Henning R. Deters ist Vorstandsvorsitzender des Gelsenwasser-Konzerns.

Henning R. Deters ist Vorstandsvorsitzender des Gelsenwasser-Konzerns.

Bild: © Gelsenwasser

Herr Deters, wo liegen aktuell die größten Herausforderungen im operativen Betrieb für Gelsenwasser mit Blick auf die Corona-Pandemie? Wie gut sehen Sie sich aufgestellt?
In der aktuellen Pandemie-Situation haben wir drei Hauptziele: den bestmöglichen Schutz aller Mitarbeitenden und – direkt damit verbunden – unsere Handlungsfähigkeit dauerhaft aufrechterhalten, eine transparente Kommunikation intern und extern. Entsprechend eines bereits vorhandenen Pandemieplans haben wir die Vorsorgemaßnahmen rechtzeitig Ende Februar gestartet, um das Infektionsrisiko bei den Mitarbeitenden so gering wie möglich zu halten. Bisher funktioniert der Betrieb dank des verantwortungsvollen Handelns aller bei uns im Team blau-grün weiter gut, wir sind voll handlungsfähig. Weitere Maßnahmen aus unserem Pandemieplan ergreifen wir lageabhängig. Ein extra eingesetzter Stab beurteilt regelmäßig die Entwicklung. Wir sind darauf eingestellt, den derzeitigen Betriebszustand über lange Zeit aufrechtzuerhalten – bei Bedarf auch über Monate. Das Wichtigste ist: Alle ziehen mit, wir haben ein sehr engagiertes Team!

Was bedeutet die aktuelle Krise für ihre Stadtwerkebeteiligungen? Wo sehen Sie da die größten Herausforderungen? In den Medien werden ja vielfach die Themen Beschaffung und Zahlungsmoratorium genannt.
Sicher kommen auf alle Versorgungsunternehmen – nicht nur in unserer Gruppe – deutliche Herausforderungen zu, was den Umgang mit ausstehenden Zahlungen betrifft. Wie stark sich das ausprägt, wird elementar von der Dauer dieser Krise abhängen. Zurzeit kann da noch niemand eine klare Einschätzung abgeben. Was die Beschaffung notwendiger Materialien angeht, haben wir stets einen gewissen Vorrat auf unseren Betriebshöfen und diesen zu Beginn der Epidemie nochmal aufgestockt. Für alle Reparaturarbeiten und wichtige Bauvorhaben sind wir auf längere Sicht ausgestattet. Sollte es bei Partnerunternehmen eng werden, unterstützen wir uns selbstverständlich gegenseitig.

Laut Pressemitteilung waren alle Konzernunternehmen von Gelsenwasser im Geschäftsjahr 2019 in ihren Märkten erfolgreich. Die Ausweitung auf neue Geschäftsfelder habe die Abhängigkeit von der Sparte Wasserversorgung verringert, heißt es. Wie weit ist dieser Diversifizierungsprozess fortgeschritten und wo wollen Sie da perspektivisch hin?
Der Bereich Wasserversorgung ist die Wurzel von Gelsenwasser und immer noch ein sehr wichtiger Bereich. Mit den Zechenschließungen und dem Wegfall weiterer wasserintensiver Industriebereiche – in den nächsten Jahren übrigens auch bei den Kraftwerken – ist die Wasserabgabe in dieser Region deutlich zurückgegangen. Seit den 70er Jahren hat sich Gelsenwasser sukzessive auf diese Veränderungen eingestellt und neue Geschäftsfelder erschlossen. Das reicht vom Einstieg in die Bereiche Abwasser, Gas und Strom inklusive Energiehandel, Infrastruktur-Dienstleistungen und erneuerbare Energien bis in die industrielle Infrastruktur in Bitterfeld-Wolfen sowie aktuell in die Entwicklung von Quartierskonzepten und die Klärschlammverbrennung. So ist ein Portfolio entstanden, in dem alle Sparten zielgerichtet zusammenarbeiten, vom Know-how im Gesamt-Team profitieren und auf diese Weise auch Partnerunternehmen praxisnah und wirtschaftlich sinnvoll unterstützen können. Wir sprechen vom Haus der Lösungen. Wir wollen verstehen, wo unsere Kunden und Partner Bedarf haben und frühzeitig Lösungen dafür entwickeln. Das ist unsere Philosophie in der Gelsenwasser-Gruppe, die alle Partner für ihren Erfolg unterstützt und auch für die Zukunft trägt.

Gelsenwasser hat im vergangenen Jahr im Energiegeschäft erneut deutlich hinzugewonnen. Welche Rolle spielt hier die zentrale Beschaffung durch die EHW und wie groß ist der strategische Stellenwert dieser Kooperation? Gibt es weiteres Wachstumspotenzial?
Die 2017 gestartete zentrale Beschaffungskooperation mit Stadtwerken aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen hat unserem Energiehandel einen großen Schub verliehen. Damit waren erhebliche Absatzsteigerungen verbunden: beim Gas 2018 um über 40 Prozent und 2019 um rund 30 Prozent. Der Stromverkauf verdreifachte sich 2018 fast auf rd. 1,8 TWh, stieg 2019 nochmal um 38,9 Prozent auf 2,5 TWh. Wir rechnen hier mit weiteren Wachstumsraten, wenn auch nicht mehr so umfangreich wie in den „Start-Jahren“ der Kooperation.

Welchen Anteil an den guten Geschäftszahlen haben Ihre Stadtwerkebeteiligungen, beispielsweise die jüngsten Partner wie Enni oder die Stadtwerke Göttingen?
Der Beitrag der Beteiligungen ist seit Jahren wichtig und wird sich als ein Standbein wie auch neue Dienstleistungen weiterentwickeln. Die Beteiligungen an der Enni (5,9 Prozent) und den Stadtwerken Göttingen (24,8 Prozent) bieten gute Möglichkeiten, eine weitere Zusammenarbeit zu entwickeln. Mit den guten Erfahrungen aus diesem Netzwerk sind wir offen für weitere Partnerschaften.

Auch die Marke Erenja verzeichnet Kundenzuwächse. Wie bewerten Sie die bisherige Entwicklung, liegen die Kundenzahlen im Plan? Was sind die nächsten Ziele, die man sich hier gesetzt hat?
Das Endkundengeschäft im Energiesektor ist hart umkämpft. Da unsere frische, 2019 an den Start gegangene, Energiemarke gut ankommt, werden die Energiemarken unserer Tochterunternehmen NGW am Niederrhein und WESTFALICA in Ostwestfalen die neue Markenstrategie noch in diesem Jahr ebenfalls übernehmen. Themenschwerpunkte rund um Energie sind unter anderem Mobilität, erneuerbare Energien und Quartiersentwicklungen. Unsere klare Botschaft an die Kunden: Auch und gerade in Krisenzeiten stellt Verlässlichkeit einen hohen Wert dar. Wir stehen an der Seite unserer Kunden und wollen ihnen im Rahmen unserer Möglichkeiten helfen.

(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)

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