Die Iran-Krise treibt die globalen Energiepreise weiter – doch Peter Grabowsky, Geschäftsführer der Stadtwerke Oranienburg, bleibt gelassen. Im Interview mit der ZFK spricht er über Risikomanagement, Beschaffungsstrategien, Lehren aus der Energiekrise 2022 und seine Erwartungen an die Politik.
Herr Grabowsky, seit dem Beginn der Iran-Krise hat der Gaspreis an der TTF um gut 45 Prozent zugelegt. Steigt Ihr Puls mit den Gaspreisen?
Nein. Wir arbeiten mit großen, verlässlichen Energielieferanten zusammen, die wir seit vielen Jahren kennen. Diese Partner haben auch frühere Krisen überstanden. Darauf vertrauen wir.
Schauen Sie trotzdem auf die Energiebörse?
Oft. Ich habe auch gerade jetzt die Preiskurven im Hintergrund laufen. Die Preissituation, in der wir uns gerade befinden, ist geopolitisch getrieben – das ist kein Geheimnis. Voraussagen, was dort passiert, kann, glaube ich, niemand. Deswegen ist es wichtig, dass man als Stadtwerk auf alle Szenarien vorbereitet ist und dass die Beschaffungsstrategie dazu passt.

Sind Sie denn vorbereitet?
Nun, ich habe immer ein Bild im Kopf – das kann mein Kollege schon nicht mehr hören. Wir schwingen mit dem Markt. Geht der Markt nach oben, gehen wir mit nach oben. Geht der Markt nach unten, gehen wir mit nach unten. Allerdings gedämpft, sodass diese Schwingungen für unsere Kunden so weit wie möglich abgefangen werden. Denn unabhängig davon, ob das Marktniveau steigt oder fällt: Wir beschaffen langfristig. Das dämpft Effekte grundsätzlich. Nach der Krise 2022 haben viele Stadtwerke ihre Strategien angepasst. Auch wir haben unsere Strategie überprüft und dabei Themen wie Flexibilität, Resilienz und Diversifizierung noch einmal stärker in den Fokus genommen.
Wie ist bei Ihnen das Verhältnis zwischen Spotmarkt und langfristiger Beschaffung?
So genau wollen wir natürlich nicht in wettbewerbliche Informationen gehen. Der Schwerpunkt liegt bei uns absolut auf langfristiger Beschaffung beziehungsweise auf Tranchenbeschaffung – insbesondere im Haushaltskundenbereich. Im Gewerbebereich kann das anders aussehen, aber bei Haushaltskunden sind wir sehr klar in der langfristigen Absicherung unterwegs. Gerade dort, wo wir Preisgarantien anbieten, sichern wir entsprechend ab. Kleine Anteile am Spotmarkt sind aber unvermeidbar, doch wir setzen nicht darauf und spekulieren auch nicht darauf.
Wie hat sich die Marktentwicklung in den letzten Wochen auf die Kundenpreise ausgewirkt?
Für Haushaltskunden hat sich das bislang überhaupt nicht widergespiegelt. Anders als manche Mitbewerber sind wir nicht mit niedrigen Einstiegspreisen unterwegs, um dann nach einem Jahr stark zu erhöhen. In der Grundversorgung gilt ohnehin ein einheitlicher Preis. Aktuell zählen wir insgesamt 21.200 Strom- und 5450 Gaskunden mit einem jährlichen Absatz von 94.000.000 beziehungsweise 215.000.000 Kilowattstunden. Und bei unseren Sonderprodukten unterscheiden wir nicht zwischen Neu- und Bestandskunden. Alle haben den gleichen Preis.
Für die Mengen dieses Jahres sind wir eingedeckt. Kurzfristig hat das also keine Auswirkungen. Nur wenn es zu Situationen wie 2022 oder 2023 kommen würde – etwa wenn Energiediscounter wieder Probleme bekommen und wir ungeplante Mengen in der Ersatz- oder Grundversorgung aufnehmen müssten –, dann müssten wir gegebenenfalls reagieren. Aber aktuell sehen wir das nicht.
Wie wollen Sie agieren, wenn die Preise weiter steigen?
Eins steht fest: Wir kaufen uns grundsätzlich keine Marktanteile. Wir schwingen mit dem Markt – nach oben wie nach unten, aber gedämpft. Das ist die Eigenschaft unseres Tranchenmodells. Auf lange Sicht müssen wir dann mit dem Markt gehen und die gestiegenen Beschaffungskosten weiterreichen. So weit sind wir aber derzeit nicht.
