Die Befüllung der Gasspeicher auf dem vorgeschriebenen Niveau zum Winterbeginn ist beinahe unmöglich.

Die Befüllung der Gasspeicher auf dem vorgeschriebenen Niveau zum Winterbeginn ist beinahe unmöglich.

Bild: © Attila Volgyi/XinHua/dpa

Die deutschen Erdgasspeicher stehen vor einer angespannten Befüllungssituation. Selbst das technisch noch erreichbare Niveau von etwa 77 Prozent ist nur schwer zu schaffen; bei einer Fortsetzung des bisherigen Trends könnte der Füllstand zum 1. November sogar bei lediglich rund 63 Prozent liegen, warnt Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (Ines), in einem Gespräch mit Journalisten.

Um die vorgeschriebenen Ziele zum Stichtag zu erfüllen, müsste die tägliche Befüllung in den restlichen 56 Tagen bei jeweils einer Terawattstunde liegen. Das sei in den vergangenen drei Wochen kein einziges Mal der Fall gewesen, so Heinermann.

Deutliche Lücke

Im Vergleich zum Vorjahr fehlen laut Ines derzeit rund 19 Prozentpunkte beim Füllstand. Das entspricht etwa 49 Terawattstunden (TWh) Gas. Zum Vergleich: Diese Menge ist größer als die gesamte Speicherkapazität Polens von rund 37 TWh oder Tschechiens von etwa 45 TWh.

Den zentralen Grund für die zögerliche Befüllung sieht Heinermann in den Preissignalen des Gasmarktes. Für eine wirtschaftliche Speicherung müsse der Preisunterschied zwischen dem Einkauf im Sommer und Verkauf im Winter, dem sogenannten Sommer-Winter-Spread, ausreichend hoch sein.

Seit dem 2. Quartal 2026 stiegen die Gaspreise kontinuierlich an. Während zwischen April und Juni im Marktgebiet THE laut EEX-Preisdaten noch zwischen circa 40 und 50 Euro pro Megawattstunde (MWh) bezahlt werden musst, liegt der Gaspreis mittlerweile bei über 70 Euro pro MWh. 

Sebastian Heinermann ist Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (Ines).Bild: © Ines

Die Speicherbefüllung müsse wirtschaftlich tragfähig sein, damit sie von Marktakteuren auch tatsächlich realisiert werden kann

Sebastian Heinermann

Geschäftsführer Initiative Energien Speichern (Ines)

Der Spread war zu klein

Auf den ersten Blick könnte der starke Anstieg der Winterpreise einen ausreichenden Anreiz zur Speicherung darstellen. Entscheidend für die Einspeicherungen sei jedoch nicht allein der aktuelle Winterpreis, sondern der Preisunterschied zwischen Gas-Beschaffung und Gas-Verkauf zum Zeitpunkt des Gas-Einkaufs, führte Heinermann aus. Die Terminmarktpreise haben jedoch den derzeitigen Preisanstieg nicht angezeigt.

Der Preisspread ist bis heute sehr gering, teilweise sogar weiterhin negativ. "Der Markt erhält so kein ausreichendes Signal, Gas einzukaufen und einzulagern", so der Ines-Geschäftsführer. Die Speicherbefüllung müsse wirtschaftlich tragfähig sein, damit sie von Marktakteuren auch tatsächlich realisiert werden kann, fügte er hinzu.

Ines mit Lösungsvorschlägen

Die Initiative fährt mit einer Liste von Empfehlungen und Forderungen auf, um die Versorgungssituation im kommenden Winter zu verbessern: von kurzfristigen Entlastungen für die Speicherbefüllung bis hin zu einer grundlegenden Neuausrichtung der Versorgungssicherheit. Im Mittelpunkt steht dabei die Forderung, Marktanreize, staatliche Instrumente und europäische Vorgaben so zu verbinden, dass ausreichend Gas rechtzeitig gespeichert wird.

·  Speicher kurzfristig entlasten: Konvertierungsumlage und Netzentgelte reduzieren oder aussetzen.
Dadurch soll die Speicherung auch bei einem geringen Preis-Spread wirtschaftlich werden. In den INES-Empfehlungen heißt es dazu: "Kurzfristig ist es entscheidend, Kosten zu entlasten, sodass auch ein geringeres Marktpotenzial in der Lage ist, eine Einspeicherung anzureizen."

·  Speichergas günstiger finanzieren: Staatliche Kredite oder vergünstigte Finanzierungskonditionen ermöglichen. Niedrigere Zinsen könnten die Kosten für das im Speicher gebundene Gas senken, ohne dass der Staat die gesamte Beschaffung finanzieren muss; es entstünde vor allem ein "Opportunitätsverlust" durch entgangene Zinserträge.

·  Speicheroptionen ausschreiben: Long-Positionen nutzen, um zumindest einen Teil der Befüllung abzusichern.
Dieses Instrument kann die Wirtschaftlichkeit der Speicherung für einen begrenzten Teil des Marktes gewährleisten, ersetzt aber keine flächendeckende Lösung, da die bisherigen Ausschreibungen lediglich rund 8 bis 9 Prozent des erforderlichen Füllstands absichern konnten.

·  Versorgungssicherheitsniveau politisch definieren: Nicht mit einem pauschalen Füllstand beginnen, sondern mit dem abzusichernden Risiko. "An erster Stelle muss ein Versorgungssicherheitsniveau festgelegt werden", lautet die zentrale Forderung – erst danach lassen sich Speichermengen und Verantwortlichkeiten bestimmen.

·  Anreiz- oder Verpflichtungsmodelle oder beides: Die Marktmechanismen müssen gezielt auf das festgelegte Versorgungssicherheitsniveau ausgerichtet werden. Dabei können Anreize oder Verpflichtungen angewendet werden. Manche EU-Mitgliedstaaten wenden auch Kombinationsmodelle an. Die Begründung dafür lautet: "Der Spread kann Verhalten steuern, nur richtet der Preis-Spread das Verhalten nicht automatisch auf Versorgungssicherheit aus."

·  EU-Regeln harmonisieren: Nationale Speicherinstrumente innerhalb des europäischen Binnenmarktes besser abstimmen. Unterschiedliche nationale Vorgaben können den Wettbewerb verzerren; deshalb gilt aus Sicht der Ines: "Harmonisierung ist wichtig und richtig."

·  LNG nicht mit Speichern gleichsetzen: LNG-Terminals als Importquelle, nicht als Ersatz für saisonale Speicherflexibilität betrachten. LNG-Terminals erhöhen zwar die Importmöglichkeiten, bieten aber nicht dieselbe kurzfristige Flexibilität wie Speicher: Sie seien "eine Importmöglichkeit über das Jahr hinweg, aber keine Flexibilität für den Winter in dem Umfang, den Speicher bieten".

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