Rekordwerte bei Solareinspeisrung sorgen für negative Rekorde an der Strombörse. Die Epex Spot reagiert mit neuem Preislimit.

Rekordwerte bei Solareinspeisrung sorgen für negative Rekorde an der Strombörse. Die Epex Spot reagiert mit neuem Preislimit.

Bild: © Kampan/AdobeStock

Die Epex Spot hat als Reaktion auf die rekordverdächtigen negativen Stundenpreise an der Strombörse die Mindestpreisgrenze auf den gekoppelten europäischen Day-Ahead-Strombörsen (SDAC) auf minus 600 Euro je Megawattstunde (MWh) abgesenkt.

Das bestätigte die Tochter der European Energy Exchange (EEX) auf ZFK-Anfrage. Diese Anpassung erfolge im Rahmen der harmonisierten Methodik für maximale und minimale Clearingpreise (HMMCP), die von allen beteiligten Strombörsen gemeinsam angewendet wird und gilt vorerst bis zum 28. Mai.

Aussagekräftiger Marktpreis als Ziel

Ziel dieser Maßnahme sei es, jederzeit einen aussagekräftigen Marktpreis zu ermöglichen, der sich aus Angebot und Nachfrage ergibt. "Es handelt sich dabei ausdrücklich nicht um ein klassisches Preislimit, Price-Cap", sondern um eine technische Grenze, die dynamisch angepasst werden kann, wenn Marktbedingungen dies erfordern, hieß es dazu aus Paris.

Es kommt zu einer solchen Anpassung, wenn in einer Gebotszone mindestens 70 Prozent der aktuellen Preisgrenze erreicht werden. Im Fall der Untergrenze (-500 Euro/MWh) geschah dies zunächst am 26. April 2026 und erneut am 1. Mai 2026, wodurch der Anpassungsmechanismus aktiviert wurde, teilte die Epex Spot weiter mit.

Nach einer festgelegten Frist von 28 Tagen wird die Untergrenze deshalb nun um weitere 100 Euro/MWh auf -600 Euro/MWh abgesenkt. Sobald diese Änderung umgesetzt ist, wird der gesamte Mechanismus zurückgesetzt und kann bei erneuter Überschreitung der Schwellenwerte wieder von vorne beginnen. Weitere Anpassungen – sowohl nach oben als auch nach unten – sind somit grundsätzlich jederzeit möglich, sofern die Bedingungen erfüllt sind.

Anpassung der Handelsstrategien als Folge

Für Marktteilnehmer bedeutet die neue Untergrenze vor allem eine Anpassung ihrer Handelsstrategien. Insbesondere Akteure, die Gebote "zu jedem Preis" platzieren (sogenannte Price-Taker), müssen ihre Gebotslogik anpassen, da sich der mögliche Preisbereich erweitert. Eine Rückkehr zur bisherigen Grenze von -500 Euro/MWh ist im aktuellen Regelwerk nicht vorgesehen.

Lion Hirth ist Energiepolitik-Professor an der Berliner Hertie School sowie Gründer und Chef des Consultingunternehmens Neon.Bild: © Hertie School/Maurice Weiss

Der Strompreis von -500 Euro/MWh ist ein Warnsignal.

Lion Hirth

Gründer und Chef des Consultingunternehmens Neon

Für Endverbraucher mit dynamischen Stromtarifen könnte die Änderung potenziell Vorteile bringen – allerdings nur dann, wenn sich die Marktpreise tatsächlich im neu geschaffenen Bereich zwischen -500 und -600 Euro/MWh bewegen. Grundsätzlich bleibe das Ziel dynamischer Tarife aber unverändert: den Stromverbrauch flexibel an Preissignale anzupassen.

Die Marke von -500 Euro hat aber auch eine Bedeutung, erklärt Energieexperte Lion Hirth: "Der Strompreis von -500 Euro/MWh ist ein Warnsignal. Bei einem so stark negativen Preis sollten eigentlich mehr Solaranlagen abschalten", sagte er der ZFK.

Technisch sei das ohne Weiteres möglich, aber viele Solaranlagen würden eine staatliche Subvention erhalten, sodass sie selbst bei solchen Börsenstrompreisen noch weiter Geld verdienen und einspeisen. "Wir brauchen aber nicht nur regelbare Erzeuger, sondern auch intelligente Verbraucher und Speicher", fordert Hirth.

Vor allem seien mehr Großbatterien nötig, die den Überschussstrom aufnehmen können, und mehr intelligente Stromverbraucher, sodass beispielsweise Elektroautos automatisch mittags laden. Eine weitere Forderung von Hirth: stärker regional organisierter Börsenstromhandel, "damit Erzeugung und Verbrauch auch geographisch zusammenpassen". Wenn das geschafft sei, "müssen wir uns auch keine Sorgen um Stromüberschuss mehr machen."

Indes steigt die Häufigkeit der negativen Stundenpreise weiter. Laut Epex Spot wurden bis Anfang Mai 747 Viertelstunden registriert, was auf Stundenbasis 187 negativen Stunden entspricht. Dies unterstreicht die zunehmende Bedeutung solcher Preissituationen im Strommarkt.

Der 1. Mai 2026 markiere in diesem Zusammenhang einen besonders bemerkenswerten Punkt, da an diesem Tag erneut niedrige Preise erreicht wurden, die den Anpassungsmechanismus der Preisuntergrenze ausgelöst haben. Solche Ereignisse treten häufig an Feiertagen mit geringer Nachfrage und gleichzeitig hoher erneuerbarer Erzeugung auf.

Der Rekord verdeutlicht die strukturellen Veränderungen im Stromsystem: Mit wachsendem Anteil volatiler Erzeugung nehmen sowohl Häufigkeit als auch Intensität negativer Preise zu – und damit auch die Notwendigkeit, Marktmechanismen und technische Grenzen entsprechend weiterzuentwickeln.

Bild: © Consentec GmbH

Ich denke, dass diese Akzeptanz zurecht bereits ins Wanken gerät.

Christoph Maurer

Geschäftsführer Consentec

Die Anpassung des Limits auf -600 Euro/MWh könnte die Steuerzahler teuer zu stehen kommen und die Akzeptanz des Phänomens zusätzlich gefährden. "Ich denke, dass diese Akzeptanz zurecht bereits ins Wanken gerät", sagt Christoph Maurer, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Consentec GmbH im Interview mit der ZFK.

"Negative Preise sind eine Konsequenz verfehlten Fördersystemdesigns in der Vergangenheit", so sein Fazit. Diese lasse sich mit Blick auf Bestandsanlagen nur bedingt lösen, "weil wir damit andere Güter wie Investitionssicherheit gefährden würden". Mit Blick auf die Zukunft sei es wichtig, die Lage zumindest nicht weiter zu verschlimmern. "Verbesserungen sind mittelfristig insbesondere durch den Zubau von Batterien zu erhoffen, mit denen die Nachfrage in Situationen mit Spitzeneinspeisung deutlich steigen dürfte", so seine Erwartung.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper