Der europäische HKN-Markt leidet unter dauerhaftem Preisverfall, begrenzter Transparenz und fehlender Harmonisierung. Ohne regulatorische Nachschärfung droht er, seine Rolle als Instrument der Klimaberichterstattung und Investitionsförderung zu verlieren.
Im Dezember wurden Herkunftsnachweise (HKN) an der Epex Spot für gerade einmal 0,30 Euro je Megawattstunde gehandelt. Diese Diskrepanz legt nahe, dass das aktuelle Marktdesign nicht die gewünschte Lenkungs- und Glaubwürdigkeitsfunktion entfaltet, wie es sollte – der Reformbedarf ist hoch.
Herkunftsnachweise monetarisieren die erneuerbare Eigenschaft von Strom getrennt von der physischen Energie und bieten damit einen wichtigen marktbasierenden Nachverfolgbarkeitsmechanismus, der es Verbrauchern ermöglicht, den Bezug von grünem Strom nachzuweisen. Die HKN tragen außerdem zu Anreizen für Investitionen in erneuerbare Energien bei, indem sie erneuerbaren Stromerzeugern eine zusätzliche Einnahmequelle biete.
Bei der Analyse des HKN-Marktes ist auch die begrenzte Transparenz und institutionelle Fragmentierung zu berücksichtigen. Schlüsselprozesse wie Ausgabe, Übertragung und Löschung der HKN werden über nationale Register mit unterschiedlichen Regeln und Verfahren abgewickelt, was die Marktaufsicht und Vergleichbarkeit erschwert.
Deutliche Marktüberzeichnung
Der HKN-Markt ist derzeit durch ein anhaltendes Überangebot gekennzeichnet. Angesichts der beschleunigten Ausbaupläne für erneuerbare Energien in Europa wird erwartet, dass die installierte Wind- und Solarkapazität in den kommenden Jahren stetig weiterwächst. Unter einem Business-as-usual-Szenario deutet die grundlegende Preisbildung daher auf einen anhaltenden Abwärtsdruck auf die HKN-Preise hin.

Vor diesem Hintergrund sind regulatorische Verstärkungen erforderlich, wenn Herkunftsnachweise weiterhin ein glaubwürdiges Instrument der Nachhaltigkeitsberichterstattung und ein effektiver Fördermechanismus für erneuerbare Energien sein sollen. Eine Priorität könnte die Reduzierung der Marktfragmentierung durch stärkere Harmonisierung der nationalen Register sein. Weitere Reformen könnten darauf abzielen, die Verknüpfung zwischen HKN und Strommärkten sowohl räumlich als auch zeitlich zu stärken. Räumlich könnten Zertifikatsübertragungen durch die physikalische Übertragungskapazität zwischen Ländern begrenzt werden, sodass gehandelte Volumina die tatsächlichen Netzkapazitäten widerspiegeln. Zeitlich gewinnt die 24/7-Stundenabstimmung bereits bei fortschrittlichen Marktteilnehmern an Bedeutung.
Ohne Reformen kein Marktinteresse
Solche Reformen bringen jedoch Trade-offs mit sich. Die Einführung einer feineren zeitlichen und räumlichen Abbildung führt das System näher an eine standortbezogene CO₂-Bilanzierung, was die Flexibilität von Unternehmen in Regionen mit geringer erneuerbarer Erzeugung bei der Erreichung von Nachhaltigkeitszielen einschränken könnte.
Dennoch droht der HKN-Markt ohne Reformen, wirtschaftliche Relevanz und Marktinteresse zu verlieren, da Überangebot, niedrige Preise und begrenzte Zusatzwirkung seine Glaubwürdigkeit als Instrument zur Unterstützung erneuerbarer Investitionen und der unternehmerischen Klimaberichterstattung untergraben.
Trotz der aktuellen Herausforderungen bietet die Entkopplung des HKN-Marktes von der physischen Stromlieferung eine inhärente Flexibilität. Wird diese konsistent über die Märkte hinweg genutzt, könnten HKN die zugrunde liegenden Systembedingungen besser abbilden und so den HKN-Markt in die Lage versetzen, weiterhin eine bedeutende Rolle bei der Unterstützung der Nachhaltigkeitsziele Europas zu spielen.



