Von Lucas Maier und Andreas Baumer
Der Herbst dürfte mit zwei wegweisenden Berichten zum Stand der deutschen Energiewende starten. Zum einen wird die Veröffentlichung des Energiewende-Monitorings erwartet. Abgabefrist für die Analysehäuser BET und EWI, die mit der Erstellung des Berichts beauftragt wurden, ist der 31. August. Das Energiewende-Monitoring wurde im Koalitionsvertrag vereinbart.
Zum anderen könnte das Bundeskabinett Anfang September den lange erwarteten Versorgungssicherheitsbericht der Bundesnetzagentur beschließen. Die Bundesnetzagentur ist gesetzlich verpflichtet, Stand und Entwicklung der Versorgungssicherheit fortlaufend zu prüfen. Alle zwei Jahre verfasst sie einen entsprechenden Bericht. Das letzte Mal geschah dies Anfang 2023.
Allgemein wird erwartet, dass das von Katherina Reiche (CDU) geführte Bundeswirtschaftsministerium auf Grundlage dieser beiden Berichte den Energiewendekurs neu justieren wird. Vor allem um diese vier Knackpunkte geht es:
1. Prognostizierter Strombedarf
Noch vor der Energiekrise ging das Bundeswirtschaftsministerium von einem Bruttostromverbrauch von 658 Terawattstunden (TWh) im Jahr 2030 aus. Die Bundesnetzagentur setzte in ihrem Versorgungsbericht 2023 diese Marke sogar auf 715 TWh hoch.
Stand jetzt ist Deutschland davon noch weit entfernt. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland insgesamt rund 518 Terawattstunden (TWh) Strom verbraucht.
Die Studienlage zum prognostizierten Strombedarf 2030 ist vielfältig. Hier ein Überblick:
- 681 bis 807 TWh (Ariadne 2025)
- 713 TWh (Bosten Consulting Group 2025)
- 530 bis 615 TWh (McKinsey 2025)
- 727 TWh (Agora 2025)
- 652,7 bis 657,2 TWh (Projektionsbericht 2025 – Brutto)
- 632 bis 727 TWh (Stiftung Klimaneutralität 2025)
Ähnlich sieht es beim prognostizierten Strombedarf 2045 aus:
- 1145 TWh (Aurora 2025, Netto-Stromnachfrage)
- 1037 bis 1423 TWh (Ariadne 2025)
- 1100 TWh (Bosten Consulting Group 2025)
- 947,2 bis 967,5 TWh (Projektionsbericht 2025 – Brutto)
- 943 bis 1086 TWh (Eventure Dezember 2024)
- 1267 TWh (Stiftung Klimaneutralität 2025)
Die Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, weil sie die Entwicklung unterschiedlich prognostizieren. Bei einigen der Erhebungen, wie beispielsweise der des Beratungsunternehmens Eventure, werden zwei verschiedene Szenarios zugrunde gelegt: Bei einem wird von einem höheren Elektrifizierungsgrad ausgegangen, wodurch auch ein höherer Bedarf angenommen wird.
Wo liegt der Knackpunkt?
Wird ein höherer Strombedarf prognostiziert, dann steigt der Druck auf den Ausbau erneuerbarer Energien. Fördersummen werden höher eingeplant, weil davon ausgegangen werden muss, dass ein höherer Bedarf besteht. Gleichzeitig kann der Staat aber auch mit höheren Einnahmen durch CO2-Bepreisung rechnen. Darüber wird beispielsweise der Klima- und Transformationsfonds (KTF) gespeist.
Aus dem KTF werden unter anderem die Mittel für die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) und die Bundesförderung Effiziente Wärmenetze (BEW) bereitgestellt. Sollte ein geringerer Strombedarf in Aussicht gestellt werden, könnte es Katherina Reiche (CDU) und ihr Ministerium dazu veranlassen, die Bremse beim erneuerbaren Ausbau zu ziehen. Kurzum, es würde günstiger werden.
Politisch gesehen dürfte das der Brandenburgerin in die Karten spielen. Die CDU-Politikerin will neben einem neuen Wachstumskurs für die deutsche Wirtschaft, auch eine kostengünstigere Energiewende durchsetzen. Heute den Strombedarf für 2030 oder gar für 2045 vorherzusagen, ist kein einfaches Unterfangen. Alleine aufgrund der Unsicherheiten bei der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und des Bevölkerungswachstums, können die Prognosen für 2045 um bis 25 Prozent abweichen, wie ein Forscherteam des Helmholtz-Institutes in einem Papier zur Energiewende schreibt. Die Forschenden plädierten für einen schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland.
2. Kohleausstieg und Gaskraftwerke
Wie ist der jetzige Stand und welche Prognosen gibt es?
In ihrem Versorgungssicherheitsbericht Anfang 2023 erwartete die Bundesnetzagentur nichts weniger als Investitionen in neue Gaskraftwerke "in relevantem Umfang" von 17 bis 21 GW – und zwar bis 2030/2031. Tatsächlich ist seitdem kaum etwas passiert.
Die Ampelkoalition scheiterte mit ihrer Kraftwerksstrategie. Und auch die neue schwarz-rote Koalition hat noch keinen eigenen Gesetzentwurf vorgelegt. Laut Koalitionsvertrag soll der Bau von "bis zu 20 GW" an Gaskraftwerksleistung bis 2030 angereizt werden. In der Energiebranche geht man weithin davon aus, dass es dafür mittlerweile zu spät ist.
Wie viele Gaskraftwerke Deutschland bei fortschreitendem Kohleausstieg wirklich benötigt, ist umstritten. Das Analysehaus Frontier Economics zog jüngst in einer Studie im Auftrag des Landesverbands Erneuerbare Energien NRW in Zweifel, ob es recht viel mehr als 5 bis 10 GW an Gaskraftwerken benötigt.
Von einem erheblichen Zubau geht die Unternehmensberatung Eventure aus. Im Jahr 2045 werden nach ihrer Prognose 44 bis 66 GW wasserstoffbetriebene Gaskraftwerke benötigt. Aktuell sind in Deutschland 37 GW Erdgaskapazitäten installiert. Eine Reihe dieser Anlagen wird allerdings bis 2045 vom Netz gehen oder muss modernisiert werden.
Eine starke Spannbreite weist die Studie des Ariadne-Projekts auf. Demnach würden zwischen 86 und 169 GW Back-up-Kraftwerke gebraucht werden. Darunter würden je nach Szenario zwischen 25 und 68 GW Wasserstoffkraftwerke fallen sowie 19 bis 144 GW Gaskraftwerke.
Wo liegt der Knackpunkt?
Einerseits sind Gaskraftwerke nötig, um bis 2038 aus der klimaschädlicheren Kohle aussteigen zu können. Schon jetzt bestehen Zweifel, ob der vorgezogene Braunkohleausstieg in Nordrhein-Westfalen mangels neuer gesicherter Leistung so funktionieren kann.
Andererseits hegen Gegner eines zu üppigen Gaskraftwerksausbaus den Verdacht, dass so grünere und kosteneffizientere Technologien wie Batteriespeicher verhindert würden.
Gaskraftwerke sind auch deshalb umstritten, weil sie zunächst mit Erdgas betrieben werden würden. Eine Umstellung auf Wasserstoff wäre zwar klimafreundlicher. Allerdings müssen dafür zuerst Verfügbarkeits- und Preisfragen geklärt werden. Die Abscheidung von Kohlendioxid an Gaskraftwerken ist Umweltverbänden ebenfalls ein Dorn im Auge. Sie fürchten, dass so Erdgas länger als nötig in Gaskraftwerken verbrannt wird.
In welche Richtung könnte es politisch gehen?
Bei ihrem zweiten öffentlichen Auftritt als Wirtschaftsministerin sorgte Reiche für Aufsehen, als sie nicht nur den Zubau von bis zu 20, sondern von mindestens 20 GW forderte. Die CDU-Politikerin will die ersten Ausschreibungen auch nicht mit Kriterien überfrachten. Führende SPD-Energiepolitiker pochen dagegen sehr wohl darauf, dass neue Gaskraftwerke auf Wasserstoff umrüstbar sind und auch zügig mit Wasserstoff betrieben werden.
