Von Pauline Faust
In Gießen braucht es nur einen Schritt auf den Balkon der Stadtwerkezentrale und schon kann der Vorstand auf eines der wegweisendsten Projekte blicken. An der Lahn entsteht eine iKWK-Anlage (innovative Kraft-Wärme-Kopplung), die bereits nächsten Sommer in Betrieb gehen soll.
Der innovative Aspekt besteht bei der iKWK aus drei Flusswasser-Wärmepumpen, die zwei wasserstofffähige Blockheizkraftwerke und eine Power-to-Heat-Anlage ergänzen. Die in der Anlage gewonnene Energie wird in das Fernwärmenetz gespeist. Bis 2045 sollen immerhin die Hälfte aller Gebäude in Gießen mit Fernwärme versorgt werden.
"Wir konzentrieren uns ganz klar auf die Region", betont der Technische Vorstand Matthias Funk. "Wir beteiligen uns weder an einem Windpark in der Nordsee noch an ähnlichen Projekten." Stattdessen investieren die Stadtwerke Gießen allein in diesem Jahr 50 Millionen Euro gezielt vor Ort. Es ist eine Verdoppelung der Investitionen zum Vorjahr. "Das Geld bleibt in der Region, das heißt, auch lokale Handwerksunternehmen profitieren davon. Es ist ein Geben und Nehmen."
"Das Ziel ist dabei nicht, möglichst viele Produkte zu verkaufen, sondern eine fachliche und ehrliche Einschätzung zu geben." – Matthias Funk, SW Gießen
Die Präsenz vor Ort sei schließlich auch das schlagende Argument für die Stadtwerke: "Ein Beispiel dafür ist unsere Energieberatung. Das Ziel ist dabei nicht, möglichst viele Produkte zu verkaufen, sondern eine fachliche und ehrliche Einschätzung zu geben", sagt Funk. Dies könne bedeuten, einem Kunden klarzumachen, dass eine bestimmte Technologie für sein Gebäude nicht geeignet sei. "Oder wir können ihm mitteilen: In zwei Jahren werden wir ohnehin Fernwärme in Ihr Viertel bringen." Diese individuelle, technologieoffene Beratung unterscheide die Stadtwerke auch von den vielen Internetanbietern.
"Die Energie-Start-ups sehe ich nicht als Konkurrenz für unser Geschäft." – Andreas Hergaß, SW Gießen
"Die Energie-Start-ups sehe ich nicht als Konkurrenz für unser Geschäft", sagt der Kaufmännische Vorstand Andreas Hergaß, der vor den Stadtwerken selbst bei einem Start-up arbeitete. Die Stadtwerke Gießen gebe es seit über 100 Jahren. "Wir sind hier in der Region und wir sind halt auch noch da, wenn die Anlage montiert ist und der Kunde einen Servicefall hat." Das Problem dieser neuen Anbieter, die sehr professionell auftreten, sei letztendlich, dass sie als Kunden gar nicht den Endkunden hätten, sondern den Kapitalmarkt.
Vor zwei Jahren haben die Stadtwerke mit ihrem Alleineigentümer, der Stadt Gießen, ein gemeinsames Unternehmen zum gemeinsamen Ausbau der erneuerbaren Energien gegründet. Die "Mit.GIESSEN" soll Energiedienstleistungen für die Stadt entwickeln. Unter anderem sollen bis 2028 jährlich rund 719 Kilowatt Peak PV installiert werden.
Auch im B2B setzten die Gießener auf Regionalität: "Wir nutzen beispielsweise bereits seit den 1990er-Jahren Abwärme von kleinen Industriebetrieben – und das mit einem Vertrag, der gerade einmal anderthalb Seiten umfasst", erklärt Funk. "Im Kern heißt es: 'Du hast Wärme, wir nehmen die Wärme.' Falls der Kunde irgendwann keine Abwärme mehr liefern kann, stellt das keinen Vertragsbruch dar." Entscheidend sei, dass das Modell für den Kunden wirtschaftlich sinnvoll und für den Energieversorger kalkulierbar bleibe.
Keine "Hauruckaktionen" für die Finanzierung benötigt
Das Ganze muss finanziert werden. Mit zwölf Millionen Euro Gewinn 2023 stehen die Stadtwerke solide da (Vorjahr: 11,7 Millionen Euro). "Wenn ich das Investitionsniveau verdopple, kann ich die Finanzierung nicht allein aus eigenen Mitteln stemmen", sagt Funk. Deshalb binde man selbstverständlich auch Fremdkapital ein. "Ein Beispiel ist die iKWK, wo wir auf Projektfinanzierung setzen." Für das Projekt gibt es zudem Fördermittel. "Gleichzeitig achte ich darauf, dass unsere Eigenkapitalquote nicht unter 35 bis 40 Prozent fällt, um weiterhin eine erstklassige Bonität zu gewährleisten." Die Stadtwerke arbeiteten eng mit lokalen Banken zusammen, die nicht nur attraktive Konditionen böten, sondern auch ein tiefgehendes Verständnis für die Unternehmensstrategie mitbrächten.
"Ich glaube auch nicht, dass wir tatsächlich einen Fonds mit liquiden Mitteln benötigen", ergänzt Hergaß. Vielmehr wäre eine staatliche Garantiefunktion oder Absicherung sinnvoll. "Wir brauchen keine Hauruckaktionen", so Hergaß, "denn in der Realität braucht der Bau seine Zeit."
Warum die SW Gießen wider Willen eine KWK-Ausschreibung gewannen
Ein weiterer Bestandteil der Unternehmensstrategie ist die KWK. Über ein "Weihnachtsgeschenk" der Bundesnetzagentur haben sich die Gießener im vergangenen Dezember allerdings etwas geärgert: Sie veröffentlichte die Ergebnisse einer Ausschreibung für KWK-Anlagen.
Zwar war die Ausschreibung überzeichnet, allerdings erhielten die Gießener mit dem niedrigsten Gebot als Einzige den Zuschlag. Ein anderes Unternehmen hatte das zweitniedrigste Gebot eingereicht, aber für mehr als das Doppelte der ausgeschriebenen 25 Megawatt. "Es gibt immer mal wieder Player, die versuchen, andere zu blockieren", kommentiert Hergaß. "Wir wollten natürlich auch einen anderen Preis als wir letztendlich bekommen haben", sagt Funk.



