Vorstandsvorsitzender Frank Brinkmann leitet die Sachsenenergie seit ihrer Gründung 2018.

Vorstandsvorsitzender Frank Brinkmann leitet die Sachsenenergie seit ihrer Gründung 2018.

Bild: © ronaldbonss.com

Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist angespannt, das kommt nun bei den Stadtwerken an. Schon vergangenes Jahr hat die Sachsenenergie daher den Gürtel enger gestellt, berichtet Frank Brinkmann, Vorstandsvorsitzender des Dresdner Konzerns.

Herr Brinkmann, die Sachsenenergie ist einer der ersten großen Kommunalversorger, der ein Effizienzprogramm angekündigt hat. Können Sie uns die Hintergründe erklären?

Die Sachsenenergie steht gut da, unsere notwendigen jährlichen Investitionen sprengen bald die Milliardengrenze. Wir sind stolz, dass wir das bisher aus eigener Kraft schaffen – ohne Eigenkapitalzuführung unserer Anteilseigner. Allerdings haben wir schon im vergangenen Jahr gemerkt, dass sich der Markt normalisiert und der Wettbewerbsdruck anzieht. Es stellt sich daher die Frage, wie wir unsere Profitabilität und unser Wachstum weiter halten. Eine klare Antwort ist die Steigerung unserer Effizienz. Daher haben wir zunächst Benchmarkings für alle Arbeitsfelder aufgestellt. Zwei renommierte Beratungsagenturen haben uns in den Corporate-Feldern und in den strategischen Geschäftsfeldern evaluiert. Unser Ziel ist es, dabei im oberen Viertel im Vergleich zu anderen zu liegen und zu bleiben. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, haben wir unser Mehrwertprogramm aufgesetzt.

Welche konkreten Auswirkungen hat das Programm auf die Mitarbeitenden der Sachsenenergie?

Wir sind in den vergangenen Jahren auf über 4200 Mitarbeitende angewachsen, doch weiter werden wir erst einmal nicht zulegen. Wir wachsen wirtschaftlich weiter, aber ohne Stellenwachstum: Es gibt bereits seit dem vergangenen Jahr einen Einstellungsstopp in allen Verwaltungsfunktionen und in den meisten anderen Bereichen. Gleichzeitig haben wir Wachstumsfelder identifiziert, die wir prioritär mit unseren eigenen qualifizierten Mitarbeitenden besetzen. Mitarbeitende, deren Stellen aufgrund der Effizienzmaßnahmen gestrichen werden, bekommen zwei bis drei andere Jobs im Konzern angeboten.

Hier geht es um Jobflexibilität im
Gegenzug für Jobsicherheit.

Das ist ein ganz schöner Wandel, vor zwei Jahren haben Sie noch Interviews gegeben, wie Sie erfolgreich Fachkräfte gewinnen. Wie gehen Sie da kommunikativ mit der Belegschaft um?

Die Message ist: Im Sommer und im Herbst, wenn Ernte ist, bereitet man sich auf den strengen Winter vor. Das machen wir. Wir haben unseren Mitarbeitenden gleichzeitig auch zugesichert, dass wir mit unserer derzeitig noch gegebenen Ertragskraft betriebsbedingte Kündigungen ausschließen können, wenn wir komplette Flexibilität haben. Zusammengefasst: Hier geht es um Jobflexibilität im Gegenzug für Jobsicherheit.

Fehlt es Sachsenenergie an Geld?

Nein, aber wenn Sie unsere Wachstumsinvestitionen betrachten, die deutlich über den Abschreibungen liegen, wird klar: Über unsere Finanzierung müssen wir uns intensiv Gedanken machen. Wir brauchen vor allem eine hohe Ertragskraft. Aktuell schütten wir rund 90 Millionen Euro aus. Das war lange Zeit angemessen, als unser Ergebnis noch bei etwa 100 Millionen lag und auch, um die Eigenkapitalquote der Sachsenenergie zu stabilisieren. Inzwischen haben wir unser Ergebnis jedoch auf rund 300 Millionen gesteigert. Entsprechend möchten auch die Anteilseigner davon profitieren.  

Ideal wäre, dass wir etwa 200 Millionen Euro thesaurieren könnten.

Müssen Ihre Anteilseigner auf Ausschüttungen verzichten?

Nein. Wir schütten wie im Gesellschaftervertrag vereinbart an unsere Anteilseigner aus. Ideal wäre, dass wir etwa 200 Millionen Euro thesaurieren könnten, dann lässt sich dieses Volumen grob mit dem Faktor drei hebeln und gleichzeitig ein gesundes Investitionsniveau aufrechterhalten. Das bedeutet: Wir können in einer Größenordnung von rund 600 Millionen Euro über den Abschreibungen investieren, solange wir dieses Niveau halten. Ein wichtiger Punkt – auch in enger Abstimmung mit unseren Belegschaftsvertretern – ist dabei die klare Priorität von Investitionen in zukünftige Geschäftsfelder. Das ist sinnvoller, als Mittel rein konsumtiv auszuschütten.

Welche Auswirkungen hat das Effizienzprogramm auf Ihre Investitionen?

Wir schauen bei Investitionen sehr genau hin und gehen selektiv vor. Das betrifft insbesondere Projekte zur Dekarbonisierung, die sich wirtschaftlich nur eingeschränkt tragen. Wir sind beispielsweise Teil des Wasserstoff-Kernnetzes mit einem Investitionsvolumen von über 100 Millionen Euro, haben dafür aber noch keinen finalen Baubeschluss.

