Die Energieversorgung Titisee-Neustadt (evtn) aus dem Schwarzwald wird ihre Geschäftstätigkeit aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zum 1. Januar kommenden Jahres einstellen. Der Stromvertrieb der evtn wird laut einer Pressemitteilung der Stadt Titisee-Neustadt zum Jahresende eingestellt. Die Stromkundinnen und -kunden der evtn erhalten das Angebot, zu den Elektrizitätswerken Schönau (EWS) zu wechseln.
Gesellschafter der Energieversorgung Titisee-Neustadt sind die Stadt Titisee-Neustadt (50,1 Prozent), die Badenova (25,1 Prozent), die EWS Elektrizitätswerke Schönau eG (21,4 Prozent) und die Vita-Bürger-Energie Genossenschaft (3,4 Prozent).
Für das Wärmenetz wird noch ein Käufer gesucht
"Die Entscheidung, die evtn aufzulösen, war sicherlich keine einfache, aber eine notwendige Entscheidung", wird Gerrit Reeker, Bürgermeister der Stadt Titisee-Neustadt, in einer Pressemitteilung zitiert. "Letztlich waren die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für eine Fortführung der evtn in ihrer jetzigen Form nicht mehr gegeben. Mit den nun getroffenen Maßnahmen sorgen wir für einen geordneten Übergang, und die Energieversorgung unserer Bürgerinnen und Bürger bleibt gesichert".
Um die Stromkonzession weiter führen zu können, muss die evtn als rechtliche Hülle weiter bestehen bleiben. Dazu werden die Anteile der übrigen Gesellschafter an die Badenova respektive die Badenova Netze übertragen, die ab 2025 das Stromnetz betreibt. Der Preis wird durch eine unabhängige gutachterliche Stellungnahme ermittelt. Die Badenova war erst zum Jahresbeginn als Gesellschafter bei der evtn eingestiegen.
Für das Wärmenetz wird noch ein Käufer gesucht, die Verhandlungen laufen bereits. Es gilt als wahrscheinlich, dass entweder Badenova oder die EWS die Wärmenetze übernehmen könnten.
Schwierige Startbedingungen bei der Rekommunalisierung
Die evtn waren 2011 gegründet worden. Das Geschäftsmodell war eng an die Übernahme des Stromnetzes von Energiedienst gekoppelt gewesen. Doch die Konzessionsvergabe wurde schon kurz darauf für nichtig erklärt, die evtn mussten sich erneut um die Netzkonzession bewerben. Erst 2018 erfolgte die Neuvergabe der Stromkonzession.
Dringlichkeit eines BNetzA-Bescheides wurde nicht erkannt
Hinzu kamen personelle Schwierigkeiten. Laut der Badischen Zeitung blieb der Posten des kaufmännischen Geschäftsführers über einige Jahre unbesetzt. Die EWS stellte zu der Zeit die technische Leitung. Die kaufmännische Leitung, für die ein Vertreter der Stadt vorgesehen ist, blieb vakant. In der Folge wurde ein wichtiger Bescheid der Bundesnetzagentur von 2019, der eine Senkung der Netzentgelte für die Jahre 2014 bis 2018 und eine Rückerstattung an die Kunden verfügt hatte, erst mit über zwei Jahren Verzögerung umgesetzt.
Die notwendigen betriebswirtschaftlichen Schlüsse durch die damals neue Geschäftsführung seien erst im August 2021 getroffen worden, weil die erforderliche Dringlichkeit nicht erkannt worden sei, heißt es hierzu in einer früheren Pressemitteilung der Stadt. Erst zu diesem Zeitpunkt waren auch Gesellschafter und Aufsichtsrat offenbar über das Schreiben informiert worden.
Die Rückerstattung und die damit einhergehende notwendige Bildung von Rückstellungen führten zur Korrektur des bereits festgestellten Jahresabschlusses 2019 und zu einem Jahresfehlbetrag von insgesamt rund 530.000 Euro. Laut der Regionalzeitung soll die Eigenkapitalquote des Unternehmens zuletzt dramatisch geschrumpft gewesen sein. Zudem hätte die staatliche Netzregulierung den Netzbetrieb immer unattraktiver gemacht.
Der aktuellste veröffentlichte Jahresabschluss des Unternehmens stammt aus dem Jahr 2021 und wurde Ende August 2023 festgestellt. Dort ist in der Gewinn- und Verlustrechnung ein Fehlbetrag von rund 380.000 Euro ausgewiesen. (hoe)
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