Die europäische Klimapolitik steht vor einer ihrer größten Belastungsproben. Mit der verspäteten Einführung des neuen Emissionshandelssystems ETS 2 sollen ab dem Jahr 2028 auch die Sektoren Gebäude und Verkehr konsequent in die CO₂-Bepreisung einbezogen werden.
Das Vorhaben der EU-Kommission, das regulatorisch eng von der Bundesnetzagentur begleitet wird, zielt darauf ab, die europäischen Klimaziele durch eine beschleunigte Verknappung von Zertifikaten zu erreichen. Doch der Weg dorthin ist steinig. Für die Energiewirtschaft und insbesondere für die kommunalen Versorger und Stadtwerke bringt diese Verschiebung zwar die dringend benötigte Vorbereitungszeit aber zugleich erhebliche planerische Risiken mit sich.
Somit sorgt das ETS 2 in der Energiebranche für gemischte Gefühle. Einerseits verschafft es den Akteuren eine Atempause, andererseits kritisiert die Energiewirtschaft laut Berichten aus dem Archiv der ZFK die anhaltende regulatorische Unverbindlichkeit.
Die Marktteilnehmer bemängeln insbesondere das Fehlen einer verlässlichen Preishistorie und klarer Leitplanken. Die Experten von Syneco Trading bringen es auf den Punkt: "Aktuell steht zum Beispiel für das Jahr 2027 noch nicht endgültig fest, welcher nationale Emissionspreis abgerechnet werden soll, das schafft hohe Risiken auf Stadtwerkeseite und führt dadurch vermutlich zu größeren Akzeptanzproblemen als der absolute Preis", so ein Kommentar auf ZFK-Anfrage. Die Verzögerung schiebe die drängenden Fragen zur Preisfindung somit lediglich auf, anstatt sie zu lösen.
Strukturell höhere CO₂-Preise
Die Kernfrage der Reform dreht sich um die zukünftige Entwicklung der Zertifikatspreise. Gauthier Bily, CEO von Vertis Environmental Finance, sieht den Markt aktuell in einer Phase der Unterbewertung: "Aktuell wird der CO₂-Preis unter seinem aus fundamentaler Sicht angemessenen Niveau für 2026 gehandelt, das angesichts der erwarteten strukturellen Unterdeckung im Markt eher im niedrigen bis mittleren Bereich von 80 Euro je Tonne liegen dürfte", sagte er im Gespräch mit der ZFK.
Längerfristige Prognosen seien jedoch kaum valide möglich, da wesentliche Ausgestaltungselemente der Reform politisch noch nicht final beschlossen wurden. "Daher basiert ein Großteil der gegenwärtigen Diskussion eher auf Annahmen und divergierenden Markterwartungen als auf gesicherten Fakten", so Bily weiter.
Drastischere Szenarien
Demgegenüber verweisen andere Marktanalysen auf drastischere Szenarien. Viele Prognosen gehen zukünftig von einem deutlich höheren Preisniveau der Zertifikate aus. So verweist Syneco auf Marktstimmen, die in den nächsten Jahren von Preisen bis zu 200 oder gar 300 Euro pro Tonne ausgehen – ein massiver Sprung im Vergleich zu den aktuellen Preisen im nationalen Emissionshandel. Befürworter von ETS2 argumentieren jedoch, dass nur auf diese Weise die gewünschte Lenkungswirkung des Instruments voll entfaltet werden kann.
Wie akut die Sorge vor unkontrollierbaren Preissprüngen und einem Akzeptanzverlust in der Bevölkerung ist, zeigt die jüngste politische Entwicklung auf europäischer Ebene. Anfang Mai hat das Europäische Parlament mehrheitlich beschlossen, das ETS 2 zu entschärfen. Die nicht-zugeteilten Zertifikate sollen gezielt länger in der Marktstabilitätsreserve (MSR) verbleiben, um plötzliche Preissprünge aktiv abzufedern. Zudem plädiert das Parlament für eine Verlängerung des avisierten Preisdeckels von 45 Euro pro Tonne CO₂ über das Jahr 2029 hinaus.
Zum Vergleich: Im aktuellen deutschen Vorläufer-Emissionshandel kann der CO₂-Preis beim Heizen bereits jetzt auf bis zu 65 Euro steigen (bei einer Untergrenze von 55 Euro). Radikalere Anträge, das ETS 2 komplett abzuschaffen oder weiter zu verzögern – vorgetragen vor allem aus osteuropäischen Staaten –, lehnte das Parlament jedoch ab.
Der Branchenverband VKU stellte sich hinter den ursprünglichen, strengeren Kommissionsvorschlag und lehnte eine Aufweichung ab, um die verlässliche, langfristige Lenkungswirkung hin zur Wärmewende nicht zu gefährden.
ETS 2 und die Kommunalen
Unter dem Strich bedeutet das ETS 2 für kommunale Versorger eine fundamentale Transformation ihres Kerngeschäfts. Betroffen sind vor allem Brennstofflieferanten für Gebäude und den Straßenverkehr – Sektoren, die laut offiziellen EU-Quellen bislang rund 35 bis 40 Prozent der europäischen Emissionen verursachen und bisher unreguliert waren.
Die Stadtwerke müssen sich darauf einstellen, künftig neben Strom und Erdgas eine "dritte Commodity" managen zu müssen. Dies ist mit erheblichem administrativem Zusatzaufwand und finanziellen Vorleistungen verbunden. Syneco Trading sieht darin allerdings eine Chance auf eine strategische Evolution: "Mit funktionierenden Prozessen und einem fundierten Risikomanagement ergeben sich perspektivisch aber auch wettbewerbliche Chancen in einem funktionierenden Markt", hieß es dazu aus München.