Gibt es denn trotzdem besorgte Kunden?
Ja, aber sehr wenige. Etwa ein bis zwei Anfragen pro Woche. Wir kommunizieren transparent und offen. Mit dem heutigen Wissen sehen wir keine Notwendigkeit für Preisanpassungen – und das kommt entsprechend gut an.
Neben den Preisen haben wir eine ganze Reihe von Instrumenten, um Kunden von uns zu überzeugen. Beispielsweise Boni bei Kombination von Strom und Gas, Eintrittskarten für regionale Einrichtungen oder Vorteile bei Ladeinfrastruktur. Außerdem setzen wir stark auf persönliche Beratung und regionale Präsenz. Auch bei Gewerbekunden sehen wir keine Panik. Unsere Vertriebsteams beraten individuell. Teilweise gewinnen wir sogar neue Gewerbekunden.
Was haben Sie nach der Energiekrise 2022 überdenken müssen?
Eine Lehre aus 2022 war, dass wir unsere Strategie grundsätzlich überprüft haben. Eine Konsequenz war, dass wir aus dem bundesweiten aktiven Vertriebsmarkt ausgestiegen sind. Wir konzentrieren uns auf unseren regionalen Heimatmarkt und angrenzende Regionen – insbesondere Brandenburg. Ziel ist eine langfristige Zusammenarbeit mit Kunden, die nicht auf kurzfristige Billigpreise aus sind, sondern Wert auf Stabilität und Verlässlichkeit legen.
Wir haben unser Risikomanagement noch einmal nachgeschärft.
Wir haben außerdem unser Risikomanagement noch einmal nachgeschärft und zusätzliche Instrumente etabliert, etwa ein regelmäßiges Risikoboard, das noch inhaltlich und personell gestärkt wurde. Gleichzeitig muss man sagen: Wir sind aktuell weit entfernt von den Preisniveaus von 2022.
Ein weiterer Punkt betrifft die Fernwärmebeschaffung. Dort sind wir stärker an Preisindizes herangerückt, um möglichst nah an den tatsächlichen Kostenentwicklungen zu bleiben. Grundsätzlich waren wir bereits zuvor diversifiziert, etwa bei Lieferanten. Daher mussten wir hier weniger anpassen. Wichtig ist in Krisen vor allem Umsetzungsdisziplin. Keine Experimente, sondern konsequentes Festhalten an der Strategie.
Der Aufwand für Preisbremsen ist enorm und bindet Ressourcen.
2022 sollten regulatorische Vorschriften eine Abwanderungswelle in die Ersatz- und Grundversorgung vermeiden. Fühlen Sie sich ausreichend geschützt?
Nein. Wir hatten bereits erste Kundenkontakte, bei denen berichtet wurde, dass Energiediscounter keine Folgeangebote mehr gemacht haben. Ob das ein nachhaltiger Trend ist, bleibt abzuwarten. Dafür ist der Zeitraum noch zu kurz. Hilfreich aus meiner Sicht wäre, dass Lieferanten bei Aufnahme von Kunden bereits einen Teil der Energie beschafft haben müssen. Das würde den Markt stabilisieren und solche Eskapaden wie 2022 vermeiden.
Wie stehen Sie zu einer möglichen Preisbremse?
Bloß keine Preisbremse! Der Aufwand ist enorm und bindet Ressourcen.
Das war eindeutig. Haben Sie einen anderen Vorschlag, um die Endkunden in dieser Krise zu entlasten?
Stattdessen wäre eine Senkung von Steuern sinnvoller. Der Steueranteil von gut einem Drittel am Endkundenpreis beim Haushaltsstrom und Heizgas sollte ein ausreichendes Werkzeug für den Staat geben, wenn eine Reduzierung der Belastung der Bevölkerung gewünscht wird. Außerdem kommt der derzeitige Dauerkrisenmodus weniger vom Weltmarkt als von der Bürokratie. Die Vielzahl neuer Vorschriften und Gesetze ist derzeit die größte Herausforderung.
Das Interview ist in einer gekürzten Fassung zuerst in der aktuellen Printausgabe der ZFK erschienen. Hier geht es zum E-Paper.



