Dortmund wird seine kommunale Wärmeplanung nicht innerhalb der gesetzlich vorgesehenen Frist abschließen. Der Rat der Stadt hätte den Plan bis zum 30. Juni 2026 beschließen sollen. Dass dies nicht gelang, hatte Dortmund bereits vor dem Fristende angekündigt. Die Stadt im Ruhrgebiet gehört zu den Großstädten, die den vorgegebenen Stichtag nicht einhalten konnten. Dortmund wolle den Wärmeplan am Machbaren ausrichten.
Die Verzögerung ist für Peter Flosbach, Technischer Geschäftsführer der DEW21, allerdings nicht allein ein organisatorisches Problem, sondern vor allem eine bewusste Entscheidung. Sie schaffe Raum für einen Realitätscheck: Die Stadt und die beteiligten Unternehmen prüfen, ob die bisherigen Annahmen der Wärmeplanung unter den veränderten gesetzlichen und tatsächlichen Bedingungen noch tragen, erläuterte er im Interview mit der ZFK.
Eine zentrale Rolle spielte dabei das geplante Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG). Hinzu kommen neue Erkenntnisse zum Gebäudebestand, die geringe Sanierungsquote sowie Fragen zu Förderbedingungen, Mieterschutz und Versorgungssicherheit. "Ziel war es, die Planung auf eine möglichst belastbare, umsetzbare und sozialverträgliche Grundlage zu stellen", sagt Flosbach. Mit Blick auf die neuen gesetzlichen Möglichkeiten ergänzt er: "Das ist ein großer Gamechanger."
Überprüft wurden deshalb die Fortschritte beim Umbau der Wärmeversorgung, die Realisierbarkeit bisheriger Annahmen und neue Erkenntnisse zum Gebäudebestand. Hinzu kommen veränderte gesetzliche Rahmenbedingungen. Insbesondere die Neuausrichtung durch das geplante Gebäudemodernisierungsgesetz, Fragen des Mieterschutzes, neue Förderbedingungen und Anforderungen an die Versorgungssicherheit hatten Auswirkungen auf die Planung.

Ziel war es, die Planung auf eine möglichst belastbare, umsetzbare und sozialverträgliche Grundlage zu stellen.
Peter Flosbach,
Technischer Geschäftsführer DEW21
Flosbach erwartet, dass Dortmund zum Jahresende 2026 über eine beschlossene kommunale Wärmeplanung verfügen wird. Bis dahin müsse der Plan jedoch stärker als bisher mit den tatsächlichen Möglichkeiten von Gebäudeeigentümern, Netzbetreibern und Versorgungsunternehmen abgeglichen werden. Die Wärmewende müsse nachvollziehbar, bezahlbar und praktisch umsetzbar bleiben. "Diese Lücke zeigt, dass die Wärmewende zwar konsequent vorangetrieben werden muss, ihre Umsetzung aber Zeit benötigt", sagt der DEW21-Geschäftsführer.
Ein wesentlicher Grund für den Realitätscheck ist die Entwicklung der energetischen Gebäudesanierung. In Dortmund liegt die Sanierungsquote derzeit unter 0,8 Prozent. Im bisherigen Zielbild war dagegen eine Quote von 1,5 Prozent angesetzt worden; in anderen Großstädten werden teilweise sogar 2 Prozent angenommen. Je geringer die Sanierungsleistung ausfällt, desto höher bleibt der Wärmebedarf der Gebäude. Entsprechend müssen Netze, Erzeugungsanlagen und Reservekapazitäten größer ausgelegt werden.
Diese Diskrepanz zwingt zu realistischeren Szenarien. Die Wärmewende brauche Zeit, damit Investitionen finanzierbar und gesellschaftlich akzeptiert bleiben, erläutert der Experte. Gleichzeitig darf die Verzögerung nicht dazu führen, dass notwendige Infrastrukturprojekte aufgeschoben werden. Für DEW21 gehe es deshalb darum, langfristige Klimaschutzziele mit den technischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen vor Ort zu verbinden.
Strom, Wärme und Gas gemeinsam planen
DEW21 verfügt bereits seit Ende 2022 über eine integrierte Zielnetzplanung für Strom, Wärme und Gas. Der Ansatz gilt im Unternehmen als Pionierleistung, weil er die Entwicklung der verschiedenen Infrastrukturen als Ganzes betrachtet. Die Datenbasis deckt inzwischen mehr als 90 Prozent der Netze und des Gebäudebestands ab. Berücksichtigt werden auch einzelne Immobilien, Effizienzwerte, Schornsteinfegerdaten und Emissionswerte.
Damit lässt sich genauer bestimmen, wo Fernwärme wirtschaftlich ausgebaut werden kann, welche Gebäude für dezentrale Wärmepumpen geeignet sind und wo künftig gasförmige Energieträger benötigt werden. Die integrierte Planung soll außerdem verhindern, dass einzelne Netze unabhängig voneinander entwickelt werden und sich später gegenseitig begrenzen.
Der Umbau der Dortmunder Fernwärme hat bereits zu deutlichen Emissionsminderungen geführt. 2017 entschied DEW21, die gasbasierte Wärmeversorgung aus dem Kraftwerk Dortmund schrittweise durch industrielle Abwärme zu ersetzen. Zugleich begann das Unternehmen, die alten Dampfnetze aus den 1950er-Jahren durch moderne Heißwassernetze und Quartierslösungen abzulösen. Bereits 2022 wurden dadurch 75 Prozent der CO2-Emissionen in der Fernwärme eingespart. Heute spricht Flosbach von rund 80 Prozent Klimaneutralität beziehungsweise CO2-Minderung.
"Wir haben 80 Prozent Klimaneutralität erreicht – aufgrund einer sehr, ich möchte sagen, disruptiven Strategie", sagt Flosbach. Im ersten Quartal 2027 soll der Anteil klimaneutraler Fernwärme auf etwa 85 Prozent steigen. Dafür investiert DEW21 jährlich zwischen 30 und 35 Millionen Euro in den Ausbau des Fernwärmenetzes.
Das Netz ist inzwischen 72 Kilometer lang und wird weiter in innenstadtnahe Quartiere, den Hafen und neue Entwicklungsgebiete verlängert. Im westlichen Innenstadtbereich sollen unter anderem rund 1300 Wohnungen des Spar- und Bauvereins angeschlossen werden. Im nördlichen Hafenquartier verlegt DEW21 neue Leitungen. Die Wärme stammt dort überwiegend aus der Abwärme der Deutschen Gasrußwerke.
Wir haben 80 Prozent Klimaneutralität erreicht – aufgrund einer sehr, ich möchte sagen, disruptiven Strategie.
Wärmequellen müssen mitwachsen
Mit dem Ausbau des Netzes wächst allerdings auch der Druck auf die Erzeugungsseite. "Beim Netzausbau müssen die Wärmequellen mitwachsen", betont Flosbach. Steigt die Zahl der Fernwärmekunden, müssen an kalten Tagen größere Verbrauchsspitzen gedeckt werden. Derzeit übernehmen diese Aufgabe noch gasbefeuerte Energiezentralen. Der Ausbau der Infrastruktur allein reicht daher nicht aus. Parallel muss DEW21 neue Quellen erschließen und bestehende Abwärmekapazitäten besser nutzbar machen.
Für die integrierte Zielnetzplanung nutzt DEW21 nach Flosbachs Darstellung eine Art Merit-Order der Wärmequellen. Industrielle Abwärme steht darin weit oben, weil sie bereits vorhanden ist und ohne zusätzlichen Brennstoffeinsatz genutzt werden kann. Auf dem Areal Phoenix West im Dortmunder Süden entsteht gemeinsam mit Air Liquide ein neues Fernwärmenetz, das industrielle Abwärme erschließen soll.
Auch im Hafen wird die Abwärme der Deutschen Gasrußwerke genutzt. Der strategische Wechsel weg von gasbefeuerten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen hin zur Abwärmenutzung war bereits 2018 vorbereitet worden. Damals plante DEW21 gemeinsam mit den Deutschen Gasrußwerken, bis zu rund 235 Gigawattstunden Abwärme pro Jahr in das Dortmunder Wärmenetz einzuspeisen.
Neue Quellen
Die nächsten Schritte führen jedoch über die bisher bekannten Quellen hinaus. Rechenzentren könnten künftig einen größeren Beitrag leisten, weil ihre Abwärme kontinuierlich anfällt. Die bestehenden Dortmunder Anlagen verfügen laut Flosbach bislang nur über eine Leistung von etwa drei Megawatt. DEW21 prüft deshalb größere Rechenzentren und untersucht, ob Stromnetzanschlüsse, Backbone-Netze und geeignete Grundstücke vorhanden sind. Erst wenn diese Voraussetzungen zusammenpassen, kann die Abwärme wirtschaftlich in die kommunale Wärmeversorgung integriert werden.
Eine weitere Option ist die Nutzung gereinigten Abwassers. Der Dortmunder Versorger spricht mit einem strategischen Partner, der größere Klärwerke betreibt, über eine Großwärmepumpe mit einer möglichen Leistung von rund 20 Megawatt. Das Unternehmen prüft derzeit den Business Case. Anschließend soll die Projektentwicklung beginnen. In einem Pilotprojekt wird die Abwasserwärme bereits für ein Neubaugebiet als Quartierslösung untersucht.
Weitere Projekte entstehen in Kooperation mit der Entsorgung Dortmund GmbH (EDG). Auf einer Deponie bauen die Partner eine Photovoltaikanlage und einen großen Batteriespeicher. Zudem ist eine Biomethananlage geplant, die Abfälle in grünes Gas umwandeln soll. Das Biomethan könnte anschließend in das Dortmunder Erdgasnetz eingespeist werden.
Grüne Moleküle als Ergänzung
Damit reagiert DEW21 auch auf veränderte gesetzliche Möglichkeiten. Während in der Vergangenheit im Wesentlichen Fernwärme, Nahwärme und Wärmepumpen betrachtet worden seien, müssten inzwischen auch Biomethan, eine mögliche Quote für grüne Gase und Wasserstoffprüfgebiete in die Planung einfließen. "Das ist ein großer Gamechanger", sagt Flosbach.
Grüne Moleküle könnten insbesondere dort eine Rolle spielen, wo Gebäude weder für eine dezentrale Wärmepumpe geeignet noch an ein Fernwärmenetz anschließbar sind. Flosbach geht davon aus, dass auch 2045 eine Residualgröße beim Gas bestehen bleiben wird. Diese Restmenge solle dann möglichst mit grünen Gasen versorgt werden.
Tiefengeothermie auch ein Thema
Langfristig setzt DEW21 zudem auf Tiefengeothermie. "Wir sind überzeugt, dass die Tiefengeothermie im Ruhrgebiet in Richtung 2045 eine große Bedeutung einnehmen wird", sagt Flosbach. Zugleich warnt er davor, die Technologie isoliert und ohne Partner entwickeln zu wollen. Tiefengeothermie sei mit hohen technischen, finanziellen und geologischen Risiken verbunden. Deshalb sollten die beteiligten Unternehmen und Kommunen gemeinsam nach Einstiegsmöglichkeiten suchen.
DEW21 und die Stadt Dortmund prüfen, wie die Technologie Bestandteil eines klimaneutralen Zielsystems werden kann. Der Ansatz entspricht einer Planung, die nicht von einer einzigen Technologie ausgeht, sondern unterschiedliche Infrastrukturen und Wärmequellen miteinander verknüpft.
Die letzten Schritte zur Klimaneutralität werden nach Einschätzung Flosbachs schwieriger als die bereits erreichten Fortschritte. Bereits im Vorfeld hatte DEW21 darauf hingewiesen, dass für die verbleibenden 20 Prozent sowohl der Fernwärmebestand weiter ausgebaut als auch zusätzliche grüne Wärmequellen erschlossen werden müssen. Je mehr Gebäude an das Netz angeschlossen werden, desto stärker müssen die Quellen und Speicher mitwachsen.
Mehr als nachträgliche Korrektur
Der Dortmunder Realitätscheck ist damit mehr als eine nachträgliche Korrektur eines verspäteten Wärmeplans. Er soll klären, welche Klimaschutzziele unter den tatsächlichen Bedingungen erreichbar sind, welche Investitionen dafür erforderlich werden und wie die Wärmeversorgung sozialverträglich organisiert werden kann.
Die Wärmewende entscheidet sich nach Flosbachs Überzeugung vor Ort – in Netzen, Heizungsanlagen, Gebäuden und konkreten Kooperationen. Entsprechend müsse die kommunale Wärmeplanung nicht nur ambitioniert, sondern auch belastbar sein. "Ich bin zuversichtlich, dass wir zum Jahresende eine beschlossene kommunale Wärmeplanung für Dortmund haben werden."