Der Iran-Krieg ist in eine neue Eskalationsphase eingetreten, in der Energieinfrastruktur selbst zum Ziel wird. "Mit den Angriffen auf die große LNG-Anlage im katarischen Ras Laffan wird aus einer transportgetriebenen Störung ein strukturelles Angebotsrisiko – mit anhaltendem Aufwärtsdruck auf Europas Gas- und Strommärkte", sagt Jonas Hewing, Bereichsleiter Handel bei der Thüga-Tochter Syneco Trading. Die aktuellen Verwerfungen an den Energiemärkten könnten länger andauern als ursprünglich erwartet. Es könne eine Phase langanhaltender hoher, volatiler Gaspreise geben, weil die Branche stark vom globalen LNG-Markt abhängt

Wiederkehrende Krisen zeigen: In volatilen Märkten braucht es vor allem
einen klaren Überblick über Positionen und Risiken und einen belastbaren Plan.

In volatilen Märkten braucht es vor allem einen klaren Überblick über Positionen und Risiken.

Für Stadtwerke komme es jetzt weniger auf perfekte Marktprognosen an als auf belastbare Regeln, klare Zuständigkeiten und Transparenz über Positionen und Risiken. "Wiederkehrende Krisen zeigen: In volatilen Märkten braucht es vor allem einen klaren Überblick über Positionen und Risiken sowie einen belastbaren Plan. Wer ohne diese Grundlage steuert, fährt im Nebel – und das bei Sturm", sagt Moritz Herrmann, Bereichsleiter Portfoliomanagement bei Syneco Trading. Welche Anforderungen nun wichtig sind und welche Lehren dabei auch noch aus der Energiekrise 2022/23 gezogen werden können, haben die Syneco-Energieexperten in einem Gastbeitrag zusammengefasst.



Die aktuelle Iran-Krise zeigt, wie schnell aus geopolitischen Spannungen konkrete Beschaffungs-, Liquiditäts- und Steuerungsrisiken für kommunale Versorger werden. Für Stadtwerke stellt sich damit eine praktische Frage: Welche Mindeststandards muss ein Risiko- und Portfoliomanagement in der Energiebeschaffung heute erfüllen, damit Beschaffung und Steuerung auch unter Stress verlässlich funktionieren?

Die Erfahrungen aus der Energiekrise 2022/23 und die aktuellen Marktreaktionen machen deutlich: Entscheidend sind nicht möglichst komplexe Modelle, sondern klare Regeln, belastbare Prozesse und Transparenz über Positionen, Limits und Verantwortlichkeiten.
 Der folgende Überblick skizziert praxisnahe Mindeststandards, die unabhängig von Größe und Aufstellung eines Hauses erfüllt sein sollten.

  1. Risikohandbuch: der verbindliche Rahmen für alle Prozesse

    Das Risikohandbuch ist keine Formalie, sondern der zentrale Steuerungsrahmen der Energiebeschaffung. Es definiert die Risikostrategie des Hauses, die relevanten Risikoarten und Messmethoden, die Limitlogik und zulässigen Steuerungskorridore, organisatorische Verantwortlichkeiten sowie die Anforderungen an Reporting, Überwachung und Stresstests. Zugleich verankert es die Beschaffungsrisiken im unternehmensweiten Risikomanagement. Nur auf dieser Grundlage können operative Prozesse auch in volatilen Phasen diszipliniert und konsistent ablaufen.

    Wichtig ist auch: Viele Risikohandbücher sind vor der Energiekrise 2022/23 verfasst worden. Dort wo nicht geschehen, sollten diese überprüft und auf die aktuellen Markterfordernisse angepasst werden. Die Energiemärkte sind in den vergangenen Jahren deutlich volatiler geworden. Ein besonderes Augenmerk sollte auf Themen wie den Liquiditätsanforderungen in der Beschaffung gelegt werden. Ein Risikohandbuch muss gut lebbar und anwendbar sein. Es muss klar festgelegt sein, welche Zahlen hinterlegt werden müssen. Die Datenqualität ist hier von großer Bedeutung.

  2. Beschaffungsleitfaden: operative Regeln und klare Verantwortlichkeiten

    Der Beschaffungsleitfaden übersetzt die Risikostrategie in den operativen Alltag. Er regelt Portfoliostrukturen, Zuständigkeiten und Mengengerüste, Beschaffungsstrategien für verschiedene Kundensegmente, Beschaffungszeitfenster, Tranchenlogiken und Quoten sowie Abläufe und Freigaben im Beschaffungsprozess. Hinzu kommen klare Regelungen für die Abstimmung zwischen Vertrieb, Beschaffung und Risikocontrolling.

    Ein Beschaffungsleitfaden schafft Orientierung, verhindert spontane Einzelentscheidungen und macht das Vorgehen nachvollziehbar. Entscheidend ist allerdings, dass er nicht nur vorliegt, sondern verbindlich angewendet wird.
     
    Eine zentrale Erkenntnis aus den vergangenen Jahren:
    Es ist sinnvoll, die Komplexität der Beschaffungsportfolien auf ein steuerbares Maß zu reduzieren. So behalten die Verantwortlichen den Überblick und können schnell reagieren.
     

  3. Schnittstelle zwischen Vertrieb und Beschaffung: hier entstehen wesentliche Risiken

    Viele Risiken entstehen nicht nur durch Marktbewegungen, sondern durch Abweichungen zwischen Absatzprognosen und Beschaffungspositionen. Deshalb braucht es feste Prozesse für den regelmäßigen Abgleich der Absatzplanung, eine konsolidierte und geprüfte Datenbasis, abgestimmte Mengengerüste über alle Kundensegmente hinweg, klar definierte Rollen bei Prognose, Prüfung und Freigabe sowie festgelegte Anpassungsmechanismen bei Abweichungen.

    Ein Mindeststandard lautet: Vertrieb und Beschaffung arbeiten auf derselben Datenbasis und nicht nebeneinander her. Fehlt diese Schnittstellenqualität, bleiben selbst gute Strategien in der Praxis wirkungslos. 


    
Lessons learned: Die meisten Probleme in der Energiekrise 2022/2023 sind durch eine ungleiche Datenbasis zwischen Beschaffung und Vertrieb entstanden. Die Folge: Das Vertriebsportfolio hat nicht zum Beschaffungsportfolio gepasst.
     

  4. Transparenz, Reporting und Qualitätssicherung: das tägliche Betriebssystem der Beschaffung

    Ein modernes Risikomanagement steht und fällt mit Transparenz über die aktuelle Risikolage. Dazu gehört ein standardisiertes Reporting mit tagesaktueller Übersicht über offene Positionen, Risikobewertungen, Limitauslastungen, Plan-Ist-Vergleichen und dokumentierten Entscheidungen.
    Ebenso wichtig sind laufende Qualitätsprüfungen: die Plausibilisierung der Positionen, der Abgleich zwischen Absatzprognosen und Beschaffungsstatus sowie die Prüfung der Datengrundlagen in Vertrieb, Beschaffung und Controlling. In volatilen Phasen sollte diese Kurzprüfung täglich erfolgen.

    Reporting schafft Transparenz, Qualitätssicherung schafft Verlässlichkeit. Erst beides zusammen macht den Prozess robust.
     

  5. Geeignete Systemunterstützung: Verlässlichkeit durch professionelle Werkzeuge

    Volatile Märkte erfordern Geschwindigkeit, Genauigkeit und durchgängige Datenflüsse. Nicht jedes Stadtwerk braucht eine umfassende Plattformlösung für Beschaffung, Handel und Portfoliomanagement. Für viele kleine und mittlere Häuser reicht ein schlankes Portfoliomanagement-System aus, das offene Positionen, Risikokennzahlen, Reporting und die Schnittstelle zwischen Vertrieb und Beschaffung verlässlich abbildet.

    Excel-basierte Steuerungsprozesse bergen bereits im Regelbetrieb erhöhte Fehler- und Abstimmungsrisiken und stoßen in Stressphasen deutlich an ihre Grenzen. Ein systemgestütztes und revisionssicheres Portfoliomanagement ist deshalb keine Option mehr, sondern betriebliche Notwendigkeit.

    Ein solches System ersetzt keine Strategie, sorgt aber dafür, dass Regelwerke wie Beschaffungsleitfaden und Risikohandbuch diszipliniert, schnell und fehlerarm umgesetzt werden. Gerade in volatilen Marktphasen ist das entscheidend.
     

  6. Governance: Risikobewusstsein bis in die Führungsebene

    Ein funktionierendes Risikomanagement endet nicht in den Fachabteilungen. Mindeststandard sind regelmäßige, strukturierte Berichte an Geschäftsführung und Aufsichtsrat, klare Entscheidungsvorlagen, definierte Eskalationswege sowie nachvollziehbare Beschlüsse und Verantwortlichkeiten.

    Die Energiekrise 2022/23 hat gezeigt: Transparenz in den Gremien ist selbst ein wesentlicher Risikopuffer.
     
    Wichtig ist hier, dass die Verantwortlichen in den Stadtwerken bei der Beschaffung gewisse Freiheitsgrade behalten, etwa im Rahmen des Beschaffungsleitfadens mal eine Tranche in der strukturierten Beschaffung aussetzen zu können. Diese Freiheitsgrade müssen aber genau im Risikohandbuch und Beschaffungsleitfaden hinterlegt sein und zum Risikorahmen passen.

 Generell muss klar definiert sein, über welche relevanten Kennzahlen der Aufsichtsrat regelmäßig informiert wird, damit immer ein klares Bild beispielsweise über Marktrisiken, den Profit & Loss, Adressausfallrisiken oder die finanzielle Stabilität des Unternehmens besteht.
     

 
Fazit: Robustheit entsteht durch Regeln, Prozesse und Transparenz – nicht durch Komplexität
Ein Stadtwerk muss keine vollintegrierte Handelsplattform betreiben oder komplexe Strategien nutzen, um ihre Energiebeschaffung sicher aufzustellen. Es braucht aber einen verbindlichen Risikorahmen, einen konsequent angewendeten Beschaffungsleitfaden mit einer für das individuelle Haus beherrschbaren Komplexität, eine belastbare Schnittstelle zwischen Vertrieb und Beschaffung, ein Portfoliomanagementsystem, das Transparenz über Positionen und Limits liefert, hohe Datenqualität und eine Governance, die Risiken aktiv steuert.

Wer diese Grundlagen erfüllt, bleibt auch in volatilen Marktphasen handlungsfähig und schützt Wirtschaftlichkeit und die sichere Versorgung der eigenen Stadtwerkskunden gleichermaßen.
 
 
 
 

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