Der Krieg am Persischen Golf hat den europäische Gaspreis im Laufe des gestrigen Tages um 44 Prozent gegenüber dem Freitag ansteigen lassen. Ein Produktionsstillstand für Flüssigerdgas in Katar verstärkte die ohnehin große Unsicherheit an den Märkten. An der Börse in Amsterdam zog daraufhin der Preis für den richtungsweisenden Erdgas-Terminkontrakt TTF zur Lieferung im Mai auf zuletzt 45,32 Euro je Megawattstunde (MWh) an. Das sind etwa 44 Prozent mehr als am Freitag.
Wie die staatliche katarische Nachrichtenagentur Qatar News Agency nun am späten Mittag auf der Plattform X mitteilte, wurde die Produktion von Flüssigerdgas und verwandten Produkten aufgrund eines Angriffs auf die Anlagen von Qatar Energy in der Industriezone Ras Laffan und im Industriegebiet Mesaieed eingestellt. Eigentlich sollte Katar ab 2026 reichlich Erdgas nach Deutschland liefern, auch wenn es hierbei zuletzt einige Unstimmigkeiten gab. Auch die Preise für Sprit und Heizöl zogen gestern deutlich an.
Auswirkungen auch auf Strommarkt
Am Wochenende hatten Israel und die USA den Iran angegriffen und dabei unter anderem das Staatsoberhaupt und den Religionsführer des Landes Ajatollah Ali Chamenei getötet. Der Iran reagierte mit Gegenangriffen und schränkte außerdem den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus ein, eine der wichtigsten Engstellen des weltweiten Energiehandels.
Bereits gestern Morgen hatte die Furcht vor Versorgungsengpässen wegen des Iran-Krieges und der Einschränkung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus, einem Nadelöhr für Öl- und Gastransporte, die Gasnotierungen um rund 25 Prozent nach oben schnellen lassen. Durch die Meerenge wird rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggas-Bedarfs transportiert. Der größte Teil davon geht in Richtung China, Indien und in andere asiatische Länder.
Auch auf dem Strommarkt hatte der Preissprung beim Gas Auswirkungen, die Befüllung der Gasspeicher könnte sich zudem verteuern. Sorge vor einer Gasknappheit äußerte aber keiner der von der ZFK befragten Handelsexperten. Die Bundesregierung hat unterdessen ihre Krisenmechanismen reaktiviert. Man habe wieder die Taskforce ins Leben gerufen, die schon zu Zeiten der Gasmangellage 2022 aktiv gewesen sei, sagte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche. Diese solle die Lage mehrfach am Tag diskutieren, beobachten und gegebenenfalls Maßnahmen ableiten. Eingriffe in den Markt seien derzeit aber nicht geplant.
Die Intensität der Angriffe gegen den Iran als auch die Antwort des Iran seien deutlich stärker ausgefallen als erwartet, schreibt Thomas Rupp, Geschäftsführer von EWE Trading. Zusätzlich habe auch die Zielvergabe eines Regimewechsels die Unsicherheit vergrößert und die Preise an den Gasmärkten zusätzlich signifikant steigen lassen.

Es wird mit höchster Vorsicht agiert. Offene Positionen werden möglichst gering gehalten.
Stephan Hausl
Pricing-Experte Syneco
"Die untertägige Volatilität ist sehr hoch. Deshalb wird mit höchster Vorsicht agiert. Offene Positionen werden möglichst gering gehalten, um das Risiko zu reduzieren", ergänzt Stephan Hausl, Experte für Pricing bei der Thüga-Handelstochter Syneco.
Die aktuelle Entwicklung führe vor allem am Terminmarkt am "kurzen Ende" zu deutlichen Preisanstiegen beim Gas. Die Gaspreise für das zweite Quartal lägen aktuell über denen für den Winter 2026. Das schließe eine sinnvolle Einspeicherung aktuell aus. Die milden Temperaturen hatten zuletzt die Lage bei den Gasspeichern etwas entschärft. Am vergangenen Samstag war der Füllstand um 0,15 Prozent auf 20,73 Prozent gestiegen.
