Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU, Zweite von links), hier bei einem Besuch des Chemieparks Leuna in Sachsen-Anhalt im Rahmen ihrer Sommerreise

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU, Zweite von links), hier bei einem Besuch des Chemieparks Leuna in Sachsen-Anhalt im Rahmen ihrer Sommerreise

Bild: © Hendrik Schmidt/dpa

Von Andreas Baumer

Wenn es um Wasserstoff geht, dürfte Katherina Reiche kaum jemand etwas vormachen. Lange bevor die CDU-Politikerin Bundeswirtschaftsministerin wurde, trieb sie die Debatte um die Zukunft des klimafreundlichen Erdgasersatzes als Vorsitzende des Nationalen Wasserstoffrats voran.

Noch vor gut einem Jahr drängte eben dieser Wasserstoffrat, ein unabhängiges Beratergremium des Wirtschaftsministeriums, auf einen schnelleren Aufbau der Wasserstoffwirtschaft in Deutschland. "Die Deindustrialisierung ist keineswegs eine Drohkulisse – sondern eine reale Gefahr", wurde Reiche zitiert. "Nur mit Wasserstoff können wir Wertschöpfungsketten stärken, Schlüsselindustrien in Deutschland halten und unsere Klimaschutzziele erreichen."

Wie ernst es Reiche mit dem Aufbau der Wasserstoffwirtschaft meint, haben seitdem Kritiker mehrfach infrage gestellt. Beispiel Kraftwerksstrategie, die aus damaliger Ampelsicht auch ein wichtiger Baustein sein sollte, um in den 2030er-Jahren die Wasserstoffnachfrage nach oben zu treiben. Wie schnell neue, staatlich geförderte Gaskraftwerke auf den Wasserstoffbetrieb umstellen sollten, ließ Reiche bislang offen. Aus ihren bisherigen Aussagen ist zu schließen, dass sie Kraftwerksbetreibern gern mehr Zeit einräumen würde.

"Wasserstoffhochlauf weltweit in Verzug"

"Die Diskussion um den Fuel-Switch zu Wasserstoff findet bei den von Frau Reiche angekündigten Gaskraftwerken überhaupt nicht mehr statt", kritisierte Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, im Gespräch mit der ZfK. "Ich bin besorgt, dass die großen Wasserstoffverbraucher dadurch wegfallen und das den Markthochlauf abwürgt. Ohne diese großen Ankerkunden gibt es aber auch keine Möglichkeit, private Kunden dann in der Nähe mit Wasserstoff zu versorgen."

Wie Reiche selbst auf die Debatte blickt, erörterte sie jüngst bei einer Pressekonferenz. "Der Wasserstoffhochlauf ist weltweit in Verzug", führte sie aus. Als Gründe nannte sie gestiegene Projektkosten und Zinsen, vielfache Projektverzögerungen sowie vielfach nicht intakte Lieferketten.

Zudem sei grüner, vom Strompreis abhängiger Wasserstoff kurz- und mittelfristig nicht wettbewerbsfähig. Die Ministerin verwies darauf, dass deshalb nun auch die Europäische Kommission offen für andere Farben sei, speziell für blauen Wasserstoff. Gemeint ist Wasserstoff, der mithilfe von Erdgas gewonnen wird. Erdgas wird in diesem Fall abgeschieden und beispielsweise im Meeresgrund verpresst.

"Wenn es gelänge, diesen [blauen Wasserstoff, Anm. d. Red.] in einem überschaubar komplizierten Rahmen zum Einsatz zu bringen, dann könnten wir in die Lage kommen, dass Stahlhersteller, aber auch Chemie diesen blauen Wasserstoff in die Industrieprozesse einführen", erläuterte die CDU-Politikerin. "Wir sind da aber noch nicht." Wann es einen Wasserstoffmarkt gebe, der ähnlich gut funktioniere wie aktuell Erdgas oder Ammoniak, sei zum heutigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen.

Offshore-Wasserstoff-Turbo gestrichen

Wie stark sich die neue Wasserstofflinie der Bundesregierung bereits in Paragrafen niederschlägt, lässt sich anhand von zwei jüngst veröffentlichten Gesetzentwürfen nachvollziehen. Durchaus überraschend finden sich Beschleunigungsmaßnahmen für den Offshore-Wasserstoffbereich nicht mehr in der überarbeiteten Umsetzung der EU-Erneuerbaren-Richtlinie III (RED III).

Laut Ampelfassung, die im Bundestag versandete, sollte beispielsweise die Errichtung von Anlagen zur Wasserstofferzeugung auf See im überragenden öffentlichen Interesse liegen. Diese Passage fiel nun heraus. Dabei sei gerade dies "sehr wichtig", um den Wasserstoffhochlauf in Deutschland effizient voranzubringen, kritisierte der Energieverband BDEW. Sowohl BDEW als auch der Deutsche Wasserstoff-Verband (DWV) baten deshalb in ihren Stellungnahmen, diese Regelung unbedingt wieder aufzunehmen.