3. Netzausbau
Das deutsche Stromnetz soll bis 2045 ausgebaut werden. Den Rahmen dafür gibt der Netzentwicklungsplan Strom der Bundesnetzagentur (BNetzA) vor. Laut diesem sollen 4800 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen installiert werden, hinzu kommen 2500 Kilometer bestehende Verbindungen, die verstärkt werden sollen. Das Netz muss ausgebaut werden, um den veränderten Anforderungen aufgrund des Ausbaus der erneuerbaren Energien gerecht zu werden. Beispielsweise muss der grüne Strom aus den Windkraftanlagen, die zum Großteil im Norden des Landes stehen, auf den Rest des Landes verteilt werden.
Hierfür sieht die BNetzA unter anderem fünf weitere Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungs-Korridore (HGÜ) vor, besser unter dem Namen Stromautobahnen bekannt. Drei solcher Korridore sind bereits in Planung oder Bau. In kleinerem Maßstab finden sich solche Übertragungssysteme bereits zwischen Festland und Offshore-Windkraftanlagen und zwischen Deutschland und anderen Ländern, wie beispielsweise Schweden.
Im Jahr 2024 wurden 1799 Trassenkilometer genehmigt, wie es aus dem Wirtschafts- und Energieministerium heißt. Für das Jahr 2025 rechnet das BMWE mit 2364 Trassenkilometern. Ende 2024 waren 2349 Kilometer der geplanten Bundes- und Landesvorhaben in Betrieb. 4107 Kilometer befanden sich im Bau und 4673 Kilometer waren noch im Planfeststellungsverfahren. Die Zahlen beziehen sich auf Gleichstromvorhaben.
In einem Sonderbericht des Bundesrechnungshofs heißt es zum Netzausbau, dass dieser im Jahr 2023 bereits um sieben Jahre und 6000 Kilometer zurückhängen würde – auf Übertragungsnetzebene. Eine aktuelle Analyse des Standes lang zuletzt nicht vor.
Wie ist der jetzige Stand beim Ausbau der erneuerbaren Energien?
Die Ampelkoalition hat die Ausbauziele für erneuerbare Energien deutlich angezogen. Bis 2030 sollen demnach insgesamt 115 Gigawatt (GW) Windkraftanlagen an Land stehen. Bei Windkraftanlagen auf See sollen es 30 GW sein und bei Photovoltaik 215 GW. Gesetztes Ziel ist es, dass im Jahr 2030 mindestens 80 Prozent des Brutto-Strombedarfs durch erneuerbare Energien abgedeckt werden.
Die Ziele bis 2030 auf einen Blick:
- Photovoltaik (PV): 215 Gigawatt
- Windenergie an Land: 115 Gigawatt
- Windenergie auf dem Wasser: 30 Gigawatt
- Biomasse: 8,4 Gigawatt
2024 wurde mit der Installation von 17,3 Gigawatt Photovoltaik das Zwischenziel aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sogar übertroffen, wie der BDEW schreibt. 28 Gigawatt müssen bis 2026 noch zugebaut werden, bis Juli 2025 wurden 7,4 Gigawatt installiert.
Im Photovoltaikbereich befindet man sich derzeit laut Ariadne-Projekt auf gutem Weg. Bei Windenergie hängt Deutschland dagegen bereits zurück. Im laufenden Jahr wurden bereits 2,1 Gigawatt Windleistung installiert, eine deutliche Beschleunigung zum Vorjahr, da waren es im selben Zeitintervall lediglich 1,4 Gigawatt. Bis 2026 müssen noch rund 20 Gigawatt hinzukommen, wie der BDEW schreibt.
"Aufgrund des zu geringen Fortschritts der letzten Jahrzehnte müssen jetzt zahlreiche Transformationen parallel und in kurzer Zeit erreicht werden", heißt es in der Studie. Die von Ariadne zugrunde gelegten Szenarien für Klimaneutralität zeigen, dass sich bis 2030 die Stromerzeugung in den Bereich Wind und Solar verdreifachen muss. Trotzdem lag der Anteil an Strom aus erneuerbaren Energien im Jahr 2024 bei fast 55 Prozent, so hoch wie noch nie. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es gerade einmal 6,6 Prozent.
