Langjährige Handelsexpertise: Aik Wirsbinna ist seit Januar 2025 Geschäftsführer der Stadtwerke Pforzheim und leitete zuvor fünf Jahre dort den Vertrieb. Davor war er unter anderem in Führungspositionen bei Eins Energie und Eon im Handelsbereich tätig.

Langjährige Handelsexpertise: Aik Wirsbinna ist seit Januar 2025 Geschäftsführer der Stadtwerke Pforzheim und leitete zuvor fünf Jahre dort den Vertrieb. Davor war er unter anderem in Führungspositionen bei Eins Energie und Eon im Handelsbereich tätig.

Bild: © Stadtwerke Pforzheim

Wir haben seit Beginn des Irankriegs die größten Schwankungen im Gasgroßhandel seit drei Jahren gesehen. Der Markt bleibt sehr volatil. Wie herausfordernd ist die aktuelle Situation und ab wann werden wir Auswirkungen bei den Neu- oder Endkundenpreisen sehen?

Die aktuelle Lage erinnert uns an den Ausbruch des Kriegs in der Ukraine vor vier Jahren. Auch damals haben die Märkte sehr stark reagiert und zu enormen Verwerfungen geführt. Nun erleben wir erneut, wie abhängig wir von den weltpolitischen Gegebenheiten sind.

Wie stark die Auswirkungen auf die Kundenpreise sein werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch schwer zu prognostizieren. Die Hoffnung ist, dass sich der Konflikt in Iran schnell wieder befrieden lässt und uns nicht derart lange fordern wird wie der Ukrainekrieg.

Wie gehen Sie mit der neuen Situation am Energiemarkt um?

Durch die Ereignisse in Iran und die damit verbundenen Preissprünge an den Energiemärkten haben wir uns dazu entschieden, unseren bundesweiten Vertrieb von Gas- und Stromverträgen für Privatkunden vorerst einzustellen. Sobald sich die Lage entspannt, werden wir unser Angebot wieder freischalten.

Für unsere Privatkunden in Pforzheim und der Region ändert sich vorerst nichts, hier sind weiterhin alle Produkte verfügbar. Wir hoffen auf ein schnelles Ende des Krieges, selbstverständlich in erster Linie aus humanitären Gründen, aber auch mit Blick auf die Preise an den Energiemärkten.

Schon vor dem Beginn des Iran-Kriegs bestand das Risiko, dass es zu extremen Preisspitzen kommen kann.

Wie herausfordernd ist die Situation im Vergleich zur Energiekrise 2021/2022?

Wir hoffen, dass sich der Konflikt nicht in der Form auswirkt, wie wir das beim Ukrainekrieg gesehen haben. Allerdings haben wir von Seiten der Stadtwerke Pforzheim reagiert und beispielsweise wieder ein Sonder-Risiko-Komitee einberufen, in dessen Rahmen wir uns regelmäßig über die aktuellen Entwicklungen austauschen und gegebenenfalls Entscheidungen treffen, wie wir weiter verfahren.

Man muss aber auch sagen: Schon vor dem Beginn des Iran-Kriegs hat der Gaspreis zum Spiken tendiert. Gerade als Reaktion auf geopolitische Veränderungen können die Preise extrem nach oben gehen. Im Januar etwa hatten wir eine längere Kältephase, die Speicher haben sich weiter geleert, das LNG-Angebot war gut. Wenn sich in dieser Kette irgendetwas verändert, kann es zu extremen Preisspitzen kommen.

Unabhängig vom Krieg: Was müsste man beim Marktdesign für Gasspeicher ändern, damit Vertriebe sich hier mit weniger Risiken konfrontiert sehen?

Es gibt keine bezahlbare Temperaturabsicherung mehr. Keiner bietet mehr diese Modelle an und wenn, dann nur zu horrenden Preise. Auch das Geschäftsmodell mit Speichern hat sich offensichtlich für die Speicherbetreiber nicht mehr gelohnt. Wir würden uns wieder bezahlbare Absicherungsmechanismen wünschen, um Wetterkapriolen auszunivellieren.

Wir sind in der Gasbeschaffung voll im Wetterrisiko. Das kann auch Einfluss auf den Wert des Portfolios haben und auf den Endkundenpreis, weil die Spotmengen extreme Preisspitzen annehmen können. Der Endkunde muss dann höhere Risikoprämien tragen.

In der Energiekrise 2021/22 hat sich in der Beschaffung die Spreu vom Weizen getrennt. Können kleinere Stadtwerke mit begrenzten personellen Ressourcen die Risiken in diesem Bereich auf Dauer überhaupt bewältigen?

Die gängigen Mengen- und Preisrisiken in einem Absatzportfolio sind auch für kleine kommunale Unternehmen stemmbar. Essenziell ist hier eine genaue Festlegung und Dokumentation der Beschaffungsregeln. Dennoch muss man ein Stück weit flexibel bleiben und stets die Möglichkeit haben, auf aktuelle Geschehnisse entsprechend zu reagieren. Das heißt, man benötigt Freiheitsgrade, innerhalb derer man agieren kann. All dies muss transparent für alle Beteiligten sein, auch für den Aufsichtsrat, und es muss ein professionelles Risikomanagement geben.

Ein kommunales Unternehmen muss zu jedem Zeitpunkt wissen, welche Absatzportfolien noch nicht geschlossen sind.

Können Sie das noch ein bisschen konkreter machen?