Viele Brennstoffhändler werden ab 2028 unmittelbar dem CO₂-Preis unterliegen. Ein tiefes Marktverständnis und eine enge Marktbeobachtung werden laut Gauthier Bily entscheidend sein, um Preiswirkungen auf Endkunden abzufedern.
Die soziale Dimension
Kritiker warnen vehement vor einer sozialen Schieflage und einer "Kostenwelle", die über Mieter und Verbraucher hereinbrechen könnte. Höhere CO₂-Preise beim Heizen und Tanken treffen insbesondere einkommensschwache Haushalte hart.
Um diesem Akzeptanzproblem entgegenzuwirken, verweisen die europäischen Institutionen auf den flankierend geschaffenen Sozialklimafonds, der mit 86,7 Milliarden Euro ausgestattet ist. Der CEO von Vertis Environmental Finance, Bily, erklärt dazu: "Ziel ist es, die Auswirkungen steigender Heiz- und Kraftstoffkosten auf Haushalte, kleine Unternehmen und Verkehrsteilnehmer abzufedern. Der Fonds soll den Zugang zu effizienteren und emissionsärmeren Technologien erleichtern." Gefördert werden sollen demnach Gebäudesanierungen, der Austausch von Heizungsanlagen sowie der Ausbau des emissionsarmen öffentlichen Nahverkehrs.
Jegliche politisch motivierte Einflussnahme ist in der Erfahrung ein schwer kalkulierendes Risiko als funktionierende Märkte.
Syneco Trading
Marktstabilität oder politische Willkür?
Ein zentraler Streitpunkt der Reform ist das Kontrollinstrument der Marktstabilitätsreserve (MSR). Die MSR funktioniert ähnlich wie eine Zentralbank für Zertifikate: Sie entzieht dem Markt Überschüsse oder führt sie bei Verknappung wieder zu, um das Angebot in einem Korridor von 400 bis 833 Millionen Zertifikaten zu stabilisieren.
Hier zeigt sich jedoch der Kernkonflikt zwischen Marktmechanismus und politischer Steuerung. Am 1. April 2026 schlug die EU-Kommission vor, den automatischen Löschungsmechanismus für Zertifikate oberhalb der 400-Millionen-Tonnen-Grenze auszusetzen. Bily sieht darin eine Chance zur Eindämmung von Preisschocks: "Damit würde die EU über mehr Handlungsspielraum verfügen, um auf potenzielle Preisschocks reagieren und starke CO₂-Preisspitzen begrenzen zu können. Kurzfristig könnte dies die Volatilität reduzieren."
Politisierung des Marktes
Zugleich warnen Experten vor zunehmender Politisierung des Marktes. "Jegliche politisch motivierte Einflussnahme ist in der Erfahrung ein schwer kalkulierendes Risiko als funktionierende Märkte", so die Bewertung seitens Syneco Trading, und weiter: "je mehr Einfluss von kaum zu kalkulierenden und sich plötzlich ändernden politischen Maßnahmen, desto schwieriger wird ein seriöses Risikomanagement durch die Stadtwerke."
Trotz der Risiken bietet die Dekarbonisierung den kommunalen Versorgern erhebliche Chancen für neue, zukunftssichere Geschäftsmodelle. Die Notwendigkeit zur Unabhängigkeit von fossilen Importen – verschärft durch geopolitische Krisen wie den Ukraine-Krieg – treibt den Ausbau lokaler, grüner Technologien voran.
Das internationale Schutzschild CBAM
Um zu verhindern, dass die europäische Industrie aufgrund der hohen CO₂-Preise abwandert (sogenanntes Carbon Leakage), hat die EU den Grenzausgleichsmechanismus CBAM ins Leben gerufen. Importeure von CO₂-intensiven Gütern wie Stahl, Zement oder Strom müssen seither Abgaben zahlen, die dem europäischen CO₂-Preis entsprechen.
Bislang verursacht CBAM in den Unternehmen vor allem administrativen Aufwand, echte Kostenwirkungen stehen noch aus. Bily sieht das Instrument dennoch als internationalen Katalysator: "Mehrere wichtige Handelspartner der EU – darunter China und die Türkei – entwickeln bereits eigene Emissionshandelssysteme oder bauen diese aus. Mit zunehmender globaler Konvergenz verringern sich strukturelle Wettbewerbsunterschiede", so seine Analyse. Staaten ohne CO₂-Bepreisung stünden vor der Wahl, entweder eigene Abgaben einzuführen oder ihre Gelder als CO₂-Zoll an den EU-Grenzen abzugeben.
Das ETS 2 kommt zwar mit Verspätung, doch die Herausforderungen für die Stadtwerke sind dadurch nicht geschrumpft. Die kommunale Wirtschaft steht vor der Herkulesaufgabe, den administrativen Mehraufwand und die Preissrisiken abzufedern, während sie gleichzeitig die Infrastruktur für die Dekarbonisierung aufbauen muss.
Bereits im Juli geht der nationale Emissionshandel nEHS an den Stand, die Auktionen gelten als eine Zwischenphase vor ETS 2. Lesen Sie hier, wie die Erwartungen der Branche ausfallen und welche zentralen Herausforderungen für die kommunalen Versorger damit verbunden sind.







