Patrick Graichen wechselt ins Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz.

Patrick Graichen wechselt ins Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz.

Bild: © Agora Energiewende/Detlef Eden

Einer Nutzung von Wasserstoff in der Wärmeversorgung steht Patrick Graichen, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz, weiterhin ablehnend gegenüber. "Wasserstoff wird bei der Strom- und Wärmeproduktion in KWK-Anlagen eine Rolle spielen. Bei der Nutzung in Einzelheizungen bin ich skeptisch. Dafür ein Gasverteilnetz aufrechtzuerhalten, halte ich nicht für zukunftsfähig", sagte er bei einer Diskussion im Rahmen der Stadtwerketagung des Handelsblatts in Berlin.

"Aufgabe der Stadtwerke ist es, den Rückbau der Gasnetze zu planen und den Umbau auf Wärmenetze", stellte er klar. Eine Schlüsselrolle bei der Wärmewende werde die kommunale Wärmeplanung spielen. "Hier werden die Städte definieren müssen, welche Stadtviertel wann und wo ans Fernwärmenetz angeschlossen werden und zu welchem Zeitpunkt das Gasnetz abgestellt wird", sagte Graichen.

"2045 ist kein Gas mehr in den Netzen"

Klare und verlässliche Ansagen seien hier für alle Hauseigentümer entscheidend. Graichen setzt darauf, dass eine solche Wärmeplanung in Deutschland bis 2025 in jeder Kommune existiert.

"Jeder Bürger wird zwischen 2025 und 2045 seine Heizung mindestens einmal anfassen müssen." Die Vorgabe, dass ab Anfang 2024 jede Heizung einen Erneuerbarenanteil von mindestens 65 Prozent aufweisen müsse, sei der "Durchmarsch der Wärmepumpe".

Graichen sieht Fernwärme vorne

Die Potenziale für Stadtwerke durch das Osterpaket und weitere geplante Gesetzesvorlagen, etwa zum Stromnetzausbau und zur Beschleunigung von Flächenausweisungen im Windsektor, seien riesig. Die Elektrifizierung der Einzelhäuser durch E-Autos und Wärmepumpen erfordere eine entsprechende Vorbereitung der Verteilnetze.

In den Ballungszentren werde künftig die Fernwärme dominieren. Es werde einen Bereich dazwischen geben, wo eine Kombination aus Nahwärmenetz und Wärmepumpe die richtige Lösung sein könnte.

"2045 ist kein Gas mehr in den Netzen. Die Hochpreisphase, in die wir jetzt reingehen, wird das beschleunigen", prognostizierte Graichen. Die künftigen Herausforderungen beim Ausbau der erneuerbaren Energien seien so gewaltig, dass die "Oder-Welt", sprich die Unterscheidung zwischen kleineren kommunalen Energieversorgern oder Energiekonzern zweitrangig werde. "Die Frage ist künftig, wer ist schnell, wer ist vorne. Für alle die agil sind, ist genug Platz da."

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SWM-Chef Bieberbach: "Mir fehlt noch das schlüssige Gesamtbild"

Wie man genau die 50 Prozent Erneuerbare im Wärmesektor bis 2030 erreichen wolle, ist für Florian Bieberbach, Sprecher der Geschäftsführung der Stadtwerke München, an vielen Stellen aber weiterhin unklar. Etwa, wie man eine Sanierungsquote von zwei Prozent sicherstellen könne oder woher der ganze Strom für die Wärmepumen herkommen soll.  

"Wir brauchen deutlich schneller einen Windenergieausbau im Winter, weil uns da die PV nichts nutzt für die Wärmepumpen. Da fehlt mir noch so ein bisschen das schlüssige Gesamtbild und die Planungsgrundlage."

Auch eine richtig klare Positionierung der Bundesregierung zur künftigen Rolle von Wasserstoff fehle noch. "Wird man es eher den Marktkräften überlassen oder wird es doch im Wärmebereich eine Rolle spielen?" Auch, wie ein Rückbau des Gasnetzes technisch konkret vonstatten gehen solle.

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Fragezeichen bei Belastbarkeit der Ausbaupfade und verfügbarem Fachpersonal

"Wartet man einfach ab und betreibt dann ein großes Gasnetz für einige wenige einzelne Kunden, die noch dranhängen? Oder geht man da Stück für Stück vor im Rahmen einer kommunalen Wärmeplanung?", fragte der SWM-Chef. Die kommunale Wärmeplanung sei sicher ein "wahnsinnig wertvolles Instrument, wenn sie kommt, aber auch nur, wenn sie eine gewisse Verbindlichkeit hat".

Offene Fragen sind für Bieberbach auch die Belastbarkeit der vorgegebenen Ausbaupfade für die Erneuerbaren mit Blick auf die Entwicklung der Flächenbereitstellung und der Mangel an Fachkräften in der Energiebranche, aber auch bei Fachbetrieben.

Tanja Wielgoß: "Schlüssel zum Erfolg ist die Verlässlichkeit bei der Wärmeplanung"

Mehr Planungssicherheit forderte auch Tanja Wielgoß, Vorstandsvorsitzende der Vattenfall Wärme AG, ein. "Am liebsten hätte ich, dass wir uns Deutschland schon einmal Net Zero denken und von dort aus die Maßnahmen nach vorne planen. Dann machen wir auch nicht so viele Fehler auf dem Weg dahin."

Beim Thema Genehmigung plädierte sie dafür, dass die Verwaltungsexperten als eine Art Lotse künftig die Unternehmen durch den Bürokratiedschungel dadurchmanövrierten. Auch Wielgoß sieht in einer kommunalen Wärmeplanung viel Potenzial.

"In Dänemark war das schon sehr erfolgreich. Und der Schlüssel zum Erfolg und warum die Wärmewende dort schon vollzogen ist, ist eben genau die Wärmeplanung. Die Verlässlichkeit, wann ein Stadtwärmenetz in welches Viertel kommt, wird ganz viel Zwang gar nicht notwendig machen, sondern tatsächlich die Situation erleichtern", sagte die Chefin der Vattenfall Wärme AG. (hoe)

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