Um den Hochlauf des Wasserstoffs zu beschleunigen, nahm das Wirtschaftsministerium ein weiteres liegengebliebenes Ampelgesetz wieder auf. Ziel des Vorhabens ist es ausdrücklich, "den Markthochlauf von Wasserstoff deutlich zu beschleunigen und somit einen Beitrag zur Transformation Deutschlands zur klimaneutralen Volkswirtschaft zu leisten".

Mehr Bedeutung für blauen Wasserstoff

Im Unterschied zur Ampelfassung wurde dabei blauem Wasserstoff mehr Bedeutung eingeräumt. So soll nicht mehr nur der Erzeugung von grünem Wasserstoff ein überragendes öffentliches Interesse eingeräumt werden, was schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren zur Folge hätte. Der Deutschen Umwelthilfe stößt das sauer auf. "Nur grüner Wasserstoff kann dem Ziel der Treibhausgasneutralität 2045 dienen", schreibt sie. "Auf keinen Fall darf weitere Importinfrastruktur für fossile Energien gebaut werden – ob beschleunigt oder nicht." Der Umweltverband lehnt den Gesetzentwurf übrigens insgesamt ab.

Viel wohlwollender beurteilt der Stadtwerkeverband VKU den Entwurf. Dieser sei ein Zeichen, dass die Bundesregierung ihre Ankündigung von mehr Pragmatismus und weniger Bürokratie beim Wasserstoffhochlauf umsetzen wolle. Der VKU wünscht sich sogar noch mehr Technologieoffenheit. Nicht nur Elektrolyseure sollten ins überragende öffentliche Interesse, sondern zum Beispiel auch die biologische Erzeugung von Wasserstoff aus Biogas, schreibt er. Der BDEW wünscht sich zudem die Aufnahme von Wasserstoffkraftwerken und allen Offshore-Elektrolyseuren ins Gesetz und der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) überdies Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen.

Generell findet der DVGW, dass der Entwurf "möglichst alle Anwendungen und Infrastrukturen einer Wasserstoffwirtschaft" umfassen sollte. "Nur so können Erzeugung, Import, Transport und Verteilung sowie Einsatz von Wasserstoff parallel in gleicher Geschwindigkeit entwickelt werden und kann der Aufbau von Wertschöpfungsketten mit Wasserstoff und seinen Derivaten gelingen."

Aus Sicht des Verbands Gas- und Wasserstoffwirtschaft, vormals Zukunft Gas, bleibt vor allem die Einbeziehung kohlenstoffarmer Wasserstoffoptionen hinter den Erfordernissen zurück. Insgesamt brauche es ein "ambitionierteres Vorgehen", um den Hochlauf wirklich zu beschleunigen, heißt es.

Positive Nachrichten aus der Wasserstoffbranche

In den vergangenen Monaten machten Unternehmen Schlagzeilen, die ihre Wasserstoffprojekte zurückstellen. Der Energiekonzern Eon trat bei seinen Wasserstoffaktivitäten auf die Bremse. Der Energiekonzern Statkraft stoppte vorerst seine Entwicklung neuer Wasserstoffprojekte. Und auch der Stahlriese Arcelor Mittal will seine Stahlwerke vorerst nicht auf grünen Wasserstoff umstellen, was unter anderem die Pläne der Bremer SWB durcheinanderwirbelte

Dabei ging etwas unter, dass die Konkurrenten Thyssenkrupp Steel, Salzgitter und die Stahl-Holding-Saar ihre Wasserstoffvorhaben weiter verfolgen. Selbes gilt für den Essener Energiekonzern RWE, der am Kraftwerksstandort in Lingen (Niedersachsen) einen 300-Megawatt-Elektrolyseur bauen will.

Auch der niedersächsische Energieversorger EWE hält an seinen Plänen fest, einen 320-Megawatt-Elektrolyseur in Emden (ebenfalls Niedersachsen) zu errichten. Dessen Vorstandschef Stefan Dohler zählt zu den lautesten Verfechtern eines zügigen Wasserstoffhochlaufs innerhalb der Energiebranche. "Die Transformation der Industrie gelingt nur, wenn Wasserstoff nicht nur politisch gewollt, sondern auch wirtschaftlich machbar ist", sagte er jüngst. "Deutschland und Europa müssen liefern: bei Strompreisen, bei Förderung, bei Infrastruktur. Nur dann entsteht das Vertrauen, das es für Milliardeninvestitionen braucht." (mit dpa)

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