Auch in anderen Bereichen priorisieren wir klar: Photovoltaik-Projekte haben wir stark zurückgefahren, während wir bei Windenergie, Eigenentwicklungen und Batteriespeichern weiterhin große Chancen sehen. Entscheidend ist für uns, dass unsere Investitionen nachhaltig ertragsstark sind. Diese Verantwortung haben wir gegenüber unseren Kunden und unseren Anteilseignern.

Sachsenenergie sieht noch Investitionspotenzial für Windkraft, hier ein 2023 in Glaubitz eingeweihtes Windrad des Konzerns.Bild: © Oliver Killig

Wie sieht es beim Eigenkapital aus?

Es gibt in unserem Gesellschaftervertrag die Regelung, eine festgelegte Eigenkapitalquote dauerhaft einzuhalten. Fällt sie darunter, sind auch keine weiteren Ausschüttungen mehr möglich. Liegen wir darüber, besteht grundsätzlich Spielraum für zusätzliche Ausschüttungen – allerdings immer in direkter Konkurrenz zu unseren Investitionen.

Wir sehen den ansteigenden Druck auf die Kommunen. In angespannten Haushaltslagen kann es Argumente geben, Ausschüttungen moderat zu erhöhen – beispielsweise um 20 Prozent. Das würde im Umkehrschluss aber bedeuten, dass wir unsere Investitionen entsprechend zurückfahren müssten, etwa von 900 auf 700 Millionen Euro. Ein kompletter Investitionsstopp steht dabei jedoch nie zur Debatte.

Das ist allerdings eine laufende, nicht immer einfache Diskussion. Manchmal wirkt die Situation schon widersprüchlich: Wir zeigen dann auch bewusst den Blick nach außen zu anderen großen Versorgern. Dort müssen Kommunen aktuell zusätzlich Kapital zuführen oder den Versorgern Kreditsicherheiten stellen, um Investitionen überhaupt zu ermöglichen. Und gleichzeitig stehen wir bei Sachsenenergie vor der Forderung, noch mehr Mittel auszuschütten. Das ist schon eine besondere Konstellation.

Wir erhalten an einigen Stellen ein Biotop künstlich am Leben.

Sie drängen auf Effizienz. Werden mit zu vielen Fördermaßnahmen ungesunde Strukturen erhalten?

Wir erhalten an einigen Stellen ein Biotop künstlich am Leben. Auch die Stadtwerke müssen effizienter werden. Es gibt gute Gründe für regionsbezogene Versorgung.

Mit den Plänen für das GEG schauen einige Energieunternehmen besorgt auf den Fernwärmeausbau, Sie auch?

Es gibt tatsächlich eine deutliche Unwucht zwischen der Versorgung mit Fernwärme und mit Erdgas. In der Fernwärme fordert der Gesetzgeber, dass wir den Dekarbonisierungspfad mit voller Geschwindigkeit und all den spezifischen Sonderauflagen einhalten. Im Gas hingegen erleben wir gerade ein Rollback. Man hat das Überprüfungsdatum offenbar bewusst hinter die nächste Bundestagswahl gelegt.

Das hat zwar nicht den Effekt, dass sich jetzt jeder sofort eine neue Gastherme installieren lässt, aber die Unsicherheit ist so groß, dass viele sagen: Ich lasse das alte Gerät erst einmal stehen und schaue, was 2029 kommt. Das heißt, der erhoffte Effekt ist noch nicht eingetreten. Und es ist jetzt schon klar, dass der Fernwärmeausbau ins Stocken gerät. Neue Abschlüsse kommen gerade kaum noch zustande. Da muss die Politik handeln, sonst gerät die Fernwärme unter die Räder.

Für neue Projekte noch auf dieselben Fördermillionen zu hoffen, wäre naiv.

Besteht also die Gefahr von Stranded Investments bei einigen Versorgern?

Ja, das ist möglich. Wer ein riesiges Ausbauprogramm aufgelegt hat in der Erwartung, dass die Kunden alle kommen werden, der wird jetzt möglicherweise enttäuscht. Auch in der Erzeugung wurde schon viel investiert in Dinge, die ökonomisch wirklich wackelig sind und von Fördermitteln getragen wurden. Für neue Projekte noch auf dieselben Fördermillionen zu hoffen, wäre naiv.

Wie sieht Ihre eigene Fernwärmestrategie für die nächsten zwei, drei Jahre aus?

Wir haben vor drei Jahren ein Dekarbonisierungskonzept inklusive Fernwärmestrategie erarbeitet. Dieses überprüfen wir ständig und werden es in diesem Sommer und Herbst fortschreiben. Es wird grundsätzlich etwas anders ausfallen als am Anfang. Ich hoffe, dass wir bis dahin mehr regulatorische Klarheit für die Fernwärme haben – denn sonst werden wir deutlich zurückfahren müssen.

Ein großes Standbein ist in Dresden die geplante Anlage zur thermischen Abfallverwertung, die 15 Prozent des Fernwärmenetzes dekarbonisieren soll. Dazu kommen Projekte, die beispielsweise Abwärme von Rechenzentren nutzen und ähnliches. Aber auch bei den Großwärmepumpen fange ich an, erste Fragezeichen zu setzen. Bei der Wärmewende muss nachjustiert werden.  

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