Negative Strompreise treten immer häufiger auf, wenn ein Überangebot – etwa durch starke Solar- oder Windeinspeisung – auf eine vergleichsweise geringe Nachfrage trifft. In solchen Situationen zahlen Erzeuger dafür, dass ihr Strom abgenommen wird, was in Zeiten hoher erneuerbarer Einspeisung zunehmend zum Normalfall wird. Die Epex Spot reagiert darauf nun mit einer weiteren Absenkung der technischen Preisuntergrenze im Day-Ahead-Markt auf -600 Euro pro Megawattstunde. Diese Anpassung folgt europäischen Vorgaben und soll extreme Marktsituationen besser abbilden – wirft aber zugleich die Frage auf, ob sich die strukturellen Ursachen negativer Preise damit tatsächlich entschärfen lassen. Darüber sprach die ZFK mit Christoph Maurer, Geschäftsführer des Energieberatungsunternehmens Consentec aus Aachen.
Herr Mauerer, auf welche Entwicklungen müssen wir uns in Sachen Negativpreise in den nächsten Monaten einstellen?
Die Absenkung des Preislimits ist keine freie Entscheidung der NEMOs wie Epex Spot, sondern ein Prozess, der durch EU-Vorgaben (konkret ACER Decision on the harmonised maximum and minimum clearing prices for single day-ahead coupling vom Februar) vorgegeben ist.
Es ist aber zu befürchten, dass diese Änderung der Limite das Problem nicht fundamental lösen wird. Erstens ist die zusätzliche fundamentale Flexibilität, die zwischen -500 Euro/MWh und -600 Euro/MWh in den Markt kommt, vermutlich begrenzt. Zweitens haben wir schon am 1. Mai im Intraday-Handel, der weitere Preisgrenzen hat als der Day-Ahead-Handel, Preise unterhalb von -600 Euro/MWh gesehen.

Experten warnen vor Implikationen eines Überangebots von Solarstrom für die Netzbetreiber. Es heißt, die verfügbare Regelleistung könne als Puffer auf Dauer nicht ausreichen. Wie realistisch sind Szenarien, in denen die Regelleistung als Puffer auf Dauer nicht ausreicht?
Eine Wahrscheinlichkeit ist sehr schwer anzugeben. Und man sollte auch nicht den Eindruck erwecken, das System habe kurz vor dem Kollaps gestanden. Letztendlich war am 1. Mai der NRV-Saldo, der die Abweichungen zwischen Erzeugung und Verbrauch systemweit angibt, zum Glück den ganzen Tag über in einem unkritischen Bereich.
Trotzdem müssen wir uns bewusst sein, dass eine Situation, in der die erwartete Einspeisung nicht steuerbarer PV-Anlagen weder am Markt untergebracht noch abgeregelt werden kann, das System in kritische Zustände bringen kann.
Sind hier prophylaktische Schritte nötig, um das zu verhindern?
Das Solarspitzengesetz hatte das im Grundsatz mit unterschiedlichen Maßnahmen adressiert, die vor allem konsequent umgesetzt werden müssen.
Dazu gehören aus meiner Sicht: die tatsächliche Steuerbarkeit von Altanlagen, die dazu gesetzlich verpflichtet sind, die Stärkung der Direktvermarktung auch kleiner PV-Anlagen zu stärken, inklusive aller Digitalisierungsprozesse, die da dranhängen sowie die konsequente Umsetzung der Steuerbarkeit für Anlagen ab sieben Kilowatt.
Gerade der letzte Punkt ist wegen der bekannten Probleme beim Smart-Meter-Rollout und insbesondere mit Blick auf die Verzögerungen bei den Steuerboxen wichtig. Dazu gehören dann insbesondere auch Prozesse, mit denen diese Anlagen angesteuert werden können und letztendlich auf die Vermarktung bei negativen Preisen verzichtet werden kann.
Es muss aus meiner Sicht zudem beobachtet werden, wie sich der Zubau in den weiterhin nicht steuerbaren Segmenten (Balkonsolar, Eigenverbrauch) oder solchen, bei denen die Steuerbarkeit zumindest nicht prioritär ausgerollt wird (< 7 kW) entwickelt. Ich halte es für kritisch, dass die Gesamtheit der nicht steuerbaren Erzeugung nicht weiter anwächst.
Mit Blick auf die Zukunft müssen wir hier darauf achten, die Lage zumindest nicht weiter zu verschlimmern.
Wenn das Limit für Negativpreise im Day-Ahead erhöht wird, kann es für Steuerzahler teurer werden und die eher wohlhabenden Besitzer von E-Autos und Wallboxen profitieren. Könnte das die Akzeptanz für die Negativpreise gefährden?
Ich denke, dass diese Akzeptanz zurecht bereits ins Wanken gerät. Negative Preise sind eine Konsequenz verfehlten Fördersystemdesigns in der Vergangenheit. Das lässt sich mit Blick auf Bestandsanlagen nur bedingt lösen, weil wir damit andere Güter wie Investitionssicherheit gefährden würden. Aber mit Blick auf die Zukunft müssen wir hier darauf achten, die Lage zumindest nicht weiter zu verschlimmern. Verbesserungen sind mittelfristig insbesondere durch den Zubau von Batterien zu erhoffen, mit denen die Nachfrage in Situationen mit Spitzeneinspeisung deutlich steigen dürfte.



