Die Verbund AG ist Österreichs führendes Stromunternehmen und einer der größten Stromerzeuger aus Wasserkraft in Europa. Susanna Zapreva verantwortet als Chief Renewables Officer (CRO) im Vorstand unter anderem das internationale Wachstumsgeschäft des börsennotierten Energiekonzerns. Im zweiten Teil des ZFK-Interviews nimmt die langjährige Enercity-Chefin zum Thema Wasserstoff, zum Wettbewerb um Haushaltskunden und zur aktuellen Entwicklung der Wärmewende in Deutschland Stellung.
Das Trendthema Wasserstoff hat seit geraumer Zeit an Anziehungskraft verloren. Es überwiegt die Skepsis, viele Elektrolyse-Projekte wurden jüngst abgesagt. Wie beurteilen Sie die Perspektive von Wasserstoff bis zum Ende dieses Jahrzehnts?
In den vergangenen Jahren war die Euphorie zu groß. Ich glaube aber, dass in der Periode ab 2035 bis 2040 das Thema Wasserstoff wieder eine große Rolle spielen wird. Denn ich möchte nicht daran glauben, dass wir die Industrie aus Europa ziehen lassen. Und wenn wir uns in allen Geschäftsbereichen resilient aufstellen wollen, führt an Wasserstoff kein Weg vorbei. Das gilt speziell für die 'Hard-to-Abate'-Sektoren. Wir werden den Hochlauf nur nicht in der Menge und in der Geschwindigkeit sehen, wie bisher kolportiert wurde. Am Anfang wird Wasserstoff als Beimischung in geringerem Umfang zur Dekarbonisierung beitragen.
Es gibt die Diskussion Wasserstoff versus CCS (Carbon-Capture-and Storage). In den USA werden wir viel mehr CCS sehen, weil dort der Gaspreis durch die eigene Förderung günstig ist. Jede Investition in Gas ist dort eine Investition in die eigene Wirtschaft. Das gilt für Europa nicht. Deshalb werden wir an der ein oder anderen Stelle Wasserstoff benötigen.
In Österreich ist die Wettbewerbsdynamik deutlich geringer.
In Deutschland ist der Wettbewerb um die Haushaltskunden wieder deutlich härter geworden. Wie ist die Situation in Österreich einzuschätzen?
In Österreich ist die Wettbewerbsdynamik deutlich geringer. In Deutschland liegt die Wechselquote bei 15 bis 16 Prozent, in Österreich pendelt sie zwischen vier und fünf Prozent. Soweit die reinen Zahlen. Neben den kommerziellen Vergleichsportalen wie Verivox veröffentlicht in Österreich noch die Regulierungsbehörde mit einem Tarif-Kalkulator alle Tarife zum Vergleich, um die Transparenz und den Wettbewerbsdruck zu erhöhen. Und natürlich rückt auch die Politik die Energiepreise stärker in den Fokus.
Seit Anfang des Jahres ist in Österreich ein Gesetz in Kraft, das einen deutlich niedrigeren Sozialtarif für sogenannte vulnerable Gruppen vorsieht, die sich die normalen Preise nicht leisten können. Eine ähnliche Regelung gibt es bereits in Spanien und Italien. Und natürlich gibt es eine ähnliche Diskussion auch mit Blick auf die Industriekunden. Sollte Deutschland einen Industriestrompreis einführen, müsste Österreich zügig nachziehen. Denn beide Industrien sind stark voneinander anhängig.
Ein Wärmeplan, der ein paar Jahre alt ist, würde heute wahrscheinlich anders aussehen.
Wie sehen Sie die Entwicklung bei der Wärmewende in Deutschland, auch vor dem Hintergrund ihrer langjährigen Erfahrung als Enercity-Chefin?
Die Dekarbonisierung im Wärmesektor ist wichtig und sie wird kommen, in welchem Tempo auch immer. Doch Deutschland hält sich sehr lange mit dem Thema auf und braucht deutlich mehr Dynamik und Planungssicherheit. Ein Wärmeplan, der ein paar Jahre alt ist, würde heute wahrscheinlich anders aussehen. Was ich damit sagen will: Die technologische Entwicklung ist so rasant, dass wir immer wieder anpassen müssen. Wir brauchen zwar einen groben Rahmen, in dem wir uns bewegen, aber noch wichtiger ist die Fähigkeit, flexibel zu reagieren, um den Fortschritt zu integrieren.
Die Kommunalpolitik kommt eher als Bremsfaktor daher?
