Bild: © Henning Kaiser/dpa

Die Bedeutung von Stromimporten auf dem deutschen Energiemarkt wächst stark. Im ersten Halbjahr wurden nach Angaben der Fraunhofer-Plattform Energy-Charts 11,2 Terawattstunden (TWh) Strom mehr importiert als exportiert. Es ist das erste Mal seit Datenerfassung, dass im Zeitraum Januar bis Juni mehr Strom vom Ausland bezogen wurde, als dorthin verkauft.

Im ersten Halbjahr 2023 betrug der deutsche Stromexportüberschuss 1 TWh. Im ersten Halbjahr 2015 waren es sogar noch 26 TWh.

Atomausstieg und mehr Brennstoffkosten

In den vergangenen Jahren verteuerten steigende Brennstoff- und CO2-Preis die Gas- und Kohleverstromung. Zudem gingen seit 2015 insgesamt knapp elf Gigawatt (GW) Kernkraftleistung aus dem Markt. Mitte April 2023 wurden die letzten Atommeiler abgeschaltet.

In diesem Jahr gab es mit dem Januarbislang nur einen Monat, in dem mehr Strom aus Deutschland exportiert als importiert wurde. Im Winter ist die Bundesrepublik im Regelfall Netto-Stromexporteur, weil die Solarstromproduktion rückläufig ist und unter anderem etliche Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen wärmegeführt laufen.

Frankreich größter Stromlieferant

Schon im Februar ging es diesmal jedoch wieder in die andere Richtung. Im Juni wurden dann sogar fast 4 TWh netto importiert.

Bei den Stromlieferländern ergab sich im ersten Halbjahr 2024 gegenüber dem Vorjahreszeitraum eine Verschiebung. Ganz vorne landete Frankreich (Nettoplus von 6,3 TWh). Dahinter folgten Dänemark (4,6 TWh) und die Schweiz (2,5 TWh).

Kernkraftwerksflotte mit Comeback

Im Vorjahreszeitraum war Frankreich (–0,3 TWh) noch zweitgrößter Netto-Abnehmer deutschen Stroms gewesen. Wartungs- und Reparaturarbeiten hatten die französische Kernkraftwerksflotte gebremst. Im ersten Halbjahr 2024 stiegen die Atomstrommengen aber wieder – um fast 20 TWh gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Weil Frankreich gleichzeitig so viel Grünstrom produzierte wie noch nie in den ersten sechs Monaten eines Jahres und auch witterungsbedingt weniger Strom verbrauchte als in den Vorjahreszeiträumen, schwang es sich folglich wieder zum mit Abstand größten Netto-Stromexporteur Europas auf. Im ersten Halbjahr wurden satte 42 TWh mehr Strom exportiert als importiert.

Importstrom verdrängt fossile Kraftwerke

Die Tatsache, dass Deutschland inzwischen mehr Strom im- als exportiert, ist nicht gleichbedeutend damit, dass es auf ausländischen Strom angewiesen ist. Vielmehr ist es so, dass Importstrom oftmals günstiger ist als fossil erzeugter Strom in Deutschland und deshalb Gas- und Kohlekraftwerke aus dem Markt drängt. (aba)

Hinweis: Als Zahlengrundlage diente die öffentlich zugängliche Plattform Energy-Charts des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE), die Daten unter anderem vom Netzbetreiberverband Entso-E auswertet. Täglich aktualisierte Energiedaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit Energy Brainpool befüllt wird.

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