Manon van Beek wird ab 1. September dieses Jahres den Vorstandsvorsitz bei Tennet übernehmen.

Manon van Beek wird ab 1. September dieses Jahres den Vorstandsvorsitz bei Tennet übernehmen.

Bild: © Tennet

Um die Energiewende voranzutreiben – eine der strategischen Prioritäten des Unternehmens laut eigener Aussage – konzentriert sich Tennet zunehmend auf Innovationen, die Optimierung der bestehenden Hoch- und Höchstspannungsnetze und die enge Zusammenarbeit mit Interessensgruppen wie Staatsregierungen, die Gesellschaft, andere Netzbetreiber und Marktteilnehmer. Dies geht aus dem heute veröffentlichten integrierten Geschäftsbericht 2019 des niederländisch-deutschen Übertragungsnetzbetreibers hervor. Auch 2019 erhöhte das Unternehmen die Investitionen in die Energiewende.

So investierte Tennet vergangenes Jahr 3064 Millionen Euro (Capex). Hiervon wurden 1.925 Millionen Euro in Deutschland und 1131 Millionen Euro in den Niederlanden investiert. Diese Ausgaben erklären nach Angaben des Übertragungsnetzbetreibers auch den Anstieg der verzinslichen Nettoverschuldungen um neun Prozent auf 9500 Millionen Euro zum 31. Dezember 2019.

Dritte Regulierungsperiode sorgt für weniger Umsatz
 
Für das Geschäftsjahr verzeichnet Tennet ncah eigenen Angaben solide Finanzergebnisse, die zum Teil durch eine weniger günstige Regulierung, insbesondere in Deutschland, beeinträchtigt worden seien. Für die Umsetzung des Investitionsprogramms für die Energiewende sei eine stabile Entwicklung der Rentabilität der regulierten Aktivitäten in den kommenden Jahren notwendig, so der Appell des Unternehmens.

Die finanziellen Ergebnisse entsprachen den Erwartungen des Übertragungsnetzbetreibers. 2019 ging der nachhaltige Umsatz in Höhe von 4.084 Millionen Euro um drei Prozent gegenüber 2018 zurück. Der nachhaltige Ebit sank von 853 Millionen Euro im Jahr 2018 auf 768 Millionen Euro im Jahr 2019. Ohne Sondereffekte sank der nachhaltige Ebit um neun Prozent auf 753 Millionen Euro im Jahr 2019. Hauptgrund sei die mit Beginn der dritten Regulierungsperiode (2019) geltende niedrigere Eigenkapitalrendite in Deutschland, teilweise ausgeglichen durch ein höheres regulatorisches Anlagevermögen aufgrund von Investitionen.

Herausforderungen bei der Eigenkapitalfinanzierung

CFO Otto Jager erklärte: „Als Folge der nachhaltigen Energiepolitik der Niederlande und Deutschlands wird unser Investitionsvolumen voraussichtlich weiter steigen. Um das Unternehmen finanziell gesund zu halten, werden wir in den nächsten vier Jahren voraussichtlich zwei bis drei Milliarden Euro an zusätzlichem Eigenkapital benötigen." Eine Reihe von Lösungen sei denkbar. Jede Lösung müsse jedoch flexibel und skalierbar sein und dürfe das Unternehmen nicht aufspalten. "Wir sind in enger Abstimmung mit unserem Anteilseigner, dem niederländischen Staat, über die beste Vorgehensweise." Zu Beginn des Berichtsjahres kündigte der niederländische Staat an, dass er seine Vorstellungen dem Parlament 2020 vorlegen werde.

