Deutschlands größter Stromerzeuger RWE hat seine Vormachtstellung am deutschen Energiemarkt gefestigt. Das geht aus dem jüngsten Marktmachtbericht des Bundeskartellamts hervor.
Demnach stammte allein im windstarken Jahr 2020 ein Viertel der gesamten Stromerzeugung in Deutschland aus Anlagen des Essener Energiekonzerns. In absoluten Zahlen waren es 67,8 TWh Strom.
RWE-Kraftwerkspark "unverzichtbar"
Dieser Wert dürfte sich im vergangenen Jahr wegen schlechterer Windverhältnisse und mehr Strombedarf noch verbessert haben. "Dadurch wurde der [RWE-]Kraftwerkspark erwartungsgemäß in einer deutlich größeren Anzahl von Stunden unverzichtbar für die Deckung der Stromnachfrage", teilte Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts, per Presseaussendung mit. "Nach unseren Ermittlungen liegt RWE damit über der Schwelle für eine marktbeherrschende Stellung."
Und: "Die Abschaltung dreier weiterer Kernkraftwerke am Jahresende 2021 sowie der fortschreitende Kohle- und Atomausstieg verstärkt die Marktstellung von RWE tendenziell weiter."
Verschärfte Verhaltenskontrolle
Damit unterliege der Konzern einer verschärften Verhaltenskontrolle bei der Steuerung seiner Kraftwerke, erklärte ein Sprecher der Behörde. "RWE muss darauf achten, dass sie ihre Kraftwerke jetzt nicht so steuern und betreiben, dass sie ihre Marktposition missbräuchlich ausnutzen."
Derzeit bestehe aber kein Anfangsverdacht für einen Missbrauch, betonte der Sprecher.
RWE wehrt sich
RWE wies die Einschätzung des Kartellamts zurück. Der Konzern sei für die Umstände und das Marktumfeld, die zu der angeblich erlangten marktbeherrschenden Stellung geführt haben, nicht verantwortlich, hieß es. So hätten sich die in Deutschland insgesamt zur Verfügung stehenden konventionellen Kapazitäten aufgrund gesetzlicher Rahmenbedingungen wie Kohle- und Kernenergieausstieg erheblich verringert.
RWE habe keine neuen konventionellen Kapazitäten errichtet. Im Gegenteil lege man im Zeitraum 2020 bis 2022 Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von mehr als 7000 Megawatt still. RWE warf der Behörde außerdem methodische Mängel vor. So habe das Bundeskartellamt ausländischen Wettbewerbsdruck in seiner Analyse nur unzureichend berücksichtigt.
Energieriese RWE
RWE betreibt in Deutschland unter anderem mehrere große Braunkohle-, Gas- und Wasserkraftwerke sowie Wind- und Solarparks.
Zudem gehört neben dem Ende 2021 vom Netz gegangene Kernkraftwerk Gundremmingen etwa auch das noch im Betrieb befindliche Kernkraftwerk Emsland zum Kraftwerkspark.
Leag und EnBW auf Podium
Deutlich hinter RWE landen die Kraftwerksbetreiber Leag und EnBW auf den Rängen zwei und drei. Die Leag betreibt unter anderem vier große Braunkohlekraftwerke in Ostdeutschland. Sie steuerte 15 Prozent zum deutschen Strommix bei. Bei der EnBW waren es zehn Prozent.
Laut Bundeskartellamt sind auch Leag und EnBW bereits verstärkt für die Deckung der Nachfrage unverzichtbar. Die ermittelten Zeitanteile für die beiden Unternehmen lägen allerdings noch eindeutig unter der für die Marktbeherrschung angenommenen Vermutungsschwelle, heißt es weiter.
Konzentration an Regelenergiemärkten
Über eine hohe Marktmacht weniger Stromerzeuger klagten in der Vergangenheit Teilnehmer an den Regelenergiemärkten. Auch hierzu erhob das Bundeskartellamt neue Daten.
Demnach scheint es insbesondere in der sogenannten positiven Sekundärregelung (aFRR) eine besonders hohe Konzentration zu geben. Vorteile haben hier vor allem Anbieter von Pumpspeicher- und Gaskraftwerken.
EnBW und Vorarlberger Illwerke dominieren
Die vier größten Anbieter (EnBW, Vorarlberger Illwerke, RWE und Vattenfall) halten im Schnitt mehr als 80 Prozent der bezuschlagten Sekundärregelenergie vor.
Zusätzlich brisant: EnBW und die Vorarlberger Illwerke sind miteinander insofern verknüpft, da der Karlsruher Konzern für die Anlagen der Österreicher die Einsatzleitung übernimmt. Sie allein machen bis zu 65 Prozent der Vorhaltungsanteile aus. "Für eine kartellrechtliche Wertung wäre diese Verbindung noch genauer zu prüfen", heißt es im Bericht des Bundeskartellamtes.
Preisobergrenze am Regelarbeitsmarkt
Auch bei der negativen Sekundärregelung (aFRR) dominieren EnBW (20-25 Prozent) und Vorarlberger Illwerke (10-15 Prozent), wenn auch nicht so stark. Hier liegen zudem die Kohlekraftwerkbetreiber RWE und Leag mit einem Vorhaltungsanteil von zehn bis 15 Prozent vorn.
Die Einführung eines neuen Regelarbeitsmarktes im November 2020 hatte zu extremen Preisausschlägen geführt. Eine Preisobergrenze der Bundesnetzagentur ist nach einem Gerichtsbeschluss inzwischen wieder gefallen.
Uniper unter Top 5
Geklagt hatte Uniper – ein Konzern, der nach Angaben des Bundeskartellamts sowohl in den Kategorien Sekundärregelung als auch Minutenreserve zu den Top fünf der größten Anbieter gehört.
Bundeskartellamts-Präsident Mundt verspricht nun: "Das Preissetzungsverhalten der großen Anbieter im Bereich der Regelreserve wird von uns weiterhin sehr genau beobachtet." (aba)



