Von Andreas Lorenz-Meyer
Alles in allem ist es ein ordentliches Ergebnis: Im Geschäftsjahr 2024 haben die Stadtwerke Bonn einen Gewinn von 3,2 Millionen Euro vor Steuern erwirtschaftet – und das trotz des schwächelnden ÖPNV. Dort ergab sich ein Defizit von 73,4 Millionen Euro, welches die erfolgreichen Sparten, unter anderem Energie (34,7 Mio. Euro Gewinn), Müllverwertungsanlage (3,1 Mio.) und die Parkhaus-Tochter Bonner City Parkraum (1,7 Mio.), allein nicht annähernd auffangen konnten. In die schwarzen Zahlen kam der Gesamtkonzern nur dank des ÖPNV-Zuschusses der Stadt in Höhe von 35,6 Millionen Euro.
Der Bereich Bus und Bahn ist und bleibt das finanzielle Sorgenkind – und die Situation spitzt sich zu. Denn durch zusätzliche für die Verkehrswende notwendige Investitionen wächst das Defizit weiter an, auf 79 Millionen Euro im laufenden Jahr und 80 Millionen 2026. Dadurch rutschen die Bonner im Gesamtergebnis noch im laufenden Jahr in die roten Zahlen ab. Für 2025 wird ein Minus von 1,6 Millionen Euro erwartet.
Einnahmen runter, Ausgaben rauf
Die Sparte hat es mit in zweifacher Hinsicht ungünstigen Rahmenbedingungen zu tun. "Das Deutschlandticket verdrängt zunehmend unsere Aboangebote", so Anja Wenmakers, Geschäftsführerin SWB Bus und Bahn und Konzerngeschäftsführerin. Der Anteil der Nutzer des bundesweiten Angebots ist 2024 von 31 auf knapp 70 Prozent gestiegen, wodurch die Fahrkartenerlöse um gut 22 Millionen Euro sanken, von 103 auf 81 Millionen.
Gleichzeitig ist der Investitionsbedarf eine große finanzielle Belastung. Die neuen Niederflurbahnen von Skoda, die bereits fahren, kosteten 100 Millionen Euro. "Investitionen in derselben Größenordnung tätigen wir für die neuen Stadtbahnen des Herstellers CAF, die in den nächsten Jahren in Betrieb gehen."
Darüber hinaus müssen Betriebshöfe modernisiert und an neue Anforderungen angepasst werden. Dazu zählt die Elektrifizierung der Busflotte und der E-Ladeinfrastruktur. Hier entstehen weitere Kosten im dreistelligen Millionenbereich. Ohne die Deutschlandticket-Ausgleichszahlungen vom Bund in Höhe von 37,5 Millionen Euro hätte das Verkehrs-Defizit sogar 110,8 Millionen Euro betragen.
Stadt und Stadtwerke planen ÖPNV künftig gemeinsam
Wie wollen die Stadtwerke die Verluste in Zukunft eindämmen und verhindern, dass die Schere zwischen Gewinnsparten und Verlustbringer Verkehr noch weiter auseinandergeht? Die Planung des ÖPNV, bisher allein Sache der Stadt, gestalten Stadt und Stadtwerke nun gemeinsam.
Mit zwei Maßnahmen wollen sie den Bereich stabilisieren: Zum einen wurde eine Spar-Vereinbarung getroffen, als Teil der Haushaltskonsolidierung. Vorgesehen ist ein Deckel für die künftigen ÖPNV-Verluste ab dem Jahr 2029. Der Deckelung liegen nicht die aktuell fließenden, sondern die erwartbar höheren ÖPNV-Zuschüsse in den kommenden Jahren zugrunde.
ÖPNV-Angebot in Ruhe überprüfen
Konkret muss das Spartenergebnis ab 2029 um 20 Millionen Euro besser sein als das erwartete Defizit. Dieses beträgt in dem Jahr, bereits beschlossene kostenintensive Projekte wie Taktverdichtungen auf wichtigen Stadtbahnrouten eingerechnet, 100 Millionen Euro. "Das heißt, wir könnten beim ÖPNV ab dem Jahr 2029 rein theoretisch 80 Millionen Euro Verlust machen. Gemessen am Status quo – die 74,3 Millionen Euro Verlust im Jahr 2024 – würde das bedeuten: Wir haben sechs bis sieben Millionen Euro Luft nach oben."
Darüber hinaus sei es unternehmerisch aber auch notwendig, effizienter zu werden und Einsparungen vorzunehmen, so Wenmakers weiter. Diese Absicht verfolgt der zweite Teil des ÖPNV-Stabilisierungsplans: die Überprüfung des Angebots.
Arbeitsgrundlage soll das Gutachten externer Sachverständiger sein. Ein solches Gutachten wurde zuletzt 2005 erstellt. Geprüft wird, wie gut die einzelnen Linien zu welcher Zeit ausgelastet sind. "Wir wollen in Ruhe und basierend auf Daten und Fakten prüfen, wo welche Angebote sinnvoll sind." Auch der Takt stehe auf dem Prüfstand.
