Herr Windelen,welche Rolle spielen die Netzentgelte für den Markthochlauf von Speicherlösungen?
Eine ganz zentrale.Es soll nun 2025 eine Entscheidung geben, wie es mit den Netzentgelten ab 2029 und auch, wie es mit den Baukostenzuschüssen weitergeht. Das sind zwei wesentliche Bausteine für Batterien und Speicher. Ohne Netzentgelte sind die Speicher momentan wirtschaftlich gut im Markt. Wenn sie mit Netzentgelten für jede Kilowattstunde, die in den Speicher rein oder rausgeht, belastet werden, dann ist der dringend notwendige Markthochlauf jedoch wieder vorbei.

Warum belassen wir es nicht dabei?
Wir sehen, dass immer mehr Speicher benötigt werden. Man muss sich nur die Abregelungsquote der letzten Wochen ansehen und die Zeiträume, in denen wir negative Strompreise an der Börse haben. Dieses Jahr werden wir bereits auf über 500 Stunden negativer Preise kommen. Mit dem wachsenden Erneuerbarenanteil im Netz wird diese Zahl perspektivisch stark zulegen.
Wenn wir so weitermachen, müssen wir sehr viel Geld und Ressourcen investieren und teure Doppelstrukturen aufrechterhalten. Aber wir hätten mit der Vielfalt der Speichertechnologien eine Lösung parat, wenn man sie regulatorisch nur richtig aufstellt. Die bestehenden Ineffizienzen und Fehlallokationen bezahlt am Ende die Industrie und der Bürger.
Zur Klarstellung: Speicherprojekte sind rein privatwirtschaftliche Investitionen. Also keine Kosten bei Staat oder Bürger. Derzeit sind diese Investitionen in Speicher wirtschaftlich und bei optimierter Fahrweise lassen sich Einnahmen von etwa 250.000 Euro/MW erzielen. Bis 2029 ist die Entwicklung klar, dann aber hängt viel von der zukünftigen Regulatorik ab, die noch geklärt werden muss. Die Bundesnetzagentur ist hier am Zuge, zu klären, welche Rolle und welchen Wert Speicher in unserem Energiesystem spielen sollen.
"Wir hätten mit der Vielfalt der Spechertechnologien eine Lösung parat, wenn man sie regulatorisch nur richtig aufstellt."
Wie steht es grundsätzlich um die Wirtschaftlichkeit von Großbatteriespeichern aktuell?
Beim Marktsegment Großspeicher sprechen wir bewusst von Großspeichern und nicht nur von Großbatterien, weil auch andere Technologien zum Einsatz kommen, die keine Batterien sind. Dazu zähle ich etwa auch die Pumpspeicherwerke. Sie sind aktuell die einzige wirklich etablierte Großspeichertechnologie mit enormen Kapazitäten.
Batterienprojekte bewegen sich momentan in Richtung 200, 300 Megawatt; doch 400, 600 oder gar 1000 Megawatt mit Batterien zu erreichen, ist eine Herausforderung. Eventuell wird man eher verschiedene kleinere Batterieprojekte zu einem Großspeicher kombinieren.
Zudem gibt es eine ganze Reihe von unterschiedlichen Batterietypen. Angefangen bei Lithium-Ionen über die verschiedenen Flow-Batterien bis zu Natrium-Schwefel, Zink-Bromid und so weiter, die aktuell in die Märkte kommen. Auch aus Forschung und Entwicklung ist bei den Batterien noch viel Potenzial für neue Zellchemien und Innovationen, die dann in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren marktreif werden.
Sobald diese Klarheit besteht, könnte sich der Markt schnell weiterentwickeln und die notwendige Flexibilität im Stromsystem ausgebaut werden. Wir sehen bereits heute eine Verschiebung hin zu vierstündigen Speicherprojekten, da die Systemstabilität zunehmend nach größeren Flexibilitäten verlangt.
"Die Kapazität wird immer interessanter als die reine Leistung."
Können Sie das konkretisieren?
Damit wird die Kapazität immer interessanter als die reine Leistung, weil das Geschehen an der Strombörse so ist, wie es sich aus dem starken Zubau der volatilen Erneuerbaren ergibt. Ging es lange eher um Leistung aus dem Speicher, um dem Netz schnell zu helfen, geht es jetzt zunehmend darum, große Kapazitäten aufzunehmen, um den Strom in Zeiten zu verschieben, in dem er benötigt wird.
Das bedingt dann auch einen Trend in Richtung Co-Location, also Speicher direkt am PV-Park und nicht mehr als Stand-Alone-Speicher ohne Anbindung an eine grüne Erzeugungsanlage.
Die Verbindung von Speicher und PV-Anlage oder Speicher mit Windanlage wird wirtschaftlich deutlich interessanter als ein Windpark ohne Speicher. Große Projektierer sagen ja schon, dass es bald nur noch solche Hybridprojekte ans Netz schaffen – und, aus Systemsicht, auch nur so schaffen sollten. Speicher werden damit endlich zum wesentlichen Werkzeug zur Systemintegration und ermöglichen den dringenden nächsten Schritt der Energiewende.
(Das Interview führte Artjom Maksimenko)
Das Interview mit BVES-Geschäftsführer Urban Windelen erschien in gekürzter Fassung in der aktuellen Printausgabe der ZfK. Hier geht es zum E-Paper



