Verbund-Vorständin Susanna Zapreva: Treibt die Internationalisierung voran.

Verbund-Vorständin Susanna Zapreva: Treibt die Internationalisierung voran.

Bild: © Verbund

Die Verbund AG ist Österreichs führendes Stromunternehmen und einer der größten Stromerzeuger aus Wasserkraft in Europa. Susanna Zapreva verantwortet als Chief Renewables Officer (CRO) im Vorstand unter anderem das internationale Wachstumsgeschäft des börsennotierten Energiekonzerns. Im zweiteiligen ZFK-Interview skizziert die Managerin ihre strategischen Erneuerbaren-Ausbauziele in Europa, gibt aber auch Einblicke in energiepolitische Einsichten. Dabei nimmt die langjährige Chefin des Hannoveraner Energieversorgers Enercity auch die Debatten hierzulande in den Blick, Erneuerbaren-Förderung und aktuelle Wärmewende-Entwicklung inklusive.

Welche strategischen Ziele verfolgt der Verbund im Geschäft mit den Erneuerbaren?

Zapreva: Unsere Strategie ist auf drei Säulen aufgebaut. Zum einen bedienen wir den deutschsprachigen Markt, also Österreich und Deutschland, mit der gesamten Wertschöpfungskette von der Produktion bis zur Belieferung des Endkunden, und zwar sowohl Industrie- als auch Haushaltskunden. Das ist der vollintegrierte deutschsprachige Markt. Die zweite Säule ist der Ausbau der erneuerbaren Produktionskapazitäten in mehreren europäischen Staaten, vor allem in unseren Fokus-Märkten Spanien, Italien, Deutschland, Rumänien usw. Die dritte Säule ist die Wasserstoffsparte, die derzeit marktbedingt auf etwas niedrigeren Touren läuft.

Wie stark wollen Sie bei den Erneuerbaren in den kommenden Jahren wachsen?

Aktuell erzeugen und verkaufen wir über den Handel rund 35 Terawattstunden erneuerbaren Strom pro Jahr. Bis 2030 soll rund ein Viertel unserer Stromerzeugung aus Windkraft- und PV-Stromkapazitäten erzeugt werden. Wir kommen traditionell aus der Wasserkraft, diversifizieren aber verstärkt in Richtung Wind, Photovoltaik und Speicher. Dabei streben wir zwischen Wind und Photovoltaik ein Verhältnis von 70 zu 30 Prozent an. Unsere Wachstumsstrategie sieht auch eine Diversifizierung nach Ländern vor. Die Kernländer sind der Heimatmarkt Österreich, Deutschland, Spanien und Italien, ergänzt durch Rumänien oder auch Albanien

Wir investieren am Ende dort, wo wir die besten Rahmenbedingungen vorfinden.

Sie setzen sich keine spezifischen Ausbauziele für die einzelnen Länder?

Genau, es gibt keine Länderziele, sondern wir entwickeln Projekte in mehreren Ländern und entscheiden dann, wo das Profit-Risiko-Verhältnis am günstigsten ist. Wir müssen genau schauen, wie vor Ort die Tarifstrukturen aussehen und wo die Erträge am stabilsten abgesichert sind. Wir investieren am Ende dort, wo wir die besten Rahmenbedingungen vorfinden.

Was planen Sie bei den Speicherkapazitäten?

Derzeit verfügen wir über eine installierte Speicherkapazität von vier Gigawatt. Diese Kapazität wollen wir bis zum Jahr 2034 auf acht Gigawatt verdoppeln. Und zwar sowohl durch zusätzliche Pumpspeicher als auch durch zusätzliche Batteriekapazitäten. Bei allen künftigen Anlagen, ob Wind-, Wasserkraft oder Photovoltaik, wird der Speicher gleich mitgebaut.

Wie beurteilen Sie die derzeitigen Rahmenbedingungen für Windkraftprojekte in Deutschland?

Aufgrund der Welle genehmigter Projekte und die überzeichneten Ausschreibungen sehen wir relativ niedrige Großhandelspreise. Ich hoffe, dass wir künftig durch die Contracts for Difference ( Differenzverträge) aber auch durch den politischen Rahmen eine bessere Struktur und Berechenbarkeit für unsere Kalkulationen bekommen. Aber Deutschland ist grundsätzlich ein sehr stabiles Land, wir investieren gern in Deutschland.

In Österreich ist der Widerstand gegen Windkraftprojekte noch größer als in Deutschland und die Prozesse ziehen sich ewig in die Länge.

Wie ist es um die Akzeptanz von Windkraftprojekten in Deutschland bestellt?

Die Akzeptanz von Windkraft ist in Deutschland regional und von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Die Widerstände in Deutschland sind nicht so groß wie in anderen Ländern. In Österreich etwa ist der Widerstand gegen Windkraftprojekte noch größer als in Deutschland und die Prozesse ziehen sich ewig in die Länge. Es kann sogar passieren, dass wenn die Genehmigung schließlich da ist, die geplanten Turbinen schon gar nicht mehr am Markt erhältlich sind und sie wieder von vorn anfangen müssen.