Stromvertrieb: Billigkonkurrenz setzt zu
Dennoch: Bus und Bahn bleiben ein Verlustgeschäft. Nicht einfacher wird die Gesamtsituation dadurch, dass Gewinnsparten wie der Bereich Energie mit eigenen Problemen zu kämpfen haben. Die Bilanz sieht auf den ersten Blick gut aus: 2024 brachte ein Plus von 49,2 Millionen Euro, drei Millionen mehr als 2023. Davon flossen 14,5 Millionen an die Mitgesellschafter BRS (Rhein-Sieg-Kreis und Stadt Troisdorf) und Rheinenergie, so dass 34,7 Millionen für die Bonner blieben.
"Jedoch haben wir weniger Wärme, also Gas und Fernwärme, verkauft als geplant", so Olaf Hermes, Vorsitzender der SWB-Geschäftsführung. Auch die Stromerlöse fielen geringer aus, unter anderem wegen der starken Preisschwankungen am Strommarkt. Zeitweise habe es sogar Minuspreise gegeben. "Hier wollen wir künftig über einen Batteriespeicher gegensteuern." Gesunkene Marktpreise hätten für "Billig-Konkurrenz" gesorgt, so dass die Stadtwerke unterm Strich eher Kundschaft verloren. Ein Kundenbindungs- und ein Empfehlungsprogramm soll nun die Trendwende einleiten.
Stadtwerke stehen vor Milliardeninvestitionen
Steigende Defizite im Verkehr, geringe Energie-Einnahmen, hinzu kommt der Zeitdruck: Bonn hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis 2035 klimaneutral zu sein. Der kommunale Wärmeplan wurde in der Sitzung des Stadtrates am 3. Juli beschlossen. Die Finanzierung nennt Hermes einen Kraftakt.
"Wir haben schon rund 90 Millionen Euro in die Modernisierung des Heizkraftwerks Nord investiert, dabei flossen 1,5 Millionen in die Wasserstofffähigkeit der Turbinen. Insgesamt werden wir 700 Millionen Euro für den Bereich Fernwärme ausgeben." Auch das Stromnetz sei auszubauen und zu ertüchtigen. 100 bis 200 Millionen Euro wird der Bau der Flusswasserwärmepumpe im Rhein plus Speicher kosten. "Darüber hinaus müssen wir unsere Müllverwertungsanlage fit machen." Zusammen mit den Investitionen im Bereich Verkehr bewegt sich die Gesamtsumme im Bereich von zwei Milliarden Euro.
Flexibilität und moderate Renditen
Die größte Herausforderung sieht Hermes darin, auf dem Weg zur CO₂-Neutralität das wirtschaftliche Ergebnis stabil zu halten. "Wir müssen sicherstellen, dass die Finanzierung der notwendigen Investitionen langfristig tragfähig ist. Versorgungssicherheit bleibt dabei für uns oberstes Gebot – auch und gerade im Wandel." Wichtig sei, die Situation immer wieder neu zu bewerten.
"Nehmen wir die derzeit fehlenden Fördergelder für die Elektrifizierung der Busflotte. Wir sind da flexibel und treiben das Thema erst weiter voran, wenn wieder Zuschüsse verfügbar sind. Einen Markt für E-Busse gibt es ja auch 2035 noch." Genauso auf Sicht fährt das Unternehmen beim Thema Wasserstoffnutzung im Heizkraftwerk Nord. "Das machen wir nur, wenn klar ist, dass wir über das Kernnetz grünen Wasserstoff beziehen können."
Zuletzt seien auch verlässliche Rahmenbedingungen notwendig, die helfen, moderate Renditen zu erreichen – nur so lassen sich die notwendigen Investitionen schultern. "Kurzfristig können wir alles durch eine gute Eigenkapitalquote kompensieren. Langfristig aber brauchen wir neue Finanzierungsmodelle – private Investoren, kommunale Partnerschaften oder projektbezogene Vehikel." Der Energiesektor bleibe grundsätzlich attraktiv für Kapital, aber die Anforderungen stiegen. Eine eigene Finanzierungsstrategie sei bereits auf dem Weg.
Fachkräfte gewinnen
Neben den infrastrukturellen und finanziellen Fragen sieht Hermes Stadtwerke auch in der Verantwortung, das Produkt- und Dienstleistungsportfolio konsequent an Kundenbedürfnissen auszurichten – mit skalierbaren, ökonomisch sinnvollen Lösungen. Die Angebote müssten durch Qualität überzeugen. "Nicht zuletzt brauchen wir die richtigen Köpfe: Fachkräftegewinnung und Know-how-Sicherung sind ein entscheidender Erfolgsfaktor auf unserem Weg in die klimaneutrale Zukunft."
Als zusätzliche Maßnahme wurde ein "Effizienzprogramm“ in allen Bereichen gestartet, unter anderem sollen die Sachkosten um ein Fünftel sinken. Zudem gibt es einen Einstellungsstopp. Zu den derzeit 2800 Mitarbeitern kommen "vorerst nur in begründeten Ausnahmefällen" neue dazu.