 
Nachhaltige Finanzierung

Man lege großen Wert auf die eigene Vorreiterrolle im Bereich nachhaltiger Finanzierung: Im Januar 2019 erhielt Tennet 500 Millionen Euro an Erlösen aus seiner ersten grünen Privatplatzierung in den USA.  Im Mai gab der Übertragungsnetzbetreiber eine europäische grüne Anleihe in zwei Tranchen von elf und 20 Jahren über insgesamt 1,25 Milliarden Euro aus. Diese Anleihe wird für Investitionen in die Anbindung von Offshore-Windparks an das Stromnetz an Land genutzt. Vier niederländische Offshore-Netzanschlussprojekte sind ebenfalls Teil des Portfolios aus grünen Anleihen, das bislang auch neun Offshore-Netzanschlussprojekte in Deutschland umfasst. Im November refinanzierte die Tennet Holding B.V. ihre nachhaltige revolvierende Kreditfazilität (RCF) in Höhe von 2,2 Milliarden Euro und erhöhte das Kapital auf drei Milliarden Euro. Mit mehr als elf Milliarden Euro ausgegebenen grünen Anleihen und verfügbarer nachhaltiger Finanzierung sei man der größte Emittent grüner Anleihen in den Niederlanden.
 
Geplante Investitionen

Tennet geht davon aus, dass das Investitionsvolumen des Unternehmens für die kommenden Jahre aufgrund des Atom- und Kohleausstiegs und des starken Wachstums der Offshore-Windenergie auf jährlich vier bis fünf Milliarden Euro ansteigt. Dieser Anstieg sei unter anderem auf die Entscheidung Deutschlands zurückzuführen, die Offshore-Windkapazität von 15 Gigawatt auf 20 Gigawatt zu steigern. Die niederländische Regierung habe ebenfalls einen erheblichen Ausbau der Offshore-Windenergie für das Jahr 2030 auf den Weg gebracht, sodass man bis dahin 9,6 Gigawatt Anschlusskapazität für Offshore-Windparks im niederländischen Teil der Nordsee realisiert haben muss.

Weitere große Netzausbauprojekte in den Niederlanden sind die Südwest-380-kV- und die Nordwest-380-kV-Leitung sowie die Modernisierung des nationalen 380-kV-Rings. Die größten Projekte in Deutschland sind die Erdkabel-Gleichstromverbindungen Suedlink und SuedOstLink, die erneuerbaren Strom aus dem Norden nach Süddeutschland transportieren sollen.

Mehr Personal und Netzverfügbarkeit

„Für Tennet war 2019 sowohl ein erfolgreiches als auch herausforderndes Jahr. 2019 haben wir den internen Prozess ‚Veränderung für Wachstum‘ ins Leben gerufen, um Tennet auf seine zentrale und wachsende Rolle in der europäischen Energiewende und in einem neuen Energiesystem vorzubereiten", bilanzierte CEO Manon Van Beek. Mehrerer hundert neuer Arbeitsplätze seien hinzugekommen. Auch die Verfügbarkeit des Tennet-Netzes, habe sich  leicht auf 99,9998 Prozent gesteigert.
 
Ungefähr ein Sechstel der Gesamtinvestitionen von Tennet wurden für die Instandhaltung der bestehenden Hoch- und Höchstspannungsnetze bereitgestellt; die restlichen Investitionen waren für neu gebaute Projekte und den Netzausbau vorgesehen. Eine Reihe wichtiger Projekte zur Aufrechterhaltung der hohen Versorgungssicherheit und zur Umsetzung der Energiewende wurden 2019 abgeschlossen oder zeigten gute Fortschritte.
 
Offshore-Ausbau Deutschland



Vergangenes Jahr habe man das Ausbauziel der deutschen Bundesregierung für Offshore-Windkraftkapazität in Nord- und Ostsee, das bei 6,5 Gigawatt für  2020 liegt, übertroffen. BorWin 3, das neunte Offshore-Netzanschlusssystem in Gleichstromtechnologie, wurde in Betrieb genommen. Damit haben die inzwischen zwölf in Betrieb befindlichen Offshore-Netzanschlusssysteme – neun in Gleichstrom- und drei in Wechselstromtechnologie – von eine Gesamtkapazität von 7,1 Gigawatt. Darüber hinaus werden jetzt die Netzanschlusssysteme DolWin5, DolWin6 und BorWin5 entwickelt. Sie sollen die von Tennet bereitgestellte Offshore-Übertragungskapazität für Windparks in der deutschen Nordsee bis 2025 auf nahezu zehn Gigawatt steigern.

Nach 2025 plant der Übertragungsnetzbetreiber zusätzlich mehr als 6,5 Gigawatt an Übertragungskapazität, die bis 2030 installiert werden soll. Damit sei man gut gerüstet, um die künftigen Offshore-Ziele zu erreichen, denn die nördlichen Bundesländer und die Bundesregierung wollen die installierte Offshore-Windkraftkapazität (Nord- und Ostsee) innerhalb von zehn Jahren mit einem neuen Ausbauziel von 20 Gigawatt bis 2030 mehr als verdoppeln – anstelle der bisher geplanten 15 Gigawatt, erklärte das Unternehmen.
 

Offshore-Ausbau Niederlande 

Auch das erste Offshore-Netzanschlusssystem in Wechselstromtechnologie von Tennet im niederländischen Teil der Nordsee, Borssele Alpha, sei planmäßig installiert und jetzt betriebsbereit. Weitere sieben dieser standardisierten 700-Megawatt-Plattformen sollen bis 2027 bereitgestellt werden, um künftige Offshore-Windparks an das Stromnetz an Land anzuschließen. Das nächste Netzanschlusssystem – Borssele Beta – wird voraussichtlich 2020 fertiggestellt sein. Bis 2030 erwartet Tennet daher insgesamt zehn Gigawatt an Offshore-Anschlusskapazität in der niederländischen Nordsee realisiert zu haben. Für das Windgebiet IJmuiden Ver plant Tennet den Einsatz von Netzanschlusssystemen in Gleichstromtechnologie mit einer Kapazität von zwei Gigawatt und will dabei 525-kV-Kabel verwenden. Als Weltneuheit spare dieser neue Standard Kosten und führt zu einem geringeren Flächenbedarf.
 
Suedlink im Werden
 
Wichtige Schritte bei Planung und Genehmigung der Gleichstromverbindung Suedlink habe man ebenfalls erreicht. Der Vorschlagskorridor für diese Erdkabelverbindung sei vorgestellt worden und damit die endgültige Entscheidung der Genehmigungsbehörde über den Verlauf des Korridors eingeleitet. So habe die Behörde für die nördlichsten Abschnitte – Schleswig-Holstein und Nord-Niedersachsen – den Korridorverlauf Anfang 2020 festgelegt. Mit dem Übertragungsnetzbetreiber TransnetBW haben nun EU-weite Ausschreibungen für die Konverter– Schlüsselkomponenten für Suedlink – gestartet.
 
Mit acht Stromleitungen habe Tennt nun in Deutschland mehr Höchstspannungsleitungen als je zuvor im Bau. Dazu gehören unter anderem die Wechselstromverbindungen Wahle-Mecklar  mit 230 Kilometer Länge  sowie die Mittelachse und die Westküstenleitung, die Windstrom im Norden einsammeln und Richtung Süden abtransportieren.





Netzausbau in den Niederlanden

Nach einer Bauzeit von fünf Jahren wurde in den Niederlanden die 60 Kilometer lange Randstad-380-kV-Nordring-Verbindung in Betrieb genommen. Die neue Höchstspannungsleitung stellt die erforderliche Übertragungskapazität für grünen Strom bereit, der in Windparks in der Nordsee erzeugt wird. Zu den anderen Großprojekten, die entweder in Vorbereitung oder im Bau sind, gehören Zuid-West 380 kV Oost und Zuid, Eemshaven-Vierverlaten und die Erhöhung der Leistung des nationalen 380-kV-Rings.
 
Verbindung der dänischen und niederländischen Strommärkte

Mit dem „grünen“ COBRA-Seekabel, das im September 2019 in Betrieb genommen wurde, seien die Strommärkte der Niederlande und Dänemarks zum ersten Mal direkt miteinander verbunden. Die Seekabelverbindung mit einer Länge von über 300 Kilometern sorge auch für mehr Versorgungssicherheit. Die deutschen und norwegischen Strommärkte werden mit der derzeit im Bau befindlichen Nordlink-Verbindung erstmals direkt miteinander verbunden sein. Geplant sei, dass diese über 600 Kilometer lange grenzüberschreitende Verbindung Ende 2020 in Betrieb genommen werden kann und den Austausch von erneuerbarem Strom erleichtert.
 
Eine umfassende Studie des Konsortiums für das Windenergie-Verteilkreuz in der Nordsee, dem Tennet angehört, habe außerdem gezeigt, dass ein international koordinierter Ausbau von mehreren Windenergie-Verteilkreuzprojekten technisch machbar ist. Diese sollen die Anbindung von Windenergie, die Kopplung der Energiemärkte durch grenzüberschreitende Leitungen sowie eine intelligente Integration in das Energienetz an Land, einschließlich Strom-in-Gas-Umwandlung kombinieren. Die Windenergie-Verteilkreuzprojekte sollen jeweils eine Kapazität von zehn bis 15 Gigawatt haben und sukzessive aufgebaut werden. Dies stellt sicher, dass die Projekte an örtliche Gegebenheiten und an Entwicklungszeiten angepasst und Umwelteinflüsse reduziert werden können.
 
Netzausbau vermeiden



Da die mit der Energiewende verbundenen gesellschaftlichen Kosten steigen und die Realisierung großer Strominfrastrukturprojekte oft Diskussionen und Rechtsstreitigkeiten auslöst, sucht der deutsch-niederländische Übertragungsnetzbetreiber nach eigenem Bekunden auch nach Lösungen, die nicht unbedingt den Ausbau des Stromnetzes erfordern. Man initiier und beteilige sich daher an einer Vielzahl von Projekten zur intelligenteren Nutzung bestehender Anlagen und zur Nutzung neuer Technologien.

So führt Tennet beispielsweise mit einer Reihe von Automobilkonzernen und auf Heimspeichersysteme spezialisierten Unternehmen Pilotprojekte durch, um die Netzstabilisierung durch kleine Flexibilitäten zu ermöglichen. Man sei überzeugt, dass in Zukunft Elektroautos und Verbraucher im Haushalt wie Heimspeichersysteme für den Ausgleich von Stromangebot und -nachfrage genutzt werden und so dazu beitragen können, das Stromnetz zu stabilisieren. Mit Mercedes-Benz Energy und BMW habe man erfolgreiche Pilotprojekte gestartet, bei denen E-Autobatterien einen signifikanten Beitrag zur Netzstabilisierung und auch Netzwiederherstellung leisten und damit Aufgaben wahrnehmen können, die bislang konventionelle Kraftwerken erfüllen, heißt es in der offiziellen Pressemitteilung dazu.

Kopplung von Energie, Verkehr und Industrie

Andere Projekte wie InnoSys2030 zielen auf digitale Lösungen, mit denen das vorhandene Stromnetz höher ausgelastet werden kann. Dies könne letztlich dazu beitragen, den künftig notwendigen Netzausbau zu reduzieren. Zu den weiteren langfristigeren Innovationsprojekten zählt der Bau – gemeinsam mit Thyssen Gas und Gasunie Deutschland – einer Elektrolyseanlage mit einer Kapazität von 100 Megawatt, die schrittweise ab 2022 in Betrieb gehen und grünen Strom in grünes Gas umwandeln soll, um so neue Speicherpotenziale für erneuerbaren Strom zu erschließen. Im Fokus stehe dabei die umfassende Kopplung der Sektoren Energie, Verkehr und Industrie. (sg)

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper