Der Konflikt im Iran kommt Europa teuer zu stehen. "Seit Ausbruch des Konflikts im Nahen Osten haben die Mitgliedstaaten der Europäischen Union bereits über 30 Milliarden Euro mehr für Importe fossiler Brennstoffe ausgegeben – ohne dafür zusätzliche Lieferungen zu erhalten", sagte EU-Energiekommissar Dan Jørgensen in Brüssel. Die Welt sei mit der "wohl schwersten Energiekrise aller Zeiten" konfrontiert, zitiert DPA den Politiker.
Deutlicher Anstieg
Seit Beginn des Konflikts im Iran haben sich die Gaspreise deutlich nach oben entwickelt. Von 27,12 Euro je Megawattstunde (MWh) stieg der TTF-Frontjahreskontrakt zwischenzeitlich auf 46,70 Euro/MWh. Aktuell kostet das Jahresband am niederländischen Hub 37,80 Euro/MWh (6. Mai, 14 Uhr) und damit gut zehn Euro mehr als Ende Februar. Dabei bewegten sich die Terminpreise – anders als die Spotpreise für Gas und Öl – zunächst weitgehend moderat; die Händler hatten auf ein schnelles Ende des Konflikts gehofft.
Terminmarkt stellt sich auf Dauerkonflikt ein
Inzwischen spiegelt die Preisentwicklung am langen Ende diese Hoffnungen nicht wider. Die Märkte stellen sich auf eine dauerhafte Auseinandersetzung ein. So haben die USA ihre erst am Montag ausgerufene Geleitschutzmission für die Straße von Hormus zunächst wieder für beendet erklärt.
Doch auch nach dem Ende des Konflikts ist für die kommenden Jahre eine Produktionsknappheit bei Gas zu erwarten, argumentiert Jørgensen. Tatsächlich sind in der Region während der gegenseitigen Angriffe große Teile der Gasinfrastruktur getroffen worden, beispielsweise das LNG-Terminal Ras Laffan in Katar. Dadurch ist die Produktion um 17 Prozent eingeschränkt; die Reparaturen würden bis zu fünf Jahre dauern.
Fakt ist aber auch, dass das Ausmaß der aktuellen Energiekrise für Europa und Deutschland nicht die Dimensionen der Krise von 2022 hat, als Russland die Ukraine angriff und eine akute Gasknappheit für Rekordpreise sorgte. Den zentralen Unterschied zwischen den beiden Krisen sieht Ines Zenke, Partnerin der Wirtschaftskanzlei Becker Büttner Held, in der Ausgangslage und den Energiequellen.

Jede Einschränkung bedeutete 2022 nicht nur höhere Preise, sondern sofort eine Gefahr für die Versorgungssicherheit.
Ines Zenke
Partnerin der Wirtschaftskanzlei Becker Büttner Held
Deutschland habe Anfang 2022 den Großteil seines Erdgases über Leitungen aus Russland bezogen. "Jede Einschränkung bedeutete also nicht nur höhere Preise, sondern sofort eine Gefahr für die Versorgungssicherheit." Als Lehre daraus ist die Abhängigkeit deutlich reduziert worden – auch durch eine stärkere Diversifizierung der Importmöglichkeiten für LNG.
Die größten deutschen Gasimporteure wie Uniper, VNG und Sefe beziehen inzwischen kein russisches Gas mehr, erhalten aber auch keine Lieferungen aus der kriselnden Nahost-Region.
Spätestens nach 2022 haben auch die Stadtwerke ihre Beschaffungsstrategien dahingehend optimiert, meint Dennis Warschewitz, Geschäftsführer des Analysehauses Enerchase. Diese seien in der Regel über mehrere Jahre angelegt. "Das heißt, für das Jahr 2027 läuft die Beschaffung bereits seit 2024 oder 2025, und ein Großteil der Mengen ist bereits eingedeckt. Somit werden derartige Preisschocks abgefedert."
Entspanntere Lage auf dem Gasmarkt als 2022
Auch auf dem Strommarkt befinden sich Europa und Deutschland in einer entspannteren Lage als 2022, fügt Volue-Expertin Silvia Messa hinzu. Dafür spreche aus ihrer Sicht eine ganze Reihe von Argumenten. Erstens werde erwartet, dass die französische Kernkraftwerksflotte rund 350 bis 370 Terawattstunden (TWh) produziert, sagte sie mit Verweis auf die Ankündigung des Staatskonzerns EDF.
Zum Vergleich: 2022 lag die Jahresproduktion bei weniger als 280 TWh – aufgrund mehrerer Probleme im Zusammenhang mit COVID-19 sowie verzögerter Langzeitwartungen, die mehrere Reaktoren betrafen.
Zweitens hat Zentraleuropa – dazu zählen Deutschland, Frankreich, die Schweiz, Belgien und die Niederlande – in den vergangenen vier Jahren die installierte erneuerbare Leistung um 54 Prozent erhöht. "Dadurch sinkt die sogenannte Residuallast deutlich, also der Teil der Nachfrage, der durch konventionelle thermische Kraftwerke und Kernkraft gedeckt werden muss", so Messa.

Der Sommer-Winter-Spread ist entweder flach oder in Backwardation, sodass es keinen Anreiz gibt, vor dem Winter Gas in die Speicher einzuspeichern
Sylvia Messa
Head of Analytics bei Volue
Auch beim Erdgas gebe es keine akute Gasknappheit wie 2022. Auf EU-Ebene lägen die Speicherstände derzeit zwar auf dem niedrigsten Niveau der vergangenen vier Jahre, sagte die Expertin. Deutschland stehe aktuell bei einem Speicherfüllstand von über 27 Prozent, Europa bei über 37 Prozent. Der Grund seien jedoch die fehlenden wirtschaftlichen Anreize für die Einspeicherung.
"Der Sommer-Winter-Spread ist entweder flach oder in Backwardation, sodass es keinen Anreiz gibt, vor dem Winter Gas in die Speicher einzuspeichern", sagte sie. Das bedeutet, dass möglicherweise Marktinterventionen erforderlich sein werden, um die genannten Zielwerte vor dem Winter zu erreichen, so die Analyse von Messa.