Was ist hier der Knackpunkt?
Bei der Energieinfrastruktur handelt es sich um natürliche Monopole. Die Investitionen in Netze refinanzieren sich über die Netzentgelte. Bis 2030 werden sehr hohe Investitionen in die Stromnetze erfolgen. Wenn sich der Ausbau der Erneuerbaren jedoch verlangsamen sollte, besteht das Risiko, dass die Netze nicht ausgelastet sind, wie es im Bericht von Agora heißt. Ergo, die Netzentgelte könnten in Zukunft steigen. In der Studie von Agora wird vorgeschlagen, dass auf Freileitungen anstatt Erdkabel zurückgegriffen wird, außerdem wird empfohlen, die Eigenkapitalbeteiligung des Bundes an Übertragungsnetzbetreibern zu erhöhen und dynamische Netzentgelte einzuführen. In den kommenden 20 Jahren könnten so bis zu 160 Milliarden Euro an Zuschüssen eingespart und die Netzentgelte stabil gehalten werden. Ob der Monitoringbericht, der vom Reiche-Ministerium in Auftrag gegeben wurde, diese Sicht teilt, bleibt abzuwarten.
Der Ausbau der Übertragungsnetze wird laut Hans-Böckler-Stiftung bis zum Jahr 2045 rund 328 Milliarden Euro kosten. Damit die Ziele aus dem Netzentwicklungsplan, der von den vier Übertragungsnetzbetreibern alle zwei Jahre erstellt wird, erreicht werden, müssten die Investitionen massiv steigen. Im Jahr 2023 wurden beispielsweise acht Milliarden investiert, bis 2037 müssten die Investitionen jedoch pro Jahr um 150 Prozent steigen. Bei den Verteilnetzen sind laut der Studie bis 323 Milliarden Euro bis zum Jahr 2045 notwendig. Insgesamt müsste das Investitionsvolumen beim Netzausbau auf rund 34 Milliarden Euro anwachsen, ein Zuwachs von 127 Prozent im Vergleich zum Jahr 2023. Von den Netzbetreibern wurde ebenfalls angekündigt, dass die Investitionen bis 2045 die 500-Milliarden-Marke übersteigen werden.
Ministerin Reiche äußerte zuletzt die Forderung, dass "die Kosten für den Netzausbau nicht mehr nur über die Netzbetreiber und die allgemeinen Netzentgelte von den Stromkunden zu bezahlen" seien. Sie möchte Betreiber von Ökostromanlagen an der Finanzierung beteiligt. Um die Kosten beim Netzausbau zu drücken, hat Reiche angekündigt, dass sich beim Bau neuer Anlagen an den bereits bestehenden Stromnetzen orientiert werden soll.
Zuletzt hatte sie bereits Kürzungen im Solarbereich auf den Tisch gebracht. Ihrer Auffassung nach würden sich die Solaranlagen bereits ohne Unterstützung aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) für die Hausbesitzer rentieren. Umweltverbände und Solarbranche widersprechen.
Warnung vor langsamerem EEG-Ausbau
Erst vor Kurzem warnte die Stiftung Klimaneutralität davor, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien in Folge des Monitoringberichts verlangsamt wird. Selbst wenn ein geringerer Strombedarf als bisher prognostiziert werden sollte, sei es trotzdem notwendig, weiter an den Ausbauzielen festzuhalten, so die Auffassung des Thinktanks.
Der Verband der Wasser- und Energiewirtschaft BDEW teilt diese Auffassung. "Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist eine Erfolgsgeschichte. Wir dürfen jetzt nicht im Tempo nachlassen, denn wir brauchen perspektivisch mehr erneuerbare Energie – für die Stromversorgung, für die Wärmeversorgung, den Verkehr und die Industrie", heißt es von Kerstin Andreae, der Vorsitzenden der BDEW-Hauptgeschäftsführung. Die ungesteuerte Einspeisung stelle die Netzbetreiber jedoch vor Herausforderungen, hier müsse man effizienter werden, so Andreae.
4. Wasserstoffhochlauf
Wie ist der jetzige Stand und welche Prognosen gibt es?
