Nach fast dreißig Jahren in verschiedene Managementpositionen in der Energiewirtschaft wird Marie-Luise Wolff Ende dieses Jahres der Branche ade sagen und übergibt den CEO-Posten beim Darmstädter Versorger Entega an ihren Nachfolger Thomas Schmidt. Im zweiten Teil des großen ZfK-Interviews spricht Frau Wolff, von 2018 bis 2024 auch Präsidentin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), über den Verlauf ihrer Karriere und wirft einen resümierenden Blick auf die Entwicklung der Branche seit der Liberalisierung der Energiemärkte um die Jahrtausendwende. Zudem zieht die Top-Managerin eine Bilanz der Energiepolitik: Wo liegen die größten Erfolge und welche schwerwiegenden Missgriffe gehen auf das Konto der Politik. Und was sind die größten Herausforderungen für die kommenden Jahre?
Frau Wolff, Ende des Jahres sagen sie nach fast 30 Jahren in verschiedenen Führungspositionen der Branche ade. Welche waren die drei wichtigsten Entscheidungen ihrer beruflichen Karriere in der Energiewirtschaft?
Als erstes nenne ich meinen Wechsel 1997 von der Europazentrale des Elektronikkonzerns Sony zu Veba, dem Vorgängerkonzern der Eon. Die Veba hatte mich damals angesprochen und gesagt, wir stehen vor einer Liberalisierung und verstehen noch nichts von Wettbewerb, wir würden sie gern abwerben. Das habe ich gemacht und nie bereut. Denn Energie ist eine der spannendsten Bereiche, die es gibt. Das hat zum einen mit der Seriosität und hohen Kompetenz der Branche zu tun, zum anderen damit, dass Energie ein existenzielles Gut ist, das wir herstellen, verteilen und verkaufen. Das hat mich immer begeistert und begeistert mich heute noch.
„In diesen Jahren habe ich den Stromhandel von innen kennengelernt. Wann gehen Strompreise hoch, warum gehen sie runter? Von diesem Wissen zehre ich heute noch.“
Und die beiden anderen wichtigsten Entscheidungen?
Der zweite wichtige Schritt war, dass ich bei Eon sieben Jahre lang im Handelsbereich arbeiten durfte. Ich habe irgendwann gesagt, das Thema Pressekommunikation und Investor Relations habe ich jetzt viele Jahre betreut, ich will etwas anderes machen, ich will in den Energiehandel. Da kamen gerade die ersten Trading Floors auf. In diesen Jahren habe ich den Stromhandel von innen kennengelernt. Wann gehen Strompreise hoch, warum gehen sie runter? Von diesem Wissen zehre ich heute noch.
Der dritte wichtige Baustein ist für mich, dass ich zwölf Jahre lang für die Entega arbeiten durfte. Ein klimafreundlicher Regionalversorger, breit aufgestellt inklusive eines großen Erneuerbaren-Portfolios. Ein modernes mittelständisches Unternehmen, in dem sich Dinge oft viel schneller umsetzen lassen als im Großkonzern. Ich bin jeden Tag gerne in mein Büro gegangen, auch am Wochenende wurde gearbeitet. Das machen sie nur, wenn es Spaß macht.
Was sind aus Ihrer Sicht die größten Erfolge und was sind die größten Fehlschläge der Energiepolitik seit der Liberalisierung des Marktes?
Die zügige Umsetzung der Liberalisierung an sich war eine Erfolgsstory. Wir haben innerhalb weniger Monate die Tore für den Wettbewerb aufgemacht. Zu uns kamen Wäschekörbe voll mit Briefen, weil wir digital nicht aufgestellt waren. Jeder konnte plötzlich seinen Energieversorger wählen und die Leute haben es gemacht. Wettbewerber wie Yello kamen auf und viele weitere Anbieter folgten, das ging in rasanter Zeit. So einen Markt mit fest zementierten Strukturen zu öffnen, das ist schon ein wirklich großer Erfolg gewesen. Wir waren nicht richtig vorbereitet, aber wir haben es einfach gemacht.
"Die deutschen Kernkraftwerke haben in der Hochphase rund 30 Prozent der Last gedeckt, zuletzt waren es sechs Prozent. Es wird aber immer noch so getan, als hätten wir hier eine Situation wie in Frankreich gehabt."
Welche positiven Meilensteine würden Sie noch nennen?
Der Ausstieg aus der Kernenergie. Das wird zwar manchmal bedauert, doch gerade, wenn man sich die geopolitische Situation heute ansieht, hat sich diese Entscheidung als richtig herausgestellt – Stichwort Uranbeschaffung. Und wie teuer ist es, neue Kernkraftwerke zu bauen? Die deutschen Kernkraftwerke haben in der Hochphase rund 30 Prozent der Last gedeckt, zuletzt waren es sechs Prozent. Es wird aber immer noch so getan, als hätten wir hier eine Situation wie in Frankreich gehabt. Einen Kernkraftanteil von 80 Prozent hatten wir nie. Dazu kommt das bis heute ungeklärte Endlagerproblem. Wer will ein solches Lager bei sich haben? Bislang niemand.
Schließlich gehört der Turbo-Ausbau der erneuerbaren Energien in den vergangenen drei bis vier Jahren zu den entscheidenden Erfolgen. Eine enorme Entwicklung. So etwas passiert, wenn man aus Zielen eine Ambition macht, wenn man sagt, jetzt machen wir hier mal los. Die jüngste Entwicklung beim Erneuerbaren-Ausbau zeigt, was möglich ist. Wie enttäuschend wäre es, wenn jetzt lauter Ziele einkassiert werden. Und wie falsch.
"Nord Stream 2 wurde zwei Jahre nach der russischen Besetzung der Krim im Jahr 2014 begonnen, eine eklatante Fehlentscheidung, die heute niemand mehr erklären kann."
Welches sind die größten energiepolitischen Fehlentscheidungen?
Der Bau der Gaspipeline Nord Stream 2 durch die Ostsee war ein eindeutiger Fehler. Nord Stream 2 wurde zwei Jahre nach der russischen Besetzung der Krim im Jahr 2014 begonnen, eine eklatante Fehlentscheidung, die heute niemand mehr erklären kann. Dazu kommt die generell hohe Abhängigkeit von russischem Gas, bis zum Schluss. Eigentlich war spätestens seit 2014 abzusehen, dass man dringend von den hohen russischen Mengen heruntermusste. Doch wir haben immer weitergemacht. Und wir machen übrigens heute immer noch weiter.
Ein weiterer Fehlschlag war die Kommunikation des Heizungsgesetzes. Wahrscheinlich bezeichnen auch 80 Prozent das Gesetz an sich als einen Fehler. Das finde ich nicht. Denn erst seit dem Heizungsgesetz sprechen wir endlich über die Wärmewende. Dieses Thema schwebte immer wie ein Geist über allen energiepolitischen Debatten. Aber jetzt erst beschäftigen sich die Menschen wirklich mit ihrer Heizung. Der Inhalt des Gesetzes passt inzwischen, die Kommunikation war ein Desaster. Es wurde viel zu wenig über Förderung gesprochen. Ein solches Gesetz so unvorbereitet auf den Tisch der Öffentlichkeit zu packen, das kann man nicht machen. Schon gar nicht bei einem Thema, das jeden zweiten Haushalt betrifft.
Aber der nächste grundsätzliche Fehler deutet sich schon an. Im Verkehrssektor gibt es mit Blick auf die Reduzierung der CO2-Emissionen seit längerem keine Fortschritte. Vor diesem Hintergrund über eine Verschiebung des Verbrenner-Aus zu diskutieren, ist für mich nicht nachvollziehbar.
Die deutsche Energiewende sollte immer ein Vorbild für die Transformation der Branche weltweit sein – heute wird die deutsche Entwicklung international eher skeptisch gesehen. Was ist da schiefgelaufen?
Ganz grundsätzlich gilt, sich selbst zum Vorbild machen zu wollen, geht immer schief. Das will niemand hören. "Ich bin Vorbild und du machst mir das nach" ist eine Formel, die nicht aufgehen kann. Zweitens: Wer länger in der Energiewirtschaft ist, weiß, dass praktisch jedes Land, in Europa und auf der ganzen Welt, andere Voraussetzungen für seine Energieversorgung hat. Das heißt, ein Modell für alle wird es nie geben. Skandinavien hat unheimlich viel Wasserkraft, da ist es normal, auf Erneuerbare zu bauen. Ein Land wie Italien hat keine eigenen Ressourcen, weshalb sie vollkommen von Importgas abhängig sind. Also, die Vorbedingungen, was die eigenen Bodenschätze, die eigenen Wettverhältnisse, die eigene Geologie angeht, sind überall anders.
"Ich höre Kommentare wie ‘falsch angefangen’, ‘zu weit gegangen’. Nein. Das Ding ist doch durch. Wir sind bei 54 Prozent und mehr Erneuerbaren-Anteil in der Stromproduktion. Warum sagen wir das nicht?"
Was sind die wichtigsten Herausforderungen der Energiewirtschaft in den kommenden zehn Jahren?
Wir sollten einen klaren Kurs fahren, was die selbstgesteckten Klimaziele angeht. Bitte nicht dauernd daran zweifeln und lavieren. Der EU-ETS 1 ist die Säule der ganzen Klimaschutz-Architektur – und er funktioniert. Forderungen nach einer Abschaffung sind abzulehnen. Es wäre lächerlich, den ETS 1 abzumoderieren, weil ein CEO darüber lamentiert. Es wäre gut, die Menschen wieder zu begeistern, von unserem Land, von der Energiewende, von unserer Industrie, von unserer Leistungsfähigkeit. Wir sind ein Land ohne Energierohstoffe. Sollen wir uns weiter abhängig machen oder nicht? Da gibt es nur eine Antwort: Wir müssen aus diesen Abhängigkeiten konsequent heraus. Und wir haben noch zwanzig Jahre Zeit, das zu schaffen.
Die Energiewende hat die Dimension der Mondlandung, aber wir verkaufen sie schlecht. Ich höre Kommentare wie "falsch angefangen", "zu weit gegangen". Nein. Das Ding ist doch durch. Wir sind bei 54 Prozent und mehr Erneuerbaren-Anteil in der Stromproduktion. Warum sagen wir das nicht? Alle deutschen Großstädte werden im nächsten Jahr eine transformative Wärmeplanung haben. Das ist großartig. Aufzuhören, uns mit allem, was wir geschafft haben, schlecht zu reden, ist wahrscheinlich die größte Herausforderung.
Das Interview führte Klaus Hinkel
Lesen Sie auch den ersten Teil des Interviews mit der Entega-Chefin über die aktuelle Energie-Politik: "Frau Reiche glaubt offenbar nicht an eine Renaissance der Industrie"



