Ende September hatte das Bundeswirtschaftsminiserium (BMWK) ein "Optionenpapier – Strommarkt der Zukunft" vorgelegt. Das Papier sollte Antworten auf die Frage liefern, wie das zukünftige Strommarktdesign und damit eine sichere, bezahlbare Strom- und Energieversorgung, die ausschließlich auf erneuerbaren Energien basiert, ausgestaltet werden kann. Darüber hatte die durch die Koalitionsfraktionen eingesetzte Plattform Klimaneutrales Stromsystem (PKNS) seit 2023 diskutiert.
ZfK: Herr Wragge, wie bewertet die EEX das BMWK-Optionenpapier?
Wragge: Wir haben uns in den letzten zwei Jahren intensiv in die Arbeit der Plattform Klimaneutrales Stromsystem des BMWK eingebracht. Vor diesem Hintergrund begrüßen wir das Optionenpapier grundsätzlich, sehen jedoch Bereiche, die eine tiefere Analyse erfordern. Ein Beispiel ist der sogenannte "Rückzahlungsmechanismus". Dieser soll Überförderungen in der Erneuerbarenförderung und bei flexiblen Kapazitäten verhindern. Wir sehen die Gefahr, dass das wie eine implizite Preisobergrenze wirkt und die freie Preisbildung im Strommarkt in Frage stellt. Das hätte Auswirkungen auf die Funktionsweise des Strommarktes. Im Spotmarkt würden Flexibilitätsanreize unterdrückt und im Terminmarkt würden Anreize zur Absicherung gegen Preisrisiken und damit Liquidität reduziert. Das widerspricht der Lehre aus der Energiekrise, dass wir mehr Flexibilität brauchen, und langfristige Absicherung gegen Preisrisiken sich lohnt.
Wie bewerten Sie die Präferenz des BMWK für einen kombinierten Kapazitätsmarkt?
Wir haben Zweifel, ob sich tatsächlich die vermeintlichen Vorteile aus zentralem und dezentralem Ansatz sinnvoll und ohne Nachteile kombinieren lassen. Unsere Sorge ist vor allem, dass der zentrale und damit staatlich beziehungsweise regulatorisch festgelegte Teil über kurz oder lang dominiert. Und das hätte dann Auswirkungen auf andere Bereiche des Marktdesigns, was wiederrum dort staatliche Interventionen nach sich ziehen würde. Deshalb halten wir dezentrale Ansätze, die auf möglichst viel Selbstorganisation des Strommarktes basieren, für besser geeignet. Die am wenigsten eingriffsintensive Option wäre das Strommarkt-plus-Modell als Weiterentwicklung des bestehenden Energy-Only-Marktes.
Warum finden Sie das Strommarkt-plus-Modell hingegen so positiv?
Das Strommarkt-plus-Modell schließt aus unserer Sicht eine entscheidende Lücke: dass sich Verbraucher beziehungsweise die sie beliefernden Versorger langfristig gegen Preisspitzen, wie sie beispielsweise im Falle einer Dunkelflaute auftreten können, absichern. Derzeit fehlt es an Anreizen für die Verbrauchsseite, sich langfristig gegen Strompreisschwankungen abzusichern, was langfristige Kapitalströme behindert, die für Investitionen auf der Erzeugungsseite erforderlich sind. Das Strommarkt-plus-Modell setzt auf einer EU-Vorgabe auf, die eine verpflichtende Absicherung für Versorger vorsieht – eine Lehre aus der Krise, in der nicht abgesicherte Versorger Insolvenz anmelden mussten. Die Instrumente sind bereits vorhanden, man muss sie nur anwenden.
»Das Modell wurde bisher noch nicht ausreichend ernsthaft untersucht und diskutiert.«
Ein Kritikpunkt am Strommarkt-plus-Modell lautet, dass Kapazitäten nicht mit ausreichender Sicherheit gebaut würden. Was sagen Sie dazu?
Das liegt meines Erachtens daran, dass das Modell bisher noch nicht ausreichend ernsthaft untersucht und diskutiert wurde. Das sieht man auch im Optionenpapier, wo es im Vergleich zu den anderen Optionen keine weitergehende Betrachtung des Strommarkt-Plus-Modells gibt. Ein objektiver Vergleich aller Optionen kann aber nur auf Basis einer vergleichbaren Detailtiefe erfolgen. Hier ist das BMWK also gefordert. Vor allem kommt es im Strommarkt-plus-Modell auf die Ausgestaltung der Absicherungspflicht an – also gegen was müsste sich ein Verbraucher bzw. dessen beliefernder Versorger, in welcher Intensität und für wie lange absichern. Je höher das Absicherungsniveau und je länger der Absicherungszeitraum wären, desto höher wären die Anreize. Wichtig ist auch zu betonen, dass von diesem Modell sehr starke Anreize für Flexibilität und für Selbsterfüllung der Verpflichtung ausgehen, was die Notwendigkeit für neue Kraftwerkskapazitäten reduzieren kann.
Wie stehen Sie zu den weiteren Vorschlägen des BMWK zur Erneuerbarenförderung zu einer einheitlichen Strompreiszone?
Bei den Erneuerbaren gilt für uns das gleiche wie bei steuerbaren Kapazitäten: Das Marktdesign sollte so viel Investitionen wie möglich über den Markt selbst anreizen. Und da, wo Förderung nötig ist, muss sie kompatibel mit den Strommärkten sein, das heißt, die Preissignale des Strommarktes wirken und es bestehen Anreize für eine Terminvermarktung. Hier favorisieren wir langfristig das Modell mit Kapazitätszahlung. Allerdings sind viele Detailfragen noch offen, unter anderem auch die Wirkung eines Rückzahlungsmechanismus.
Das klare Bekenntnis des BMWK zur einheitlichen deutschen Stromgebotszone begrüßen wir ausdrücklich. Die Teilung der deutsch-österreichischen Strompreiszone hat uns gezeigt, wie gravierend solche Eingriffe sein können. Es hat Jahre gedauert, bis sich der Markt erholt hat, und die Auswirkungen einer Teilung auf die deutsche Preiszone wären weitaus gravierender. Insofern ist es gut, dass das BMWK im Optionenpapier alternative Instrumente für lokale Signale aufzeigt. Die gilt es jetzt weiterzuverfolgen, damit die deutsche Gebotszone und mit ihr der liquide, deutsche Strommarkt als Erfolgsmodell erhalten bleiben.
Das Interview führte Artjom Maksimenko
Das Interview erschien in einer gekürzten Fassung in der Oktober-Ausgabe der ZfK. Hier geht es zum e-Paper.



