Es ist eine Art Tradition geworden bei den Stadtwerken Dessau (Sachsen-Anhalt). Alle fünf Jahre tun sich die Geschäftsführer Dino Höll und Thomas Zänger mit ihrer mehr als 400 Mitarbeiter starken Belegschaft zusammen, um sich in Workshops und Jours fixes Ziele für die nächsten fünf Jahre zu stecken.
2020 war wieder so ein Jahr. Und wieder steht am Ende ein Papier, das diesmal 29 Seiten umfasst. Das neben allgemein gehaltenen Versprechen, ökologisch und nachhaltig agieren zu wollen, auch einige konkrete Ideen enthält. Und Einblick gibt in Herausforderungen und Chancen eines mittelgroßen Stadtwerks im Herzen Ostdeutschlands.
Konkurrenz deutlich größer
Wie anderswo in Ostdeutschland macht auch Dessau-Roßlau der demografische Wandel zu schaffen. Seit der Wiedervereinigung hat die Stadt mehr als ein Viertel ihrer Einwohner verloren, ist von mehr als 110.000 Einwohnern auf gut 80.000 geschrumpft.
Das haben auch die Stadtwerke als Kommunalversorger zu spüren bekommen. Mit der Liberalisierung des Energiemarkts ist zudem die Konkurrenz deutlich größer geworden.
"Produkt, das Dienstleistungen verbindet"
Zwar sind Höll und Zänger stolz, noch mindestens drei Viertel der Einwohner vor Ort mit Strom und Gas zu beliefern. Einen Wert, den sie bis 2025 halten wollen. Sie weisen auch gern darauf hin, dass ihre Stadtwerke deutlich mehr anbieten können als Konkurrenten: beispielsweise Telekommunikation, Wasser, Bus und Straßenbahn.
Was bislang aber fehle, sei ein Paket, das Bürger über möglichst alle Sparten versorge, sagt Zänger. "Deshalb wollen wir bis 2025 ein Flatrate-Produkt entwickeln, das alle Dienstleistungen verbindet", sagt er.
Schrittweises Vorgehen
"Dann würde der Kunde auch nur noch eine Gesamtrechnung erhalten und nicht mehr viele separate. Das würde auch unsere Stadtwerke als einheitliche Marke wesentlich stärken."
Der Kommunalversorger will dabei schrittweise vorgehen. Zuerst will er ein gemeinsames Produkt für Strom und Telekommunikation entwickeln.
Crowdfunding-Projekte und Start-ups
Noch beschränken sich die Stadtwerke Dessau, die zu 100 Prozent der Stadt gehören, vorwiegend auf Geschäftsfelder, die schon immer ureigenes Hoheitsgebiet waren. Noch sind Kooperationen mit externen Dienstleistern, mit anderen Energieversorgern oder Start-ups, die Ausnahme. Auch das soll sich ändern.
Zänger nennt den Bereich der Wohnungswirtschaft, wo sich die Stadtwerke mit ihrem Produktportfolio aus E-Mobilitätslösungen, Speichertechnologien, Submetering und Breitband verstärkt einbringen wollen. Er kann sich auch Crowdfunding-Projekte vorstellen, um Bürger auf neuen Wegen mit den Stadtwerken zu vernetzen.
"Mit Augenmaß vorgehen"
Zudem könnte sich das Unternehmen an Start-ups beteiligen, etwa um in neue Geschäftsfelder vorzustoßen, sagt der Stadtwerke-Chef. Konkrete Pläne dazu gebe es jedoch aktuell nicht. Generell gelte: "Wir wollen mit Augenmaß vorgehen. Am Ende müssen die neuen Bereiche auch ertragskräftig sein."
Personell stehen die Stadtwerke in den nächsten fünf Jahren vor einem Umbruch. Nach eigenen Schätzungen werden etwa 45 Mitarbeiter das Unternehmen altersbedingt verlassen. Für Geschäftsführer Höll ist klar: "Deren Fachwissen muss erhalten bleiben."
Hohe Wohn- und Lebensqualität
Deshalb planen die Stadtwerke, ein digitales Wissensmanagement aufzubauen, das bis 2025 jeder vierte Mitarbeiter nutzen soll. Zudem wollen sie agilere Arbeitswelten schaffen. Für bis zu 15 Prozent der Beschäftigten sollen etwa Jobrotation oder Jobsharing vorgesehen sein.
Höll ist zuversichtlich. „Bisher haben wir noch jede Stelle zügig besetzen können“, sagt er. Dabei habe sicherlich geholfen, dass sich Dessau-Roßlingen nicht nur durch eine hohe Wohn- und Lebensqualität auszeichne, sondern allein mit drei Unesco-Weltkulturerbestätten auch kulturell viel zu bieten habe.
Nähe zu Leipzig und Berlin
Außerdem seien Berlin und Leipzig gerade eine Autostunde entfernt. „Mit diesen Trümpfen können und wollen wir wuchern.“