Ich sehe da eine Starrheit, die nicht funktioniert. Die Unternehmen müssen den Freiraum haben, jedes oder jedes zweite Jahr nachzuschauen und zu entscheiden, wo sie nachjustieren müssen. Was hat sich technologisch getan, wie haben sich die Preise entwickelt, wo müssen wir jetzt adaptieren? Das ist ein revolvierender Prozess, der nicht an der Realität vorbeigehen darf.
Ich kenne die Prozesse in der Kommunalpolitik, den Willen alles vor Ort mit den Menschen zu diskutieren und in jedem Bezirk transparent zu machen. Das ist wichtig, doch man muss eine vernünftige Balance finden. Die Menschen haben nichts davon, wenn sie auf eine Reise mitgenommen werden, die eigentlich schon vor fünf Jahren hätte überarbeitet werden sollen. Wir leben in einer Zeit der Transformation und da brauchen wir Flexibilität und Tempo, um nicht den Anschluss zu verlieren.
Wie treiben Sie beim Verbund die Digitalisierung voran?
Wir versuchen gerade in vielen Bereichen, durch KI unsere Prozesse und Innovationen nach vorn zu bringen. Das ist in einem kleinen Land wie Österreich deutlich schwieriger, weil die Anbieter entsprechende Lösungen nicht so leicht skalieren können und es zudem sehr spezifische Regeln gibt. Aber wir sind da mit Hochdruck dran und verschlanken unsere Prozesse. Wir treiben auch die Einführung neuer Produkte, die einen Mehrwert für den Kunden bedeuten, zügig voran.
Wie steht es um den Smart-Meter-Rollout in Österreich?
Die Zähler sind überall montiert, aber wir bekommen die Daten noch nicht. Das bedeutet konkret, dass die Datenübertragung vom Smart Meter zum Energielieferanten noch nicht vollständig stattfindet. Diese Lücke wird nun durch ein vor wenigen Wochen verabschiedetes Gesetz geschlossen. Was den konkreten Nutzen und das Potenzial der Smart Meter angeht, ist die Situation in Österreich und Deutschland durchaus vergleichbar. Da ist noch Luft nach oben.
Es geht nicht nur darum, Erneuerbare auszubauen, sondern dies gut machen. Gut heißt, europäisch und im Einklang mit Kundenbedürfnissen, Netzausbau und Flexibilität.
Sehen Sie sich angesichts eines global zu beobachtenden Rollbacks in Richtung fossiler Energien gezwungen, Ihre Unternehmensstrategie zu verändern?
Nein, das sehen wir nicht. Wir werden unseren klaren Fokus auf Erneuerbare beibehalten und dabei weiterhin auf eine Diversifizierung bei Technologien und Ländern setzen. Natürlich werden wir immer mal nachjustieren. Schließlich sind wir ein börsennotiertes Unternehmen und müssen auf veränderte wirtschaftliche Situationen reagieren. Deshalb steht bei uns das Thema Effizienz ganz oben auf der Agenda. Wir müssen dafür sorgen, dass wir Strom wettbewerbsfähig produzieren, damit sich Europa als Standort im globalen Wettbewerb behaupten kann. Wir sehen uns als Player, der dazu beitragen kann, dass unser Wohlstand, den wir uns über Jahrzehnte aufgebaut haben, erhalten und ausgebaut wird.
Auch wenn es derzeit global einen Dämpfer auf dem Markt für Erneuerbare gibt, wird die Entwicklung wieder an Fahrt aufnehmen. Wir in Europa können es uns schon mangels fossiler Ressourcen gar nicht leisten, einen anderen Weg zu gehen. Aber auch im asiatischen Raum, in China und Indien, geht die Entwicklung rasant weiter. Die entscheidende Frage ist Tempo und Effizienz. Es geht nicht nur darum, Erneuerbare auszubauen, sondern dies gut machen. Gut heißt: europäisch und im Einklang mit Kundenbedürfnissen, Netzausbau und Flexibilität. Das ganze System wird in Richtung Erneuerbare transformiert werden – da bin ich mir ganz sicher.
Im ersten Teil des ZFK-Interviews, das am Dienstag (14. April) erschien, erläutert die Verbund-Vorständin ihre Erneuerbaren-Ausbauziele in Europa, äußert sich zur Akzeptanz von Windkraftprojekten auch in Deutschland und erklärt, warum Europa in puncto Dekarbonisierung andere Ziele verfolgen muss als die USA.
Eine Kurzfassung des Interviews ist in der April-Printausgabe der ZFK erschienen. Zum Abo geht es hier.