Offene Positionen etwa müssen am selben Tag geschlossen werden.
Ein kommunales Unternehmen muss zu jedem Zeitpunkt wissen, welche Absatzportfolien noch nicht geschlossen sind. Wichtig ist eine hohe Transparenz der zu bewertenden Risiken in den Beschaffungssportfolien und die muss in Echtzeit vorliegen. Alles andere ist fahrlässig.

Im Nachgang der Energiekrise 2021/22 war man dennoch erstaunt, dass es oftmals offenbar kein funktionierendes Risikomanagement gab und wie viele Aufsichtsräte nichts von der Beschaffungssituation und den Risiken des jeweiligen Stadtwerks gewusst haben sollen.

Wichtig ist eine durchgängige Informationskette vom Portfoliomanager über die Leitungsebenen bis zur Geschäftsführung und von der Geschäftsführung bis zum Aufsichtsrat. Wir berichten regelmäßig im Aufsichtsrat über die aktuelle Geschäftslage und Marktentwicklung. Gerade auch kleinere und mittlere Unternehmen müssen das Risikomanagement genau im Blick behalten, um nicht in wirtschaftliche Schieflage zu geraten.

Fehlt in vielen Aufsichtsräten offenbar aber die notwendige energiewirtschaftliche Expertise, um energiewirtschaftliche Risiken bewerten zu können?

Dafür gibt es ja das Risikohandbuch und die Beschaffungsrichtlinien. Der Aufsichtsrat muss transparent informiert werden, damit er seiner Verantwortung gerecht werden kann. Wir haben in Pforzheim die Thüga als Minderheitsgesellschafter, die den Part der Risikosteuerung im Aufsichtsrat übernimmt, wenn es um Beschaffungsmärkte geht.

Die Branche hat sich mit dem Tarifsplit in der Grundversorgung in der Energiekrise 2021/22 keinen Gefallen getan.

Was sind für Sie die wichtigsten Lehren aus der jüngsten Energiekrise, die auch in der aktuellen, sehr turbulenten Phase an den Energiemärkten beachtet werden sollten?

Die wichtigste Lehre ist, dass die Beschaffungsmodelle sehr transparent sein müssen. Sie müssen vom Aufsichtsrat freigegeben und in einem Risikohandbuch und einem Beschaffungsleitfaden dokumentiert sein. Nicht nur die Entwicklung des Beschaffungsportfolios ist hier von Bedeutung, sondern auch das Absatzportfolio. Strukturierte, langfristige Beschaffungsstrategien allein führen nicht zum Erfolg, wenn der Kunde weniger verbraucht oder wechselt. Hierfür benötigt man auch Risikoprämien – diese müssen entsprechend höher sein, wenn der Markt stark schwankt. Ich sehe aber noch weitere Lehren.

Welche Lehren sind das?

Man muss nicht immer der günstigste im Markt sein. Es kommt vielmehr darauf an, dass die Preise wettbewerbsfähig sind. Das wird leicht verwechselt. Auch die Preise bei Check24 und Verivox schwanken mit den Marktpreisen.

Wie sieht denn der Beschaffungsmix in Pforzheim aktuell aus? Wie viel der Mengen beschaffen Sie strukturiert und wie viel über Kampagnenbeschaffung?

Wir wissen ja, wie viele Kundenverträge zu bestimmten Zeitpunkten im Jahr auslaufen. Genau für diese Fälle beschaffen wir gewisse Energievolumen, um dann marktfähig zu sein. Wenn ich die Mengen alle schon zu 100 Prozent vorher strukturiert beschafft hätte, wäre das nicht möglich. Das erfordert natürlich ein noch schnelleres Monitoring des Portfolios als in der Vergangenheit. Das machen wir aber nur für Kunden, die bei uns einen Produktvertrag haben. Für die grundversorgten Kunden beschaffen wir weiter strukturiert und veröffentlichen zum Ende des Jahres die Grundversorgungspreise.

An vielen Orten gab es im Nachgang an die Energiekrise 2021/22 zu teuer eingekaufte Übermengen und in Folge teils hohe Verluste für einige Stadtwerkevertriebe. Wie gut sind denn die Stadtwerke Pforzheim durch diese Phase gekommen?

Wir sind gut durch diese Phase gekommen. Unsere Beschaffungsstrategie ist da relativ gut aufgegangen. Eine Sache würden wir aber definitiv künftig anders machen: Viele externe Kunden, die von anderen Anbietern nicht mehr beliefert wurden, mussten wir damals in unsere Grundversorgung aufnehmen. Deshalb haben wir einen zweiten Grundversorgungstarif eingeführt, um das Preisniveau für unsere bestehenden Kunden in der Grundversorgung abzusichern. Da waren wir aus heutiger Sicht zu schnell.

Wir hatten die Sorge, dass wir die Risiken nicht mehr bewältigen können und haben deshalb einen Preis aufgerufen (Anmerkung der Redaktion: Der Neukundentarif lag kurzzeitig bei 107,66 Cent pro Kilowattstunde), der nicht gerechtfertigt war. Die Landeskartellbehörde hat dies dann überprüft. Die Ermittlungen wurden eingestellt, weil diese Preise nie mit Kunden abgerechnet worden sind. Wir waren aber auch nicht die einzigen, die das gemacht haben. Grundsätzlich hat sich die Branche mit dem Tarifsplit in der Grundversorgung damals keinen Gefallen getan. Wir haben eine Verantwortung als Grundversorger, die Kunden sicher zu beliefern.

.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen
Die Fragen stellte

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper