Herr Junghans, die Investitionsherausforderungen für die Kommunalwirtschaft mit Blick auf die Energiewend sind immens. Wie herausfordernd ist die Finanzierung dieses Mammutprojekts aus Sicht der Banken, wie interessant sind diese Businesscases für die Banken, und reicht der bestehende, konventionelle Finanzierungsmix aus?
Tim Junghans: Für die EVU wird vor allem eine Herausforderung darin bestehen, weiterhin die öffentliche Daseinsvorsorge via Querverbund aufrecht zu erhalten und gleichzeitig die immensen Investitionsbedarfe der Energie-, Wärme- und Verkehrswende zu stemmen.
Die Formulierung „Mammutprojekt“ trifft es insofern ganz gut: Transformationsinvestitionen sind regelmäßig von hohen Investitionsvolumina, kurzen Umsetzungsfristen, Unsicherheiten bezüglich Technologien und Rahmenbedingungen sowie häufig fehlender zusätzlicher Erträge geprägt. Hier kommen Bilanz und GuV der EVU zunehmend unter Druck.
Mit was für Auswirkungen rechnen Sie hier konkret?
Die Finanzierungsmöglichkeiten der Kernbanken werden häufig nicht ausreichen, die Transformationsinvestitionen neben der Begleitung der Working Capital-Finanzierung sowie den sonstigen Ersatz- und Erweiterungsfinanzierungen abzudecken; es gilt eine sinnvolle Ergänzung der Finanzierung um Produkte und Strukturen sowie eine Einbettung in ein Konzept für die Nachhaltige Finanzierung zu finden. Als Bank der Energiewende verstehen wir unsere Rolle in dieser aktiven Begleitung von Transformationsinvestitionen.
Herr Schoof, welche Optionen sehen Sie, um den bestehenden Finanzierungsmix zu erweitern?
Demier Schoof: Die Transformationsinvestitionen beziehen sich in der Regel auf die Kernelemente der Geschäftsmodelle der EVU und sind somit inhaltlich sowie aufgrund fehlender zusätzlicher Erträge nur im Ausnahmefall als echte Projektfinanzierung darzustellen.
Kapitalmarktnahe Lösungen schaffen Möglichkeiten der strukturellen Optimierung.
Die Lösung liegt in der Regel in strukturierten Finanzierungsansätzen, die die Bedingungen der jeweiligen Investitionen sowie die Anforderungen der EVU aufnehmen. Hierbei kommen auch außerbilanzielle und covenantentlastende Strukturen in Betracht.
Kapitalmarktnahe Lösungen über Schuldscheindarlehen sowie Namensschuldverschreibungen schaffen eine Erweiterung des Finanzierungsuniversums sowie die Möglichkeiten der strukturellen Optimierung.
Wir nehmen wahr, dass wir deutlich zeitiger in die strategischen Überlegungen bei Groß- und Transformationsinvestitionen eingebunden werden.
Ihr Kollege Hinrich Holm von der Berliner Investitionsbank hat auf der Stadtwerketagung des Handelsblatts davon gesprochen, dass die kommunalen Unternehmen bei den anstehenden Energiewendeinvestitionen jetzt ein Know-how aufbauen müssten, um die Geschichte des Ingenieurs in konkrete Cash-Flows umzusetzen. Wichtig sei, dass der Markt diese Geschichte nachvollziehen könne. Wie komplexen sind hier die Vermittlungsherausforderungen von solchen Projekten für Stadtwerke gegenüber den Banken?
Tim Junghans: Natürlich bedarf es einer nachvollziehbaren Darstellung der umfassenden Transformationsstrategie sowie der einzelnen Projekte inkl. der wirtschaftlichen sowie der Transitionseffekte. Hier sehen wir die meisten EVU trotz komplexerer Rahmenbedingungen und begrenzter Ressourcen in den Finanzbereichen hinreichend professionell aufgestellt.
Wir nehmen jedoch wahr, dass wir deutlich zeitiger in die strategischen Überlegungen bei Groß- und Transformationsinvestitionen eingebunden werden, um bereits in einem frühen Stadium der Entscheidungsfindung Ideen für optimierte Finanzierungskonzepte zu liefern. Hierfür ist die Fokussierung auf Kernbanken strategisch wichtig. Zusätzlich unterstützt ein Finanzierungspartner mit hinreichendem Branchen-Know How und entsprechender Strukturierungsexpertise.
Im Zuge der Wärmewende stellen wir uns weiter auf anhaltende Unsicherheiten ein.
Wie geht die NordLB an das Thema Energie- und Wärmewendeherausforderungen heran? Worauf stellen Sie sich in den nächsten Jahren ein?
Demier Schoof: Wir begleiten unsere Kunden bereits seit Jahrzehnten bei der Finanzierung und Umsetzung regenerativer Energien. Die Branchenexpertise auf der Markt- und Marktfolgeseite haben wir langjährig in einem Branchencluster gebündelt.
Unser Fokus liegt auf der konzeptionellen Beratung bei der Finanzierungsgestaltung sowie die Einbindung branchenspezifischer Produktlösungen. Die zum Teil immensen Finanzierungsvolumina decken wir zusätzlich aus einem strategischen Partnernetzwerk sowie Syndizierungs- und Ausplatzierungslösungen gut ab.
Im Zuge der Wärmewende stellen wir uns auf weiter anhaltende Unsicherheiten hinsichtlich der ausreichenden Verfügbarkeit erneuerbarer Energie und der Entwicklung der Wasserstoffwirtschaft als Energiespeicher sowie zur Substitution fossiler Energieträger ein. Auch die wachsende Verschuldung der EVU aus der Bewältigung der Transformationsbemühungen wird ein Thema sein.
Laut einigen Branchenexperten soll im Zuge der jüngsten Energiekrise, eine Zeitenwende im Finanzierungsbereich mit Blick auf die Kommunalwirtschaft stattgefunden haben. Die Risikoeinschätzung soll sich verändert haben, Stadtwerke sehen sich teils mit viel tiefergehenden Nachfragen der Banken konfrontiert und müssen teils auch mehr Eigenkapital hinterlegen bei Finanzierungen. Wie stark ist der Effekt und wie ist Ihre Sicht auf das Thema?
Tim Junghans: Noch in der Coronakrise waren die Versorger der von den Finanzierern gesuchte sichere Hafen. Die Wirren des letzten Jahres haben einige Finanzierungspartner von der Energiewirtschaft Abstand nehmen lassen respektive irritiert und auch nach der weitgehend erfolgten Beruhigung ist die Finanzierungsfähigkeit der Energiewirtschaft noch nicht auf das alte Niveau zurückgekehrt.
Die Bereitschaft der langfristigen Finanzierung von Banken nimmt tendenziell ab.
Sukzessive zeigen sich die Spreads wieder etwas leichter, aber es verbleibt ein deutlich differenzierter Blick der Finanzierer. Wir sehen, dass der Nachweis der nachhaltigen Rentabilität der Geschäftsmodelle, der Anteil des regulierten Geschäfts sowie der Anteil der erneuerbaren Energien deutlich stärker im Fokus steht.
Sukzessive wird der Nachweis der umfänglichen Transformationsstrategie und die Unterlegung durch ESG-konforme Finanzierungsformen an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig nimmt die Bereitschaft der langfristigen Begleitung von Finanzierungen von Banken tendenziell ab und wird sich im Zuge der regulatorischen Anforderungen weiter erschweren. Dies wird gerade Transformationsinvestitionen, bei denen es sich in der Regel um langfristige Infrastrukturinvestitionen handelt, zusätzlich tangieren.
(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)
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Weitere Artikel zu dem Thema: Carsten Harkner, Vorsitzender des Kaufmännischen Ausschusses im VKU: "Müssen andere Finanzierungsquellen und Eigenkapitalgeber erschließen" und ein Interview mit Jan Kastenschmidt, Bereichsleiter Öffentliche Hand bei der Helaba: "Energiewende wird die Fixkosten der Stadtwerke stark ansteigen lassen".



