Die Großhandelspreise für Erdgas haben auch gestern einen massiven Preissprung gemacht. Der Preis für Erdgas ist an der Börse in Amsterdam wegen des Iran-Krieges auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren gestiegen. Der richtungweisende Erdgas-Terminkontrakt TTF zur Lieferung in einem Monat kletterte zeitweise auf bis auf 65,79 Euro je Megawattstunde (MWh). Damit hat sich der Preis innerhalb von nur zwei Tagen in etwa verdoppelt. Noch stärker war der Gaspreis zuletzt zum Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine vor vier Jahren gestiegen. Damals waren die Notierungen an der Börse in Amsterdam zeitweise über 300 Euro je MWh gestiegen.
Hauptgrund für den enormen Anstieg ist ein fortgesetzter Lieferstopp von Flüssigerdgas (LNG) aus dem wichtigen Förderland Katar. Seit Beginn der Woche sind LNG-Exporte aus Katar gestoppt. Am Montag wurde eine wichtige Anlage zum Export von LNG nach einem iranischen Drohnenangriff stillgelegt. Betroffen ist der zweitgrößte Flüssiggas-Produzent weltweit: Quatar Energy. Der Iran hatte auf die Angriffe durch die USA und Israel mit Gegenangriffen reagiert und den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus, ein Nadelöhr des weltweiten Energiehandels, eingeschränkt. Auch Sprit und Heizöl verteuerten sich weiter. Rund 20 Prozent der weltweiten Flüssiggas- und Rohöltransporte passieren die Meerenge.
Strommarkt: Kohlekraftwerke plötzlich wieder wirtschaftlich
Von "einem extremen Angebotsschock für den Gasmarkt", spricht Dennis Warschewitz, Geschäftsführer des Handelshauses Enerchase. Der Ölmarkt sei deutlich komfortabler versorgt und die Mengen könnten etwa durch Freigabe von Reserven zum Teil kompensiert werden. "Am Gasmarkt sieht dies anders aus. Je länger die Blockade andauert, desto mehr Gas fehlt und diese fehlenden Mengen werden auch kaum im weiteren Jahresverlauf aufgeholt werden können", so Warschewitz weiter. Laut Berechnungen von Enerchase könnte eine Blockade über etwa einen Monat das komplette für dieses Jahr erhoffte LNG-Angebotswachstum zu nichte machen.
Auch am Strommarkt schlagen sich die Bewegungen der Gaspreise deutlich nieder, so Warschewitz weiter. "Wie beim Gas ist es auch vor allem das kurze Ende der Terminkurve, also beispielsweise der Liefermonat April, der besonders stark anzieht", verdeutlicht der Enerchase-Geschäftsführer. Zuletzt hätten die Preisbewegungen dazu geführt, dass Kohlekraftwerke plötzlich wieder wirtschaftlich seien, während der Betrieb von Gaskraftwerken unrentabler geworden sei.

Sollten die Gaslieferungen nach Asien länger ausbleiben, droht ein Preisgefecht zwischen den Regionen Europa und Asien.
Joachim Endress
Gasmarktexperte und Geschäftsführer, Ganexo
Insbesondere Asien ist stark von LNG-Lieferungen aus den Golfstaaten abhängig, Europa bezieht nur sechs Prozent seiner Lieferungen aus dieser Region. Allein Indien erhält 60 Prozent seines LNGs vom Golf. "Vergangenen Monat gab es zehn LNG-Lieferungen per Schiff nach Europa und insgesamt 60 in die fünf größten asiatischen Volkswirtschaften", erklärt Gasmarktexperte Joachim Endress von Ganexo. Sollte der Konflikt am Golf länger andauern und die Gaslieferungen nach Asien ausbleiben, drohe ein "Preisgefecht zwischen den beiden Regionen Europa und Asien".
Wie sich die Situation am Gasmarkt weiterentwickle, hänge vor allem von der politischen Entwicklung ab und sei damit eine "Büchse der Pandora", so Endress weiter. Sollte die Straße von Hormus länger gesperrt werden, könne der Großhandelspreis für Gas in Europa "schnell eine dreistellige Höhe" erreichen.

Mit stetigem LNG-Zufluss kann ein Winter auch mit niedrigeren Speicherständen als in der Vergangenheit gemeister werden.
Dennis Warschewitz
Geschäftsführer, Enerchase
"Noch ist der Preisvorsprung von europäischem Gas gegenüber den asiatischen LNG-Preisen so hoch, dass Europa weiterhin die bevorzugte Lieferregion für LNG-Exporteure sein wird", ergänzt Daniel Warschewitz. Aber die Mengen aus Nahost, die überwiegend in den asiatischen Markt gehen, fehlten auf dem Weltmarkt. Diese Knappheit könne im Laufe des Jahres den Wettbewerb zwischen Europa und Asien anheizen. In Asien könnte ein erneuter Hitzesommer bevorstehen und die Energienachfrage für Klimaanlagen hochtreiben.
EU beruft Energie-Krisenstab ein
"Die Wiederbefüllung der europäischen Gasspeicher war schon vor der aktuellen Krise eine Herausforderung. Diese ist natürlich nicht kleiner geworden. Mit stetigem LNG-Zufluss kann aber ein Winter auch mit niedrigeren Speicherständen als in der Vergangenheit gemeistert werden", ist Warschewitz überzeugt. Allerdings zeige die aktuelle Situation sehr deutlich, wie riskant diese Vorgehensweise sein kann.
Gas vom Persischen Golf spiele für die deutsche Versorgung eine überschaubare Rolle, betont hingegen der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller. "Die Gasversorgung in Deutschland ist aktuell sicher. Wir sehen Preiseffekte auf den Weltmärkten, die auch Deutschland spüren dürfte – abhängig von der Dauer des Konfliktes", betont Müller. Private Haushalte hätten aber in der Regel längerfristige Verträge mit Preisgarantien.
Die EU bereitet sich unterdessen auf mögliche Notlagen infolge des Iran-Kriegs vor. Nach einer Sondersitzung in Brüssel wurde ein Energie-Krisenstab mit den Mitgliedstaaten einberufen. Er könnte Reaktionen auf rasant steigende Öl-, Sprit- und Gaspreise planen.
In der gesamten EU waren am 1. März die Gasspeicher nur noch zu 30 Prozent gefüllt. Dies geht aus den Daten des Branchenverbands Gas Infrastructure Europe hervor. Der langjährige Durchschnitt über zehn Jahre hinweg betrug zum selben Zeitpunkt gut 48 Prozent. Die Gasspeicher in Deutschland sind momentan zu 20,8 Prozent gefüllt.
Uniper sieht seinen LNG-Bezug nicht eingeschränkt
Bei Deutschlands größtem Gas-Großhändler Uniper gibt es wegen des Iran-Krieges nach eigenen Angaben aktuell keine direkten Einschränkungen beim Bezug von Flüssigerdgas. "Es sind keine LNG-Lieferungen aus der betroffenen Region geplant, die die Straße von Hormus passieren müssen", teilte das Unternehmen in Düsseldorf mit. Man beobachte die geopolitischen Entwicklungen im Nahen Osten sehr aufmerksam.
Man verfüge über ein Beschaffungsportfolio mit unterschiedlichen Lieferquellen, langfristigen Verträgen sowie flexiblen Marktoptionen, so Uniper. "Die Preisreaktion der Spotmärkte auf die veränderte globale Lage zeigt, wie wichtig langfristige und preislich abgesicherte Lieferverträge in einem diversifizierten Bezugsportfolio für die Gasversorgung von Deutschland und Europa sind." Uniper beliefert in Deutschland rund 1.000 Kommunen und Industrieunternehmen mit Energie und Dienstleistungen.



