Der Chef des Ökostromanbieters Naturstrom, Thomas Banning, hat sich bei der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens enttäuscht über die Politik und den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg mit Blick auf die dort hängige Nichtigkeitsklage gegen den ersten Teil des Eon/RWE-Deals gezeigt.
„Das ist eine traurige Situation, dass wir bei solchen wichtigen Entscheidungen, die die Energielandschaft verändern, nicht in den Diskurs miteinbezogen werden“, so Banning auf die Frage eines Journalisten.
"Man versucht, mit aller Gewalt Zeit zu gewinnen"
Die Kläger hätten einen Antrag für eine mündliche Anhörung gestellt, aber es sei noch nicht entschieden, ob diesem stattgegeben werde und man die Möglichkeit erhalte, die Bedenken und Vorbehalte noch einmal vorzutragen. Naturstrom und neun Stadtwerke hatten bereits im Mai vergangenen Jahres eine Nichtigkeitsklage eingereicht. Diese betrifft die Übernahme der Eon-Erzeugungs-Assets durch RWE.
Anfang Januar dieses Jahres wurde zudem mit einer zweiten Klage von zehn Stadtwerken und Regionalversorgern sowie Naturstrom gegen die befürchtete, künftige Marktdominanz von Eon in den Wertschöpfungsstufen Vertrieb, Netz und innovatives Geschäft vorgegangen.
„Wir warten und warten und haben den Eindruck, dass man hier versucht mit aller Gewalt Zeit zu gewinnen, damit es gar nicht zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung kommt und damit einfach Fakten für Eon und RWE geschaffen werden“, kritisierte Banning weiter.
"Eon fährt eine Vorwärtsstrategie"
Für Eon und RWE seien die mit dem Deal verbundenen Restrukturierungsthemen bereits abgeschossen. „Eon fährt eine Vorwärtsstrategie, um weitere Marktanteile zu gewinnen“, sagte der Naturstrom-Chef. An schwachen Stellen des Wettbewerbs würden Opportunitäten entsprechend mitgenommen und an anderen Stellen werde mit sehr viel Geld in Zukunftsthemen reingegangen, zum Beispiel beim Thema Elektromobilität und Ladeinfrastruktur.
Eine Studie im Auftrag der Kläger zeige zudem, dass Eon inzwischen eine differenzierte Preispolitik fahre. „Dort, wo sie sich regionale Zielmärkte vornehmen und diese angreifen wollen, sind sie bereit, zu anderen Preisen ihre Energie zu verkaufen als in anderen Märkten.“ In sicheren Märkten werde mit entsprechend höheren Margen abgeschöpft, in anderen gehe man sehr bewusst in die Offensive.
Neue Strategie im Netzbereich?
Auch beim Thema Netze und Sektorkopplung operiere Eon mit einer neuen Strategie. „Vor fünf Jahren waren die Netze bei Eon ein unbedeutendes Nebengeschäft, heute sind sie wieder ein zentrales Geschäftsfeld.“ Der Essener Energiekonzern habe einige Manager aus dem Netzbereich von RWE übernommen und mache sich nun deren Erfahrungen zu Nutze.
„RWE war in der Vergangenheit extrem erfolgreich damit, regionale Systeme aufzubauen zwischen dem Energieversorger und der Politik und der Verwaltung vor Ort. Auf diesen Ansatz setzt jetzt auch Eon.“ Der Konzern trete nicht als „allwissender, großer Netzbetreiber auf“, sondern gehe wieder auf Gemeinden und Regionen zu und schaffe dank seiner guten personellen Ausstattung ein enges Netzwerk, aus dem die lokalen Entscheidungsträger im Sinne dieses großen Anbieters umworben und beeinflusst würden.
"Die Kräfte im Markt werden sich weiter verschieben"
Heute seien die Auswirkungen daraus für die anderen Wettbewerber vielleicht noch nicht so groß. „Aber hier nutzt jemand ganz klar seine Stärke, um noch stärker zu werden. Davor warnen wir. Dass bei jemanden, der so viel stärker ist als die anderen über eine gewisse Zeitachse, eine weitere Verschiebung der Kräfte im Markt entstehen wird. Das kann man voraussagen.“
Von der neuen Bundesregierung wünscht er sich deshalb vor allem einen stärkeren Fokus auf Dezentralität und Bürgernähe. „Die Leistungsfähigkeit des Mittelstandes muss wieder stärker gesehen werden.“ (hoe)



