Geopolitische Krisen und wirtschaftlicher Druck verschieben Prioritäten in Unternehmen und Politik. Jens Schumacher von STX Group erklärt, warum Dekarbonisierung kurzfristig an Bedeutung verliert, langfristig aber unverrückbar bleibt. Er empfiehlt: "Wer langfristig dekarbonisieren will, kann sich aktuell zu vergleichsweise niedrigen Preisen strategisch eindecken."
Herr Schumacher, angesichts der Wirtschaftskrise und geopolitischer Herausforderungen: Rückt Klimaschutz in den Hintergrund?
Nun, da stecken viele Ebenen drin. Natürlich kam ein starker Sturm auf, als sich geopolitisch einiges verändert hat. Das war absehbar. Wenn sich in den USA politisch etwas ändert oder globale Machtverschiebungen stattfinden, hat das direkte Auswirkungen auf Energie- und Klimamärkte. Als Unternehmer muss man ohnehin diversifiziert aufgestellt sein – und ich glaube, das haben wir bei der STX Group sehr gut verstanden.
Erneuerbarer Strom ist und bleibt ein Standbein von uns, aber er ist eben nicht das einzige. Wir beschäftigen uns ebenso mit erneuerbaren Gasen, Biokraftstoffen sowie CO₂-Märkten und verschiedenen europäischen Märkten im Transportsektor. Gerade dort gibt es regulatorische Klarheit: deutliche Vorgaben aus Brüssel sowie verbindliche Klimaziele auf vielen nationalen Ebenen. Vieles, was früher freiwillig war, wandert inzwischen in verpflichtende Compliance-Märkte, etwa bei THG-Quoten. Dort, wo Verpflichtungen bestehen, folgen Preise klaren Nachfrage-Angebots-Regeln, und die Nachfrage steigt – weil die Ziele klar definiert sind.
Vor zwei Jahren war Dekarbonisierung absolute Chefsache.
Gleichzeitig muss man ehrlich sagen: Wenn ich heute Bundeskanzler oder Wirtschaftsminister bin, habe ich andere Prioritäten als noch vor zwei Jahren. Und das gilt auch für CEOs oder CFOs großer Konzerne. Vor zwei Jahren war Dekarbonisierung absolute Chefsache. Heute ist sie eher von Priorität drei auf vielleicht Priorität zehn gerutscht. Die Ziele bestehen weiter, aber Zwischenschritte werden teilweise depriorisiert, weil Unsicherheit herrscht – finanziell wie politisch. Das sehen wir klar.
Langfristig bleibt die Agenda jedoch unverändert. Klimaschutz und Dekarbonisierung stehen weiter auf der strategischen Landkarte. Kurzfristig erleben wir eine Flaute – insbesondere in freiwilligen Märkten. Das zeigt sich auch in den Preisen von Herkunftsnachweisen oder anderen Produkten. Der Hype von vor zwei Jahren ist weg. Aber Wirtschaft verläuft zyklisch. Das große Klimaziel verlieren Gesellschaft, Politik und Unternehmen nicht aus ihren Augen.
Spüren Sie die Flaute im Geschäft?
Wir sind ein Handelshaus und richten uns nach Angebot und Nachfrage. Nur diese zwei Faktoren bestimmen den Preis. Bleibt das Angebot stabil und sinkt die Nachfrage, fallen die Preise – das haben wir bei Herkunftsnachweisen und anderen Commodities oft genug gesehen.
Was die Volumina betrifft: Der Markt besteht weiter, wir handeln sogar mehr als zuvor. Allerdings treten viele Unternehmen im freiwilligen Bereich etwas auf die Bremse. Gespräche finden statt, aber die konkrete Umsetzung verzögert sich. Insgesamt bleiben die Handelsvolumina stabil, auch weil neue Marktteilnehmer hinzukommen.
Und wer clever handelt, erkennt die Chance: Viele Unternehmen haben vor zwei Jahren das Fünf- oder Zehnfache für HKNs gezahlt. Aktuell sind die Preise vergleichsweise niedrig. Wer langfristig dekarbonisieren will, kann sich jetzt attraktiv eindecken. Einige verstehen das und priorisieren es wieder höher – aber es ist nicht die Mehrheit.
Kritische Stimmen sagen, dass der niedrige Preis ein Zeichen für fehlende Marktwirkung ist.
Schauen wir uns die Zyklen an. Vor drei Jahren lagen wir bei teilweise acht Euro je Megawattstunde. Vor zehn oder zwölf Jahren bei 20 Cent. Nach Fukushima stiegen wir auf über einen Euro, danach fielen die Preise wieder deutlich. Märkte bewegen sich in Wellen. Wer glaubt, das Instrument verliere dauerhaft an Bedeutung, liegt meiner Ansicht nach falsch.
Fundamental ändert sich strukturell auch etwas. Im europäischen Herkunftsnachweissystem konnten Volumina bislang zwischen Jahren verschoben werden – diese Möglichkeit fällt weg. Der Überhang schmilzt. Gleichzeitig steigt die Nachfrage stärker als das Angebot. Das spricht eher für eine langsame Verknappung. Und wenn wir zusätzlich extreme Wetterereignisse bekommen – etwa sehr trockene Sommer –, kann das Angebot unerwartet stark sinken und die Preise ziehen entsprechend wieder stark an.
Produktion und Verbrauch müssen zeitlich und räumlich stärker zusammenpassen.
Hinzu kommt das Greenhouse Gas Protocol mit dem Thema Granularität und Regionalität. Das wird die Scope-2-Dekarbonisierung grundlegend verändern. Auch wenn diese starke Veränderung aktuell nur bedingt auf der Agenda der Europäischen Kommission steht, werden in Europa ebenfalls konkrete Änderungen diskutiert.
