ZfK: Österreich bezieht noch sehr viel Erdgas aus Russland. Wann wird sich das ändern und damit die Abhängigkeit geringer?
Schmidt: Ja, das ist so. Derzeit liegt der Anteil russischen Erdgases bei den kalten Temperaturen punktuell wieder bei 90 Prozent. Im Jahresdurchschnitt dürften es zwischen 60 und 70 Prozent sein. Das hat mit unserer historisch begründeten Orientierung in Richtung Osten zu tun. Ein Teil des österreichischen Wohlstands hat auf billigem russischen Erdgas basiert. Natürlich ist das problematisch – wir arbeiten daher bereits an einem Ausstieg. Ein Verbot auszusprechen wäre aber sicher nicht der richtige Weg. Unsere Unternehmen bemühen sich derzeit intensiv, andere Lieferverträge zu bekommen. Wir streben auch LNG-Lieferungen über Deutschland und Italien an. Hier setzen wir vor allem auf Deutschland als Transitland, wobei die dabei fällige Gasspeicherumlage eine zusätzliche Kostenbelastung darstellt. Bis 2027 sollte der Anteil russischen Gases deutlich sinken.
ZfK: Die Stromstrategie 2040 in Österreich sieht vor, bereits im Jahr 2030 den Strombedarf nahezu vollständig aus erneuerbaren Quellen zu decken. Ist dies Ziel aus heutiger Sicht erreichbar?
Schmidt: In dem entsprechenden Gesetz ist sehr genau festgelegt, wie viel die jeweiligen Energieträger zu diesem Ziel bis 2030 beitragen sollen. Insgesamt ist dafür ein massiver Ausbau der Erneuerbaren im Ausmaß von 27 Terawattstunden notwendig. Das entspricht etwa der Hälfte der gesamten erneuerbaren Energie, die wir erzeugen. Bei Photovoltaik erleben wir derzeit einen gigantischen Boom. Hier könnten wir die gesteckten Ziele durchaus erreichen. Bei der Windkraft dagegen hinken wir aktuell hinterher, da registrieren wir derzeit einen Einbruch. Manche Bundesländer in Österreich sperren sich grundsätzlich gegen den Windkraftausbau. Bei der Wasserkraft gibt es ausreichend Projekte, viele davon sind entweder schon im Bau oder im Genehmigungsverfahren. Die Wasserkraft wird bis Ende dieses Jahrzehnts rund die Hälfte zur Stromerzeugung beitragen. Bis 2030 sollen Pumpspeicher mit einer installierten Leistung von 7,2 Gigawatt zur Verfügung stehen.
ZfK: Wie steht es um die Akzeptanz der Energiewende in Österreich? Die von Ihnen angesprochenen Probleme bei der Windkraft gibt es auch in Deutschland.
Schmidt: Seit dem furchtbaren Angriff auf die Ukraine hat der Wunsch der Österreicher, sich selbst mit Energie zu versorgen, deutlich zugenommen. Das gilt auch für das Ziel, aus russischem Erdgas auszusteigen. Wenn es aber an das Umsetzen konkreter Erneuerbaren-Projekte geht, ist die typische „nicht in meiner Nachbarschaft“-Mentalität immer noch präsent. Was sich großer Beliebtheit erfreut, ist die Installation von PV-Aufdachanlagen. Zwar ist der große Boom aufgrund sinkender Strompreise und Marktprämien nun etwas abgeebbt. Seit dem 1. Januar haben wir aber eine neue Regelung, wonach Photovoltaik für das eigene Haus inklusive Speicher und Montage von der Mehrwertsteuer befreit sind. Dafür ist die aufwändige Investitionsförderung weggefallen. Wir gehen deshalb davon aus, dass das Interesse weiterhin groß bleibt, es wird auch politisch stark propagiert. Weniger beliebt ist der dafür notwendige Ausbau der Stromverteilnetze. Da hinken wir der Entwicklung hinterher. Deshalb fordern wir, eine Abkehr vom Prinzip einer 100-prozentigen Einspeisegarantie bei Sonnenenergie. Hier sollte die Priorität auf der Eigenversorgung liegen. Wenn an heißen Sommertagen viel produziert wird und am Wochenende die Industrie nur wenig Strom benötigt, müssen die Netze auch abgeregelt werden können, um eine Überlastung zu verhindern.
ZfK: Der Neubau- und Modernisierungsbedarf bei den Stromübertragungs- und Verteilernetzen ist in den kommenden Jahren gewaltig. In Deutschland gibt es eine heftige Diskussion in der Branche um die vom Regulierer festzulegende Eigenkapitalrendite bei den Netzinvestitionen. Sind die Netzbetreiber bei Ihnen zufriedener?