In der Fortschreibung der Nationalen Wasserstoffstrategie ging die Ampelkoalition davon aus, dass der gesamte Wasserstoffbedarf in Deutschland im Jahr 2030 auf 95 bis 130 TWh steigen werde. Im Jahr 2045 würde er dann bei 360 bis 500 TWh liegen. 200 TWh für Derivate würden hinzukommen.
Tatsächlich hinkt die Bundesrepublik den selbst gesteckten Zielen weit hinterher. Bis 2030 sollten in Deutschland zehn Gigawatt (GW) Elektrolyseleistung installiert werden. Anfang 2025 war nach Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) lediglich ein Prozent davon realisiert worden.
Richtigkeit und Sinn dieser Annahmen sind in Studien in diesem Jahr stark in Zweifel gezogen worden. Laut Energy-Playbook des Energiekonzerns Eon könnte die Wasserstoffnachfrage, bezogen auf die gesamte Europäische Union, deutlich niedriger ausfallen als erwartet.
Auch die Boston Consulting Group (BCG) warnt vor unverhältnismäßig hohen Kosten, sollte grüner Wasserstoff im Stromsektor bereits zu Beginn des kommenden Jahrzehnts zum Einsatz kommen. Die Unternehmensberatung kann sich einen langsameren und geringeren Wasserstoffhochlauf vorstellen. Auch mithilfe von Erdgas erzeugter Wasserstoff beziehungsweise Technologien zur Abscheidung und Speicherung von Kohlenstoffdioxid sollten eine größere Rolle spielen.
Was ist hier der Knackpunkt?
Die Befürchtung in der Wasserstoffbranche ist groß, dass ein Zurückschrauben des erwarteten Wasserstoffbedarfs den Hochlauf bremst. Schon jetzt haben Unternehmen wie die Energiekonzerne Eon und Statkraft oder der Stahlhersteller Arcelor Mittal wegen anhaltender Unsicherheiten über Preis- und Verfügbarkeitsfragen ihre Wasserstoffambitionen zurückgefahren. Andere Unternehmen wie EWE oder Thyssenkrupp Stahl halten an ihren Projekten fest.
Dabei hängt das Tempo des Wasserstoffhochlaufs auch von Entscheidungen in den bisher genannten Themenfeldern ab. Werden nicht so viele Wind- und Solarenergieanlagen zugebaut wie angenommen, sinkt das Potenzial für grünen Wasserstoff. Werden Gaskraftwerke nicht dazu verpflichtet, früh auf Wasserstoff umzustellen, fällt ein beträchtlicher Teil der Nachfrage weg. Werden die Kriterien für zulässigen Wasserstoff gelockert, hat das negative Folgen für Investitionen beispielsweise in Elektrolyseure.
In welche Richtung könnte es politisch gehen?
Das deutete Wirtschaftsministerin Reiche bei einer Pressekonferenz im Juli an. "Der Wasserstoffhochlauf ist weltweit in Verzug", führte sie aus. Als Gründe nannte sie gestiegene Projektkosten und Zinsen, vielfache Projektverzögerungen sowie vielfach nicht intakte Lieferketten. Zudem sei grüner, vom Strompreis abhängiger Wasserstoff kurz- und mittelfristig nicht wettbewerbsfähig.
Die Ministerin verwies darauf, dass deshalb nun auch die Europäische Kommission offen für andere Farben sei, speziell für blauen Wasserstoff. Gemeint ist Wasserstoff, der mithilfe von Erdgas gewonnen wird. Erdgas wird in diesem Fall abgeschieden und beispielsweise im Meeresgrund verpresst.
"Wenn es gelänge, diesen [blauen Wasserstoff, Anm. d. Red.] in einem überschaubar komplizierten Rahmen zum Einsatz zu bringen, dann könnten wir in die Lage kommen, dass Stahlhersteller, aber auch Chemie diesen blauen Wasserstoff in die Industrieprozesse einführen", erläuterte die CDU-Politikerin. "Wir sind da aber noch nicht." Wann es einen Wasserstoffmarkt geben werde, der ähnlich gut funktioniere wie aktuell Erdgas oder Ammoniak, sei zum heutigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen.

