Der Flexibilitätsvermarkter Esforin hat kürzlich frisches Kapital in Höhe von 7,5 Mio. Euro eingenommen. "Wir sind in Deutschland Marktführer in der Flexibilitätsvermarktung", sagte Esforin-CEO Christian Hövelhaus der ZfK. "Jetzt wollen wir deutlich mehr Märkte in Europa erschließen."
Dazu will der Energiedienstleister, der bislang in vier Ländern tätig ist, neue Vertriebsstrukturen aufbauen und auch seine Plattform weiterentwickeln. Mittlerweile haben die Essener auch Flexibilitäten aus erneuerbaren Anlagen, wie Biomasse, Windkraft und Solar im Portfolio. Außerdem ist Esforin für die Optimierung von Batteriespeichern tätig.
Deutlich größeres Potenzial
Durch eine Kooperation mit Sonnen und kürzlich mit dem Solar- und Speicher-Startup 1Komma5Grad hat sich das Unternehmen zudem ein neues Segment für Flexibilitäten erschlossen: Haushaltskunden. Das Besondere ist, dass etwa 1Komma5Grad herstellerunabhängig die Leistung von Wallboxen, Solaranlagen und Wärmepumpen sowie Speichern aggregiert. Esforin stellt diese Flexibilitäten wiederum in den kurzfristigen Handelsmärkten zur Verfügung.
"Als Flexibilitätsvermarkter gewinnen wir durch die Kooperation ein deutlich größeres Potenzial an steuerbarer Last", erklärt Christoph Gardlo, COO bei Esforin. Zudem hätten sowohl 1Komma5Grad wie auch Esforin Internationalisierungspläne und seien in ihrer Zusammenarbeit nicht auf Deutschland begrenzt.
"Wir sehen gerade bei diesen Prosumer-Haushalten großes Potenzial für die Zukunft", sagt Hövelhaus.
Die Industriekunden machten rund 30 Prozent des Strommarktes aus. Bei den Haushaltskunden handele es sich um ein ähnlich großes Marktsegment. "Die Flexibilität aus vorhandenen Assets lässt sich sofort nutzen." Zum einen ließen sich so Lastspitzen ausgleichen und Netzausbau reduzieren. Zum anderen führe der Handel mit Flexibilitäten zu Ersparnissen bei den Kunden. "Außerdem steigern wir so auch den Anteil der Erneuerbaren und erzeugen geringere CO2-Effekte", resümiert der Esforin-Chef.
Intraday optimieren
Ein weiteres wichtiges Segment für den Flexibilitätsvermarkter sind die Stadtwerke. Als die ZfK Ende 2021 mit Esforin sprach, betreute das Unternehmen rund 15 kommunale Versorger. "Wir können sagen, dass wir diese Zahl annähernd verdoppelt haben", sagt COO Gardlo. Hier gehe es vor allem um das Intraday-Geschäft. "Der Handel wird immer volatiler. Der Bedarf an Ausgleichsenergie führe dazu, dass wir als Dienstleister zunehmend Intraday optimieren müssen."
Zudem hätten die meisten Stadtwerke eigene Kraftwerke, bei denen die Bereitstellung von Flexibilitäten eine zusätzliche Ertragsquelle bedeute. "Das sind zum Beispiel konventionelle Anlagen wie Gaskraftwerke, die sich teilweise auch noch im Bau befinden. Aber auch Wärmespeicher. Wir sorgen sozusagen für gelebte Sektorenkopplung, indem wir auf Markpreise reagieren." Esforin biete außerdem an, die eingesparten CO2-Emissionen zu zertifizieren, was auch im Hinblick auf Klimaziele für viele Versorger wichtig sei.
Risiken im Tagesverlauf verringern
Zugenommen hat nach Darstellung der Esforin-Manager auch der Beratungs- und Dienstleistungsbedarf im Gasbereich. "Wir werden derzeit noch stark als Stromunternehmen wahrgenommen", führt Gardlo aus und verweist darauf, dass der Energiedienstleister auch ein signifikantes Gas-Portfolio hat.
"Der Kurzfrist-Handel hat beim Erdgas in den letzten 18 Monaten deutlich zugenommen, weil natürlich die Volatilität im Markt stark gestiegen ist", so Gardlo.
Esforin hat daher eine Dienstleistung entwickelt, die Stadtwerke in die Lage versetzen soll, Risiken aus ihrem Portfolio im Tagesverlauf über den automatisierten, auf einem Algorithmus basierenden Handel zu verringern.
Herausforderung Smart-Meter-Rollout
Eine große Herausforderung für die kommunalen Versorger werde außerdem der Smart-Meter-Rollout mit sich bringen, sind sich die Esforin-Manager einig. "Da rollt eine Welle an Komplexität auf die Stadtwerke zu", sagt Gardlo. "Nicht nur beim Zählertausch, sondern tatsächlich vor allem in den Vertrieben, weil sich die Portfolios komplett neu strukturieren." Versorger müssten dann künftig viertelstündlich den Bedarf und Verbrauch ihrer Haushaltskunden prognostizieren.
"Das wird die Vertriebe und die Portfoliomanager vor eine wahnsinnige Herausforderung stellen. Und ich habe den Eindruck, das wird noch nicht ausreichend diskutiert." Vor diesem Hintergrund gewinne der Intraday-Handel weiter an Bedeutung. "Der Markt verändert sich", betont auch Hövelhaus. "Von der Beschaffungsseite, aber auch die ganze Prozesskette bis hin zum Risikomanagement. Das betrifft auch die Stadtwerke, und darauf muss man sich einstellen – entweder selbst oder eben auch mit Partnern." (jk)