Schmidt: Wir haben gerade die Verhandlungen für die kommende Regulierungsperiode abgeschlossen. Zum ersten Mal hat nur ein einziges Unternehmen die regulatorischen Festlegungen beeinsprucht. Ich denke, wir haben uns auf ein gutes und praktikables Modell geeinigt. Dabei wurde vor allem eine solide Basis für die Finanzierung des Netzausbaus in den kommenden Jahren geschaffen. Zudem werden auch neue Themen wie Energiegemeinschaften oder Maßnahmen im Bereich Cybersecurity nun entsprechend berücksichtigt. Die den Netzbetreibern zugegangenen Bescheide sind mit den darin anerkannten Netzkosten aus unserer Sicht in Ordnung. Auf der anderen Seite wollen wir aber insgesamt bei der Tarifierung etwas ändern. Es geht darum, bei den Netztarifen die Kosten von der Energie stärker in Richtung Leistung zu verlagern, um eine maßvolle Nutzung der wertvollen Netzreserven zu belohnen. Ein entsprechender Gesetzesentwurf liegt gerade vor. Wir hoffen, dass dieses Gesetz noch in der laufenden Legislaturperiode vom Parlament verabschiedet wird. Der Leistungspreis muss eine höhere Bedeutung als der Arbeitspreis bekommen. Wir sehen, dass zum einen die Hauseigentümer mit eigenen PV-Anlagen oder Wallboxen immer mehr Strom selbst produzieren und bei Bedarf eine hohe Leistung abrufen. Auf der anderen Seite müssten diejenigen, die sich das nicht leisten können, künftig immer stärker die finanzielle Last des Netzausbaus schultern. Das wollen wir verhindern.
ZfK: Die Energiebranche hierzulande wartet seit Monaten auf eine Kraftwerksstrategie, in der die Bedingungen für Back-up-Kraftwerke festgelegt werden. Wie löst Österreich das Problem der Reservekraftwerke für den grünen Strommarkt der Zukunft?
Schmidt: Wir haben keine so große Kraftwerkslücke wie Deutschland, das Problem ist somit nicht akut. Dennoch brauchen wir flexible Kapazitäten. Einerseits setzen wir dabei auf unsere Pumpspeicherkraftwerke, deren Kapazität wir bis zum Jahr 2040 auf 10,4 Gigawatt ausbauen wollen. Zudem verfügen wir noch über ausreichend Gaskraftwerke. Die meisten dieser Anlagen sind allerdings in den siebziger Jahren ans Netz gegangen und waren auf Grundlast ausgerichtet. Nun kommen sie an ihr Lebensende und müssen durch H2-ready-Kraftwerke ersetzt werden. Im aktuellen Betrieb werden diese Kraftwerke in der Regel zur kurzfristigen Netzunterstützung genutzt. Zudem gibt es Gaskraftwerke, die als KWK-Anlagen gefahren werden und auch im Winter Strom produzieren. Darüber hinaus existiert ein System für die Netzreserve. Dabei schreibt der Übertragungsnetzbetreiber Kapazitäten aus, für die sich Kraftwerke mit einem schon vorhandenen Stilllegungsbeschluss bewerben können. Diese Blöcke sind ausschließlich in der Netzreserve kontrahiert. Sie erhalten dafür eine fixe Vergütung und eine variable im Falle ihres Abrufs. Das funktioniert gut. Diese Regelung gilt aber nur noch bis Ende 2025 und muss demnächst verlängert werden.
ZfK: Die deutsche Bundesregierung ist im vergangenen Jahr durch das Gebäudeenergiegesetz, auch Heizungsgesetz genannt, sehr stark unter Druck geraten. Viele Menschen fühlten sich durch die Vorgaben zur Modernisierung nicht abgeholt und unter Druck gesetzt.
Schmidt: Natürlich gab es auch in Österreich Diskussionen zur Wärmewende – gleichfalls große Befürchtungen. Wir hatten hier vielleicht das Glück des Langsameren. Das hat dazu geführt, dass unsere ebenfalls grüne Energieministerin weniger ambitioniert in die ersten Verhandlungen gegangen ist. Da wurde schon von Beginn an Tempo rausgenommen. Im Ergebnis gibt es nun zwar ein Verbot von fossilen Heizungen im Neubau, aber nicht im Bestand. Zudem wird ein Austausch fossiler Heizungen stark gefördert. Bei uns fließt gerade viel Geld in dieses Thema.
ZfK: In Österreich gab es eine heftige Diskussion über hohe Gewinne der Energiebranche?
Schmidt: Die Diskussion über Übergewinne der Energiekonzerne dauert noch an. Eine gesetzliche Regelung zur Abschöpfung von Zufallsgewinnen wurde gerade bis Ende 2024 verlängert, allerdings mit veränderten Bedingungen. Der Hintergrund ist: Wir haben einen schlechten regulatorischen Rahmen, wie Preisanpassungen durchgeführt werden können. Das ist sehr unklar geregelt und Verbraucherschützer haben so gut wie alle bisher stattgefundenen Preiserhöhungen beklagt. Das führte zu vielen Gerichtsverfahren – und bei den Kunden zu dem Gefühl, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Dadurch haben wir als Branche einen ernsthaften Vertrauensverlust erfahren. Dabei bräuchten wir das Vertrauen der Öffentlichkeit gerade jetzt, wo wir die Energiewende bewältigen und umfassende Investitionen tätigen müssen. Diese Infrastruktur wird man in der Landschaft sehen. Wir arbeiten deshalb derzeit mit voller Kraft daran, das Vertrauen der Menschen wiederzugewinnen.
(Das Interview führte Klaus Hinkel)



