Die Kommunikation und Vermittlung einer Ergebnissteigerung nach einem Jahr der Marktturbulenzen und allgemein hoher Preisanpassungen ist eine Herausforderung. Das zeigte sich auch an der gestrigen Bilanzpressekonferenz des Regionalversorgers Enervie.
Trotz Energiekrise und sehr schwieriger Rahmenbedingungen hat das mehrheitlich kommunale Unternehmen aus Südwestfalen im Geschäftsjahr 2022 das Ergebnis vor Steuern auf 53,3 Mio. Euro (2021: 47,2 Mio.) gesteigert, vor allem dank Einmaleffekten aus dem Teilverkauf eines Kraftwerksgeländes. Deshalb sah sich Enervie-Vorstandssprecher Erik Höhne mehrfach mit der Frage lokaler Journalisten konfrontiert, warum das höhere Ergebnis nicht für eine Senkung der Energiepreise oder eine höhere Dividendenzahlung genutzt worden sei.
„Die Krise ist noch nicht vorbei. Die Liquidität ist noch Mal wichtiger geworden als in der Vergangenheit. Wir wären deshalb mit Blick auf die Zukunft schlecht beraten, jetzt die Dividende zu erhöhen“, stellte Höhne auf Nachfragen klar.
"Robustes Geschäftsmodell auch in schwierigen Zeiten"
Grundsätzlich könne das Unternehmen aktuell aber die finanziellen Anforderungen aus Handelsgeschäften bedienen und benötige keine zusätzlichen Finanzmittel. Enervie handelt ausschließlich außerbörslich (over the counter), die sogenannten Margin-Calls fallen bei dem Unternehmen nicht an.
„Insgesamt belegt die wirtschaftliche Stabilität der Enervie-Gruppe in diesen schwierigen Zeiten die Robustheit unseres Geschäftsmodells“, so Höhne weiter.
Im abgelaufenen Geschäftsjahr erzielten die Unternehmen der Enervie-Gruppe einen vor allem preisbedingt deutlich höheren Umsatz von rund 1,856 Mrd. Euro (2021: 1,18 Mrd. Euro). Insgesamt verbesserte sich auch der Jahresüberschuss, sodass der Vorstand und der Aufsichtsrat vorschlagen, erneut eine Dividende in Höhe von 14 Mio. Euro an die Aktionäre auszuschütten.
Deutliche Absatzrückgänge - Einsparappelle zeigen Wirkung
Die Eigenkapitalquote sank leicht auf 26,0 Prozent (2021: 27,9 Prozent) aufgrund einer Erhöhung der Bilanzsumme und der Rückzahlung der letzten Rate eines Gesellschafterdarlehens in Höhe von 30 Mio. Euro.
Aufgrund der Energiespar-Appelle mit Blick auf eine mögliche Gasmangellage war der Absatz in allen Energiesparten der Enervie-Gruppe rückläufig. Dazu trug auch der vergleichsweise milde Winter bei. Der Versorger lieferte im Jahr 2022 rund 6,5 Mrd. kWh Strom (2021: 7,2 Mrd. kWh), rund 6,8 Mrd. kWh Gas (2021: 7,9 Mrd. kWh) und 62 Mio. kWh Wärme (2021: 72 Mio. kWh).
Positive Ergebnisbeiträge aus Pumpspeicherwerk und Biomasse-Verstromung
Postiven Einfluss auf das Geschäftsjahr hatten hohe Deckungsbeiträge des Pumpspeicherwerks (PSW) in Finnentrop-Rönkhausen sowie ein operativer Ergebnisanstieg der Biomasseverstromungsanlage (BVA) einen positiven Einfluss auf das Geschäftsjahr 2022.
Dagegen wirkte sich das schwierige, volatile Marktumfeld negativ insbesondere auf die im Vorfeld getätigten Absicherungsgeschäfte für das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk (GuD) in Herdecke und auf die Direktvermarktung von regenerativen Erzeugungsanlagen aus.
Hoffen auf schnellere Genehmigungen für vorentwickelte Windkraftprojekte
Der Ausbau der Erneuerbaren Energien in der Region Südwestfalen ist weiterhin ein wesentliches Zukunftsfeld der Enervie-Gruppe. Hier erwartet der Unternehmensverbund aufgrund der aktuellen Initiativen der Bundes- und Landesregierung eine verbesserte Genehmigungssituation, um insbesondere die bereits vorentwickelten, rund 20 Windenergieprojekte im Versorgungsgebiet schneller umsetzen zu können.
Auch die Entwicklung von Freiflächen-Photovoltaikanlagen steht im Fokus der Geschäftsentwicklung. Gleiches gilt für den weiteren Ausbau der regionalen Ladeinfrastruktur, um die Elektromobilität weiter voranzutreiben. Schon jetzt sind hat Enervie im Versorgungsgebiet rund 200 öffentliche E-Ladepunkte und etwa 500 private Wallboxen errichtet.
Stärkung der Krisenresilienz des Beschaffungsportfolios
Auch Wasserstoff ist laut Enervie-Chef Höhne „ein extrem wichtiges Thema“ für das Unternehmen, gerade auch mit Blick auf die Bedarfe der regionalen Industrie.
Im Bereich Handel soll im laufenden Jahr die Krisenresilienz des Portfolios in verschiedenen Märkten gestärkt werden. Partiell werden aber auch Wachstumschancen in Nischenmärkten gesehen, etwa bei der Marktintegration erneuerbarer Energien und über ein eigenes „virtuelles PPA“ zur Vermarktung von Post-EEG-Anlagen.
Grundsätzlich soll die Digitalisierung weiter ausgebaut werden. Unter anderem wurde ein neues Web-Kundenportal in Aussicht gestellt mit Live-Infos für Anlagenbetreiber und die sequenzielle Einführung eines automatisierten Intraday-Handels.
Enervie geht weiter von volatilen Energiepreisen aus
Durch die Verwerfungen am Energiemarkt, die weiterhin insbesondere durch den Russland-Ukraine- Krieg geprägt sind, erwartet das Unternehmen auch im laufenden Jahr ein volatiles Energiepreisniveau. Gleichzeitig bleiben die Herausforderungen für die Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa trotz eines relativ milden Winters und noch gut gefüllter Gasspeicher weiterhin hoch. (hoe)



