Nach der Beschaffungskrise gewinnen PPAs erneut an Schwung. Denn das Interesse an langfristiger Versorgungssicherheit mit Grünstrom ist weiterhin hoch. Während die großen Player entsprechend größere Abschlüsse bevorzugen, sehen die Stadtwerke Tübingen auch Potenzial im Geschäft mit kleineren Abnehmern. Welche Voraussetzungen dafür nötig sind, erklärte Heiko Thomas, Abteilungsleiter Beschaffung und Statistik bei den Stadtwerken Tübingen, im Interview mit der ZfK.
Herr Thomas, Tübingen hat als einer der wenigen mittelständischen Versorger selbst einen PPA-Abschluss realisiert. Warum bleibt dieses Modell die Ausnahme?
PPA-Abschlüsse bieten eine Möglichkeit zur Diversifizierung der Beschaffung und zur Integration erneuerbarer Energien in den Markt. Allerdings stoßen sie bei der Versorgung einzelner Kunden oder ganzer Kundenportfolios an ihre Grenzen. Da die Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen naturgemäß schwankt, ist eine ausschließliche Belieferung aus diesen Quellen nicht möglich. Daher ist eine sorgfältige Abstimmung zwischen erneuerbarer Einspeisung und tatsächlichem Verbrauch essenziell. Zudem ergeben sich Herausforderungen durch die oft abweichenden Laufzeiterwartungen von Anlagenbetreibern und Kunden.
Vor der Krise liefen PPAs selten länger als fünf Jahre. Warum sind jetzt deutlich längere Laufzeiten möglich?
Längere Laufzeiten sind besonders für Neubauprojekte von entscheidender Bedeutung, da sie sowohl die Finanzierung als auch die langfristige Wirtschaftlichkeit absichern. Ohne entsprechende PPA-Verträge wären viele dieser Vorhaben nicht umsetzbar. Investoren und Betreiber sind auf Planungssicherheit angewiesen, die durch langfristige Abnahmeverträge gewährleistet wird.
Für viele große Marktplayer lohnt sich der Beratungsaufwand bei kleineren PPA-Kunden nicht. Ist das auch für Ihr Unternehmen ein Ausschlusskriterium?
Für kleinere Kunden sind alternative Modelle erforderlich, da neben dem erhöhten Beratungsaufwand auch die nachgelagerte Vertragsabwicklung berücksichtigt werden muss. Ob Kunden-PPAs künftig ein Massengeschäft werden, bleibt ungewiss. Dennoch sehen die SWT Potenzial in maßgeschneiderten Lösungen für kleinere Abnehmer, sofern die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen tragfähig sind. Als Alternative zu PPAs können insbesondere kleine Gewerbe- und Industriebetriebe auf eine Eigenversorgung setzen – etwa durch Photovoltaik-Aufdachanlagen am eigenen Standort. So lässt sich ein erheblicher Teil des Energiebedarfs direkt vor Ort erzeugen und nutzen.
War ihr Abschluss nur wirtschaftlich attraktiver als ein einfacher Stromliefervertrag, oder gab es weitere entscheidende Faktoren?
Der Abschluss eines Kunden-PPAs bringt nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern leistet auch einen wichtigen Beitrag zur Realisierung und nachhaltigen Finanzierung erneuerbarer Projekte. Damit unterstützen die SWT aktiv den Ausbau ökologischer Energieerzeugung. Gleichzeitig profitieren SWT-Kunden von der flexiblen Vertragsgestaltung, die ihnen den Zugang zu verschiedenen Märkten – einschließlich des PPA-Markts – eröffnet.
"Die Entwicklung des PPA-Markts wird maßgeblich von den politischen Rahmenbedingungen für erneuerbare Energien beeinflusst."
Planen die Stadtwerke Tübingen weitere PPA-Abschlüsse?
Aus Sicht der SWT sind weitere PPA-Abschlüsse durchaus vorstellbar. Ihre Entwicklung wird jedoch maßgeblich von den politischen Rahmenbedingungen für erneuerbare Energien beeinflusst. Bleibt das regulatorische Umfeld stabil und förderlich, könnte die Bedeutung von PPAs weiterwachsen.
Die schwächelnde Konjunktur drückt die Stromnachfrage. Geht damit auch das Interesse an langfristigen PPAs zurück?
Ja, das entspricht den Marktmechanismen: Sinkende Strompreise führen zu einer geringeren Nachfrage nach PPAs, während steigende Preise das Interesse daran wieder beleben. Ausschlaggebend wird sein, wie sich die langfristigen Preisentwicklungen und die regulatorischen Rahmenbedingungen gestalten.
Das Interview führte Artjom Maksimenko