Auch der Strommarkt werde von den steigenden Gaspreisen nach oben gezogen. "Nachdem der CO2-Preis mit leichten Abschlägen gehandelt wird, ist der Effekt aber gedämpft", verdeutlicht Hausl. So liege beispielsweise der Jahreskontrakt Cal27 Base nur zwei Prozent im Plus, während das TTF Gas Cal 27 bei plus sechs Prozent liege.

Wir werden auch in den kommenden Monaten in der Lage sein, unseren Gasbedarf inklusive Einspeichermengen zu decken – nur gegebenenfalls zu höheren Preisen.
Jan Brübach
Geschäftsführer MVV Trading
Einen Gasengpass schließt Martin Brübach, Geschäftsführer der MVV Trading trotz der angespannten Weltlage momentan aus. Die aktuelle Lage könne eine Reduktion des globalen LNG-Angebots zur Folge haben und entsprechend höhere Weltmarktpreise mit sich bringen. "Dementsprechend werden wir auch in den kommenden Monaten stets in der Lage sein, unseren Gasbedarf inklusive Einspeichermengen zu decken – nur eben gegebenenfalls zu höheren Preisen", so Brübach.
Akteur im LNG-Bereich von Krieg in Nahost betroffen
"Inwieweit eine mögliche Verknappung auf dem weltweiten LNG-Markt die Befüllung weiter erschwert, bleibt abzuwarten. Im Moment sind die relevanten Preis-Spreads sehr eng, sodass es hier keine klaren Marktsignale gibt", erklärt Thomas Rupp von EWE Trading. Die europäische Gasversorgung sei aber heute deutlich breiter diversifiziert als noch vor einigen Jahren. "Dadurch ist die Resilienz des Systems insgesamt gestiegen", erklärt Rupp.
Gleichzeitig hänge die Resilienz im LNG-Bereich nur von wenigen Akteuren ab, von denen einer, Katar, von der aktuellen Situation direkt betroffen sei. "Letztlich fehlen dem globalen Gasmarkt aktuell die Mengen aus dem Nahen Osten und dies drückt sich in höheren Preisen auch in Europa aus", ergänzt Stephan Hausl von Syneco.
Weitet sich der Konflikt aus, droht ein deutlich höheres Preisniveau
"Am Ende haben wir einen liquiden globalisierten LNG-Markt mit den beiden kommunizierenden Röhren Europa und Asien im Wettbewerb um das globale Gasangebot", betont Jan Brübach von MVV Trading. Daher spiele es kaum eine Rolle, ob Mengen mit ursprünglicher Lieferrichtung Asien oder Europa wegfallen. "Die Preise werden im Mittel in beiden Regionen gleichermaßen ansteigen – und auch zu gegebener Zeit gemeinsam wieder fallen."
Alle drei Handelsexperten sind sich einig: Sollte der Konflikt sich ausweiten droht eine erhöhte Volatilität und ein deutlich höheres Preisniveau. "Wie hoch dieses Preisniveau sein könnte, wird unterschiedlich bewertet, liegt aber diversen Marktakteuren zufolge in der Regel im Bereich von 80 bis 110 Euro pro Terawattstunde beim TTF-Monatskontrakt", verdeutlicht Torsten Rupp.
Trotz des großen Preissprungs ordnet Martin Brübach die aktuelle Preisreaktion noch als vergleichsweise "moderat" ein. Ähnliche Ereignisse hätten vor einigen Jahren noch deutlich stärkere Ausschläge hervorgerufen: "Man gewinnt den Eindruck, dass sich die Marktteilnehmer mehr und mehr an einen dauerhaften geopolitischen Krisenmodus gewöhnen."



