Im laufenden Jahr ist es zu massiven Verschiebungen bei den Marktanteilen der Anbietergruppen im Strom- und Gasmarkt gekommen. Der Marktanteil der (Öko-) Discounter hat sich im Strommarkt deutlich um sechs Prozentpunkte auf drei Prozent verringert. Dabei haben die Anbieter meist selbst Kundenverträge kurzfristig beendet oder die Kündigung durch extreme Preisanpassungen provoziert.
Der Marktaustritt von Stromio und Grünwelt fällt dabei am meisten ins Gewicht. Dies geht aus der im August erschienenen Vertriebskanalstudie Energie 2022 des Beratungsunternehmens Kreutzer Consulting und von Nordlight Research hervor.
Stadtwerke hätten hingegen einen Zuwachs ihres Marktanteils um sechs Prozentpunkte verzeichnet, heißt es weiter. Dieser komme insbesondere dadurch zustande, dass viele Kunden aufgrund von Insolvenz ihres Anbieters oder Liefereinstellung in die Ersatz- oder Grundversorgung gefallen sind.
Kunden wollen Ausfallrisiken minimieren
Die Analyse der Wechselbewegungen zwischen den Anbietergruppen zeigt zudem, dass vor allem die Stadtwerke und regionalen Anbieter, aber auch die Big 3 (Eon, Vattenfall, EnBW) mehr oder weniger freiwillig viele Neukunden hinzugewannen. Netto-Kundenverluste müssen hingegen die (Öko-) Discounter verbuchen.
Für die Vertriebskanalstudie Energie 2022 wurden im Mai und Juni 2022 insgesamt 6.703 Energiekunden, darunter rund 1.500 Wechsler und 150 aktuelle Kündiger, zu Ihrem aktuellen Strom- oder Gaslieferanten und ihrem letzten Versorgerwechsel befragt.
54 Prozent der Wechsler entschieden sich in den vergangenen zwei Jahren für einen der drei obigen Energiekonzerne oder seine Vertriebstöchter, 31 Prozent für Stadtwerke und Regionalversorger.
Die Studienergebnisse zeigten deutlich die Folgen der Energiepreiskrise: einerseits wirken sich die Insolvenzen und Marktaustritte auf die Marktanteile aus, andererseits suchten die Kunden verstärkt nach bekannten, größeren oder regionalen Unternehmen, deren Ausfallrisiko als gering erscheint, heißt es weiter. Letztes zeige sich im Wechselverhalten, aber auch in den geäußerten Präferenzen der Wechsler.
Shell und Tibber könnten Markt revolutionieren
Infolge der aktuellen Krise stehe der Markt vor einer weiteren Konsolidierungswelle. Kleinere Anbieter würden sich zurückziehen oder aufgekauft und Kommunen müssten sich die Frage stellen, ob ihre Stadtwerke weiter als Energieversorger auftreten sollen oder nicht.
Gleichzeitig müssten alle etablierten Anbieter verstärkt auf die Aktivitäten von internationalen Konzernen und Startups wie Shell, Octopus Energy oder Tibber achten, die mittelfristig das Potenzial hätten, mit ihren ganzheitlichen Ansätzen den Markt zu revolutionieren. Insbesondere die Verknüpfung von Energiedienstleistungen mit der Energielieferung schaffe neue Marktpotenziale und Wechselanreize, die die Marktstruktur nachhaltig verändern werden.
Für Versorger gehe es deshalb mitten in der Krise – in der Kosten und Preisanpassungen im Fokus stehen – auch darum, sich auf die Veränderungen der Kundenbedürfnisse und der Wettbewerbsstrukturen vorzubereiten. Es seien neue Produkte, neue Vertriebsstrategien sowie vor allem ein neues Selbstverständnis im Umgang mit dem Kunden im Hinblick auf Kundenservice und Bindungsmaßnahmen erforderlich. (hoe)