Welche Rolle spielt aktuell die Granularität bei der Nachfrage nach Herkunftsnachweisen?
Früher hieß Dekarbonisierung: Ich kaufe Carbon Credits irgendwo auf der Welt – Problem gelöst. Danach kam der einfache Ansatz mit jährlichen Herkunftsnachweisen. Doch mit der neuen Diskussion um Granularität und Regionalität reicht das nicht mehr. Produktion und Verbrauch müssen zeitlich und räumlich stärker zusammenpassen.
Das macht das System komplexer – aber auch ehrlicher. Stromnetze stehen unter Druck, die Nachfrage steigt. Ohne Speicher oder regionale Produktion wird es schwierig. Energiespeicher, Batterien und alternative Lösungen – all das braucht klare politische Rahmenbedingungen, damit Investitionen ausgelöst werden.
Wir sehen daher eine neue Rolle für uns: Wir beraten Unternehmen strategisch beim Scope-2-Dekarbonisierungsplan. Wo stehen sie? Wo wird es regional eng? Welche Optionen haben sie? Das Interesse ist groß, weil viele die Gesamtkonsequenzen noch nicht vollständig durchdrungen haben.
Wird Qualität wichtiger als Preis?
Beides spielt eine Rolle. Es gibt etablierte Standards – etwa SBTi-Konformität oder bestimmte TÜV-Zertifizierungen. Vintage-Kriterien, also Altersgrenzen von Anlagen, sind ebenfalls etabliert. Granularität ist bislang kein verpflichtendes Kriterium, daher ist die Umsetzung noch begrenzt.
Vorreiter sind oft große Tech-Konzerne mit Rechenzentren. Doch selbst dort ist Granularität noch kein dominantes Entscheidungskriterium. Viele unterschätzen, dass 100 Prozent erneuerbarer Strom unter granularen Bedingungen nicht mehr linear kalkulierbar sein wird. Wer 100 Prozent will, wird exponentielle Preissteigerungen auf dem Weg von 50 auf 100 Prozent sehen. Irgendwann wird die Frage lauten: Kaufe ich noch Herkunftsnachweise für meine vollständige Vergrünung von Scope 2 oder investiere ich selbst in Speicher oder eigene Erzeugung? Das ist eine neue Denke und neue Fragen, die sich erst noch entwickeln müssen.
Bleibt der Wärmesektor bei der Dekarbonisierung das Sorgenkind?
Im Transportsektor funktioniert das System, weil die regulatorischen Leitplanken klar sind. Unternehmen wissen, woran sie sind.
Im Wärmesektor ist es komplexer. Hier geht es stark um Investitionen: Effizienzmaßnahmen, Umstellung von Netzen, alternative Technologien. Biomethan ist eine Option, aber die Mengen reichen nicht, um ganze Netze umzustellen. Zudem konkurriert der Transportmarkt um diese Ressourcen.
Technologien wie Geothermie, industrielle Abwärme oder große Wärmepumpen sind vielversprechend – aber sie brauchen Investitionsanreize. Statt stärker zu bestrafen, sollte der Gesetzgeber diejenigen fördern, die den ersten Schritt gehen. Planbarkeit ist entscheidend. Zu komplexe Regelungen schrecken Investoren ab.
Soll der Markt es richten?
Marktinstrumente wie Herkunftsnachweise oder das europäische ETS-System haben ihre Wirksamkeit bewiesen. Der Staat sollte klare Ziele setzen und dem Markt Spielraum geben, den effizientesten Weg dorthin zu finden. Wichtig ist Bestandsschutz: Wer unter alten Rahmenbedingungen investiert hat, darf nicht rückwirkend benachteiligt werden.
Das EEG hat gezeigt, dass ein System mit langfristiger Sicherheit funktionieren kann. Technologien werden günstiger, Förderung kann reduziert werden – aber der Übergang muss planbar sein.
Mit welchen Entwicklungen rechnen Sie in den nächsten drei Jahren?
Der Markt wird weiter wachsen, das ist sicher. Mit der europäischen RED-III-Richtlinie werden viele Länder vollständige Stromkennzeichnungssysteme aufbauen. Das halte ich für sinnvoll: Transparenz über erneuerbare und nicht-erneuerbare Anteile schafft ein ganzheitliches Bild.
Granularität wird kommen – in welcher konkreten Form auch immer. Power-to-Gas könnte wieder an Bedeutung gewinnen, Wasserstoff ist nicht abgeschrieben, aber weniger dynamisch als erhofft. Die Erzeugungsmengen erneuerbarer Energien steigen stetig. Wenn die Nachfrage wieder anzieht, werden Preise steigen und Investitionen folgen.
Kann Wasserstoff eine echte Konkurrenz zu Batterien bei der Flexibilisierung sein?
Aktuell sehe ich Wasserstoff eher in einer Pause. Batterien werden effizienter, leichter und günstiger. Im Pkw-Bereich ist Elektromobilität inzwischen sehr wettbewerbsfähig. Wenn Reichweiten weiter steigen und Kosten sinken, wird sich der Markt entsprechend entwickeln.
Wasserstofffahrzeuge könnten Nischen bleiben – es sei denn, wir erleben Phasen massiven Stromüberschusses, bei denen Energie faktisch keinen Preis mehr hat. Dann könnten Power-to-Gas-Modelle attraktiver werden.
Am Ende gilt: Der Markt braucht klare Ziele, stabile Regeln und technologischen Wettbewerb. Dann setzt sich die effizienteste Lösung durch – und Dekarbonisierung bleibt auf Kurs, auch wenn es zwischendurch Flauten gibt.



