurse: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (rechts) und Deutschlands Bundeskanzler Olaf Scholz (von hinten).

Bild: © Nicolas Maeterlinck/Belga/dpa

Man muss gar nicht so lange zurückblättern, da lieferten sich Deutschland und Frankreich jedes Jahr aufs Neue ein Duell, wer denn nun Europas größter Netto-Stromexporteur ist. 2015 lag Frankreich vorne, die beiden Jahre darauf Deutschland.

Doch dann hängte das größte Flächenland der Europäischen Union die größte Wirtschaftsmacht immer weiter ab, auch weil in Deutschland eine Reihe großer, grundlastfähiger Kraftwerke vom Netz ging – unter anderem fast elf Gigawatt (GW) durch das Abschalten von Kernkraftwerken.

Ausreißerjahr 2022

Nur einen Ausreißer gab es, im Energiekrisenjahr 2022, als Frankreichs Kernkraftwerke wegen Wartungs- und Reparaturarbeiten in Scharen ausfielen und das Land in der Folge zum Netto-Importeur wurde.

Im vergangenen Jahr setzte sich der Vorkrisentrend dann fort. Frankreich exportierte satte 50 Terawattstunden (TWh) mehr ins Ausland als es von dort bezog. Deutschland dagegen wurde erstmals zum Netto-Stromimporteur. (Die ZfK berichtete.)

Frankreich ist Deutschlands größter Lieferant

Inzwischen ist Frankreich auch für die Bundesrepublik selbst wieder zum größten Stromlieferanten geworden, wie Zahlen der Fraunhofer-Plattform Energy-Charts zum ersten Quartal zeigen. Demnach bezog Deutschland netto 2,1 TWh vom westlichen Nachbarn. Auf Platz zwei reihte sich der letztjährige Spitzenreiter Dänemark ein. Von dort erhielt die Bundesrepublik 2,0 TWh netto.

Berücksichtigt wird für diese Analyse ausschließlich der grenzüberschreitende Stromhandel, nicht die physikalischen Stromflüsse. Die Zahlen stammen ursprünglich vom europäischen Netzbetreiberverband Entso-E und sind vorläufig.

Strombedarf steigt im Winter

Bemerkenswert ist, dass Deutschland insgesamt im ersten Quartal mehr Strom aus dem Ausland importierte als es dorthin exportierte. In der Regel steigt im Winter witterungsbedingt der Strombedarf.

In der Bundesrepublik laufen zudem vermehrt Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, um Wärme zu erzeugen. Strom fällt in diesen Fällen als Nebenprodukt mit an.

Milder Winter, sinkender Wärmebedarf

Allerdings fiel insbesondere die zweite Winterhälfte diesmal ungewöhnlich milde aus. In der Folge liefen nicht nur konventionelle Kraftwerke in Deutschland weniger als üblich, sondern mussten auch Frankreichs Kernkraftwerke, die zwei Drittel zum heimischen Stromerzeugungsmix beisteuern, weniger Strom für den Wärmesektor produzieren.

Prinzipiell gilt die Faustregel: Steigt das Thermometer im Winter um ein Grad Celsius, sinkt der Bedarf an Stromerzeugungskapazität in Frankreich um etwa 2,4 GW.

Kohleverstromung auf Tiefstand

Auch rückläufige Stromgroßhandelspreise begünstigten billigeren Erneuerbaren- und Atomstrom gegenüber teurerem Kohlestrom in der Merit-Order. Deshalb nahmen die Importe aus dem Ausland zu, während die heimische Kohleverstromung auf einen neuen historischen Tiefstand sank.

Zudem ging witterungs- und konjunkturbedingt die Stromnachfrage sowohl in Frankreich als auch in Deutschland im Vergleich zu den beiden Vorjahreszeiträumen zurück, was den Konkurrenzkampf zwischen den Energieträgern verschärfte.

Hin und Her beim Stromaußenhandel

Mit Blick auf den Sommer dürften die Netto-Stromimporte Deutschlands weiter wachsen. Dann könnten neben Kernkraftwerken in Frankreich auch wieder vermehrt witterungsabhängige erneuerbare Energien, etwa aus Österreich oder Skandinavien, deutsche Kohlekraftwerke aus der Merit-Order verdrängen.

So importierte Deutschland allein im August vergangenen Jahres netto knapp 7 GW aus dem Ausland. (Die ZfK berichtete.) Zu den Netto-Stromlieferanten gehörte Frankreich damals übrigens nicht. Vielmehr zählte das Land im August 2023 zum zweitgrößten Netto-Stromabnehmer Deutschlands. (aba)

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