Ab Juli 2026 startet in Deutschland die Versteigerung von Emissionszertifikaten im Rahmen des nationalen CO₂-Handels. Die Auktionierung in der Marktphase des nationalen Emissionshandels (nEHS) soll innerhalb eines Preiskorridors von 55 bis 65 Euro pro Tonne CO₂ erfolgen. Das Ziel dahinter: Der CO₂-Preis soll zwar flexibler und marktnäher werden, zugleich aber preislich begrenzt bleiben. Entscheidend ist dabei nicht nur der Preis, sondern auch die Mengenbegrenzung: Die Gesamtzahl der verfügbaren Zertifikate ist festgelegt.
Gedämpfte Erwartungen
Die Erwartungen an den neuen Mechanismus im Handelssystem sind im Markt gedämpft. Laut Experten der Syneco Trading würde der ausgerufene Preiskorridor "praktisch keine Bedeutung haben", hieß es auf Anfrage der ZFK. Warum? Die Nachfrage sei mit 250 bis 290 Millionen Tonnen – durch die Inverkehrbringer, ohne zusätzliche Händler – deutlich überzeichnet.
Die Experten verweisen auf die von der Deutschen Emissionshandelsstelle (DEHSt) zuletzt versteigerten Mengen von 192 Millionen Tonnen, bei denen der maximale Versteigerungspreis von 65 Euro je Tonne den Zuschlag erhalten werde und die Untergrenze von 55 Euro je Tonne praktisch keine Relevanz haben werde.
"Schon alleine den Bedarf der Inverkehrbringer kann die Versteigerungsmenge nicht decken, deshalb wird nur ein Teil der Mengen über die 65 Euro zugeteilt", hieß es weiter aus München. Die restlichen fehlenden Mengen würden über die nachfolgenden Festpreise zu 68 beziehungsweise 70 Euro je Tonne CO₂ eingedeckt. Das würde im Ergebnis einen durchschnittlichen CO₂-Preis in Höhe von 66 bis 67 Euro je Tonne ergeben. Das seien umgerechnet 1,2 Cent Aufschlag pro Kilowattstunde Erdgas.
"Ärgerlich und schwer nachvollziehbar"
Als "ärgerlich und schwer nachvollziehbar" bezeichneten die Syneco-Experten die Möglichkeit, bei dem Versteigerungsverfahren auch als Händler ohne eigenen Bedarf teilzunehmen und damit den "Bedürftigen" Mengen zu entziehen, um diese anschließend zu einem höheren Preis von über 68 Euro je Tonne weiterzuverkaufen. "Dies sorgt für eine garantierte Marge für die Händler und geht zulasten der Endverbraucher, die einen künstlich erhöhten CO₂-Preis zahlen müssen", so die Kritik.
Der Marktkonsens geht derzeit davon aus, dass der diesjährige Auktionskorridor weitgehend theoretischer Natur bleiben wird.
Gauthier Bily, CEO bei Vertis Environmental Finance
"Dadurch entsteht ein starker Anreiz, möglichst große Volumina innerhalb des Auktionskorridors zu sichern, anstatt später Zertifikate zum höheren Überschusspreis erwerben zu müssen. Entsprechend dürfte sich das Bieterverhalten stark am oberen Ende des Korridors konzentrieren, konkret bei 65 Euro", fügt Gauthier Bily, CEO bei Vertis Environmental Finance, einer auf Emissionshandel spezialisierten Tochtergesellschaft der STX Group, hinzu.
"Der Marktkonsens gehe derzeit davon aus, dass der diesjährige Auktionskorridor weitgehend theoretischer Natur bleiben wird und Marktteilnehmer faktisch weiterhin einen festen Preis zahlen werden – ähnlich wie in den Vorjahren", so auch die Erwartung von Bily.
Hintergrund sei, dass die erwarteten Auktionsvolumina lediglich rund zwei Drittel des prognostizierten Compliance-Bedarfs abdecken dürften, führt Bily auf ZFK-Nachfrage aus.
Begrenzte Gebotsmenge als Problem für Großemittenten
Der Effekt eines höheren wirtschaftlichen Profits beim Verkauf zum Überschusspreis werde durch die gesetzte Obergrenze für Gebotsmengen zusätzlich verstärkt, fügt er hinzu. Pro Auktion dürfen einzelne Teilnehmer lediglich rund fünf Millionen Zertifikate erwerben. Für große Emittenten sei dies jedoch restriktiv, da sie einen überproportional hohen Anteil der Gesamtnachfrage repräsentieren.
Konkret: Die 15 größten Emittenten stehen für mehr als die Hälfte aller erfassten Emissionen. Laut offiziellen Angaben benötigte beispielsweise BP rund 32 Millionen Zertifikate zur Abdeckung seiner Emissionen aus dem Jahr 2024.
Die Folge: "Unter diesen Rahmenbedingungen können große Emittenten kaum taktisch agieren, indem sie niedrigere Gebote abgeben und damit zusätzliche Zuteilungsrisiken eingehen", so Bily. Stattdessen bestehe ein klarer Anreiz, in jeder Auktion das maximal zulässige Volumen zum Höchstpreis von 65 Euro zu bieten, um die Exponierung gegenüber dem Überschussmechanismus zu minimieren.
Daher erwartet der Markt, dass die Auktionen über das gesamte Jahr hinweg konstant bei 65 Euro geräumt werden. "Preisvolatilität sowie echte Preisfindung innerhalb des Korridors dürften damit faktisch ausbleiben."
Der nEHS bildet eine Zwischenphase hin zum EU-weiten Emissionshandel für Verkehr und Gebäude, ETS 2, ab 2028. Spätestens dann soll der CO₂-Preis vollständig durch den EU-Markt bestimmt werden. Welche Wirkung die Reform langfristig entfalten könnte und wo die größten Hürden liegen, lesen Sie hier.






