Von Hans-Peter Hoeren
Seit Jahresbeginn ist jeder Energieversorger, egal welcher Größe, verpflichtet, einen dynamischen Tarif anzubieten. Doch oft müssen Interessierte diese auf den Homepages der Stadtwerke suchen, da die Angebote noch recht versteckt untergebracht sind. Das hat verschiedene Gründe: Aufwand und Ertrag liegen weit auseinander, die Zahl potentieller Kunden ist vielfach noch überschaubar und es fehlt manchmal auch noch an den technischen Voraussetzungen mit Blick auf die Abrechnungsprozesse.
"Zum Teil sind die Abrechnungsdienstleister noch nicht so weit. Viele Versorger haben auch noch die Systemumstellung von SAP IS-U auf HANA oder ein anderes System vor sich und wollen einen Doppelaufwand bei der Abrechnung vermeiden", erklärte Klaus Kreutzer von der Beratungsfirma Kreutzer Consulting beim jüngsten ZfK-Online-Diskussions-Format "ZfK im Gespräch". Dieses stand unter dem Titel "Dynamische Tarife: Kür oder lästige Pflicht", moderiert wurde die Diskussion von ZfK-Redakteurin Pauline Faust. Eine Videoaufzeichnung des Gesprächs finden Sie hier.
White-Label-Lösungen sind gefragt
Es gibt bereits viele Lösungen im Markt. Eine signifikante Zahl der Stadtwerke würden bei der Ausgestaltung der neuen Angebote auf die White-Label-Lösungen externer Dienstleister setzen, so Kreutzer. "Es ist aber garantiert nicht die Mehrheit, sonst hätten wir diese Anbieter bereits mehr jubilieren hören."
Sollte ein Energieversorger aktuell noch keinen dynamischen Tarif anbieten, werfe das kein gutes Licht auf das Unternehmen, stellte Christina Wallraf, Referentin Energiemarkt bei der Verbraucherzentrale NRW klar. Eine konkrete Abmahnwelle sei aber deswegen nicht geplant, auch wenn die Einführung sogar EU-weit verpflichtend sei. Noch wichtiger ist der Verbraucherschützerin in der Anfangsphase eine möglichst hohe Transparenz und eine verbraucherfreundliche Darstellung der dynamischen Tarife auf den Websites der Anbieter.
"Die Anbieter sollten ehrlich kommunizieren, für wen sich die Tarife wirklich eignen." Christina Wallraf, Verbraucherzentrale NRW
"Da gibt es noch Luft nach oben. Die Tarife sind relativ komplex und schwer miteinander vergleichbar", sagte Wallraf. Das hänge auch damit zusammen, dass die Vertriebsmarge oder Dienstleistungsgebühr der jeweiligen Anbieter oftmals noch sehr unterschiedlich ausgestaltet werde. Es gebe diverse Varianten, von fixen Grundpreisen bis hin zu zusätzlichen Aufschlägen auf dem Arbeits- oder Börsenpreis. Auch aussagekräftige Vergleichsportale seien bei dem Thema noch Mangelware. "Wichtig ist uns auch die optische Darstellung der Tarife und ihrer Zusammensetzung sowie der sich verändernde Arbeitspreis auf den Websites, da gibt es sehr gute, verständliche Beispiele, teilweise wird aber auch nur ein Link zum Epex Spotmarkt online gestellt.“
Oftmals würden die Vorteile dynamischer Tarife auf den Homepages überbetont und teils auch Versprechungen gemacht, die nicht einzuhalten sind. "Hier sollte man vielleicht auch mal die Kirche im Dorf lassen und ehrlich kommunizieren, für wen sich die Tarife wirklich eignen", sagte Walraff. Sie nannte keine Namen. Bekannt ist aber, dass 1Komma5Grad etwa längere Zeit mit kostenfreiem Strom geworben hat.
"Wir sehen dynamische Tarife als Brücke zwischen dem Commoditygeschäft und den steuerbaren Verbrauchseinrichtungen." Andy Völschow, Wuppertaler Stadtwerke
Von einem "Nischenthema für eine gewisse Kundengruppe", sprach dann auch Andy Völschow, Leiter Kundenlösungen bei den Wuppertaler Stadtwerken. Der Kommunalversorger bietet seit Längerem einen dynamischen Tarif an, die Kundenzahl liegt aktuell im niedrigen dreistelligen Bereich. Rund 90 Prozent der Nutzer seien aktuell Besitzer von E-Autos. "Diese haben hier einen Hebel, um sofort Geld einzusparen." Weitere interessante Anwendungsfälle könnten künftig Heimspeicher mit steuerbarem Netzbezug und mit Einschränkungen auch Wärmepumpen sein. "Wenn ich diese großen steuerbaren Verbrauchseinrichtungen nicht habe, macht solch ein Tarif nicht viel Sinn."
Die Wuppertaler Stadtwerke sehen das Angebot vor allem als "Brücke zwischen dem klasssischen Commoditygeschäft und den steuerbaren Verbrauchseinrichtungen". "Der dynamische Tarif ist ein Enabler für unsere Kerngeschäftsmodelle im Bereich Energiedienstleistungen und ein wichtiges Digitalisierungsthema mit Blick auf die Kundenschnittstelle", stellte Völschow klar.
Knackpunkt ist die Integration in die bestehende Systemlandschaft
Entscheidend für das reibungslose Arbeiten und Abrechnen der Tarife sei vor allem die Integration in die bestehende Systemlandschaft, so Völschow weiter. Dabei gehe es schwerpunktmäßig um Abrechnungs- und Energiedatenmanagementsysteme. "Diese integrativen Lösungen sind der Knackpunkt, um die Prozesse reibungslos abwickeln zu können", betonte Völschow. Datenschnittstellen seien den WSW in diesem Kontext von Anfang an sehr wichtig gewesen.
Um hier beweglicher agieren zu können, habe man sich "backendseitig von SAP IS-U gelöst und alles auf eine eigene Plattform gehoben". So agiere man "ein bisschen wie eine Spinne im Netz und habe über das Energiedatenmanagementsystem eine Verbindung zur Gateway-Administration, für die Abrechnung eine Verbindung zu SAP IS-U über Restschnittstellen und auch an das CRM mit Blick auf Vertragsabschluss und Kundendaten" erstellt.
Viertelstündliche oder stündliche Darstellung?
Auch wenn die Börse Epex Spot künftig Day-Ahead Auktionen von Stundenprodukten auf Viertelstundenprodukte umgestellt, wollen die WSW vorerst an einer stündlichen Abrechnung der Preise festhalten. "Wir wollen die Menschen nicht überfordern, 24 Preise an einem Tag sind schon eine ganze Menge", erklärte der Leiter Kundenlösungen.
Das sei laut Energiewirtschaftsgesetz auch zulässig. Dieses verlange, dass die Basis der Tarife über eine Notierung der Epex Spot abgebildet sein müsse. Da diese weiterhin Auktionsergebnisse für Stundenprodukte veröffentliche, sei das gewährleistet. Wenn sich der Automatisierungsgrad der Lösungen weiter erhöhe, könne man das dann auch anders handhaben und entsprechend darstellen.
"Vielleicht kommen wir künftig weg von einer Preis- hin zu einer Nutzerdiskussion." Berater Klaus Kreutzer von Kreutzer Consulting
Die wichtigste Funktionalität eines dynamischen Tarifs sei nicht die Ausgestaltung des Tarifs sondern das dazugehörige Energiemanagementsystem, ist sich Berater Klaus Kreutzer sicher. "Das Laden eines E-Autos muss automatisch und komfortabel stattfinden." Eine gute App, die den Verbrauch verständlich anzeige und Steuerungsmöglichkeiten biete, sei zentral. Hier sieht er künftig für Stadtwerke eine größere Differenzierungsmöglichkeit als über den Preis. "Vielleicht kommen wir künftig weg von einer Preis- zu einer Nutzerdiskussion."
Technisch könnten sich viele Stadtwerke aktuell deshalb von spezialisierten Drittanbietern deshalb kaum unterscheiden. Vielmehr gelte es, mit Kundenfreundlichkeit in der Beratung zu punkten. Ohne Homeenergiemanagementsystem und entsprechende Steuerungslösungen lasse sich auf Dauer kein ernsthaft konkurrenzfähiges Angebot aufbauen, so Kreutzer.
Zahlungskräftiges Kundensegment
Der weitere Hochlauf der E-Mobilität werde ganz entscheidend die weitere Entwicklung der neuen Tarifangebote beeinflussen. Stadtwerke müssten sich Gedanken darüber machen, wie sie mit dieser Marktentwicklung umgehen wollten, um das Kundensegment der attraktiven Prosumer, die ja oftmals Einfamilienhausbesitzer sind, nicht aus der Hand zu geben", so der Berater.
Die Lösungsansätze gingen hier von 'ich mache alles selber' bis hin zu 'ich stelle sicher, dass ich wenigstens mittels einer White Label-Lösung nachher den Stromkunden nicht verliere'. "Letztlich hängt es davon ab, wie viel Bedrohungspotenzial man hier sieht und sich im Enerdienstleistungsbereich künftig positionieren möchte." Wer hier mitmischen wolle, müsse in den nächsten zwei Jahren auch eine Lösung anbieten können, mahnt Kreutzer an.