Wir sehen aber auch Länder, die es verstanden haben, die Bürger darauf einzuschwören sich unabhängig von Importen zu machen und den Ausbau von Erzeugungsanlagen aus Zukunftschance für Wachstum und wirtschaftliche Prosperität in der Bevölkerung zu positionieren. Bei unseren Projekten setzen wir in allen Ländern auf frühzeitige Einbindung der betroffenen Menschen vor Ort, um aus ihnen Beteiligte zu machen und damit die Akzeptanz vor Ort zu erhöhen.

In Deutschland will die Regierung den Ausbau der Erneuerbaren stärker an die vorhandenen Netzkapazitäten anpassen und den bisherigen Anschlussvorrang der Erneuerbaren einschränken. Wie wird das in Österreich und anderen Staaten diskutiert?

In Österreich ist die Debatte vergleichbar. Die größte Herausforderung ist, den Netz- und Erneuerbaren-Ausbau zu synchronisieren und eine optimale Balance hinzubekommen. In Italien ist man damit schon ein Stück weiter. Dort läuft der Ausbau der Erneuerbaren und der dazugehörigen Speicher parallel. Werden Erneuerbaren-Projekte ausgeschrieben, müssen gleichzeitig die passenden Speicher errichtet werden. Dabei liegt die Steuerung der Speicher in der Hand der Übertragungsnetzbetreiber.

In Spanien wiederum entfällt für Batteriespeicher die Genehmigungspflicht, wenn der Speicher eine Photovoltaik oder Wind-Anlage ergänzt. In Spanien gibt es derzeit enorm viele Anfragen von Datacenter-Betreibern und Industriekunden, die sich unmittelbar an Erneuerbaren-Standorten ansiedeln wollen. Denn wenn etwa ein Rechenzentrum direkt von einer Erzeugungsanlage mit Ökostrom versorgt wird, entfallen die Netzgebühren. Nicht für die gesamte Zeit, aber in den vielen Stunden, in denen direkt geliefert wird. Das hat eine enorme Dynamik ausgelöst. Derzeit gibt es in Spanien eine Nachfrage nach Netzanschlüssen von neuen Kunden in einem Umfang von 40 Gigawatt, was der derzeitigen Gesamtlast entspricht.

Haushaltsanlagen benötigen keine Förderung mehr. Bei den großflächigen PV-Anlagen und Windkraftanlagen sehe ich das anders.

Wie lange sollten erneuerbare Energien noch gefördert werden?

Da würde ich differenzieren. Haushaltsanlagen benötigen keine Förderung mehr. Bei den großflächigen PV-Anlagen und Windkraftanlagen sehe ich das anders. Vielleicht ist Förderung nicht der passende Begriff, es geht vielmehr darum, Risiken aus dem Geschäft zu nehmen, um Zukunftsinvestitionen zu sichern. Je nachdem, wie stark oder schwach der Wind weht und die Sonne scheint, erleben wie enorm schwankende Preise, die für uns sehr schwer zu prognostizieren sind. Das bedeutet für die Finanzierung eine gewisse Unsicherheit.

Durch einen staatlich garantierte Contract for Difference können diese Preisspitzen nach oben und unten gekappt werden. Das sorgt für Stabilisierung, nimmt die Risiken raus und macht somit die Finanzierung günstiger. Solche Absicherungsmechanismen halte ich für den weiteren Erneuerbaren-Ausbau für sehr sinnvoll. Es gibt dem Staat die Möglichkeit, die Einnahmen aus den hohen Preisspitzen zu nutzen, um die Verluste der Betreiber in den Niedrigpreisphasen zu kompensieren.

Wir in Europa bezahlen jedes Jahr 500 bis 600 Milliarden Euro für den Import von Energie. Das ist eine gigantische Summe, die Europa verlässt.

Weltweit und auch in Europa wird der Trend zur beschleunigten Dekarbonisierung von vielen Regierungen immer kritischer gesehen. Wie nehmen Sie das wahr?

Wir benötigen noch sehr viel mehr erneuerbare Erzeugungskapazitäten, denn wir müssen uns in Europa unabhängig von Importen von fossilen Energieträgern machen. Und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen, weil wir die fossilen Energieträger in Europa nicht haben. Zum anderen, weil wir in Europa jedes Jahr 500 bis 600 Milliarden Euro für den Import von Energie bezahlen. Das ist eine gigantische Summe, die Europa verlässt. Und natürlich kommt das Thema Klimaschutz noch dazu.

Wir müssen unseren eigenen Weg gehen und der heißt konsequente Elektrifizierung. Der Stromanteil am gesamten Energiemix muss deutlich steigen. In China liegt er heute bei über 30 Prozent, wobei er vor 20 Jahren bei zehn Prozent lag. Bei uns in Europa liegt der Stromanteil seit 20 Jahren bei circa 20 Prozent. Das ist viel zu wenig. Auch Industriestaaten wie Südkorea und Japan, die wie Europa nicht über nennenswerte Öl- und Gasreserven verfügen, sind bei der Elektrifizierung deutlich weiter. Dass die USA mit ihren vielen Öl- und Gasreserven andere Ziele verfolgt, ist nicht verwunderlich.


Im zweiten Teil des ZFK-Interviews, der am Mittwoch (15. April) erscheint, nimmt die ehemalige Enercity-Chefin zum Thema Wasserstoff, zum Wettbewerb um Haushaltskunden sowie zur aktuellen Entwicklung der Wärmewende in Deutschland Stellung.

Eine Kurzfassung des Interviews ist in der April-Printausgabe der ZFK erschienen. Zum Abo geht es hier.

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