Jarno Wittig, die Digitalplattform Kommunal Digital ist 5 Jahre alt. Wie geradlinig verlief die Entwicklung?
Der Ruf nach einer digitalen Plattform war 2018 sehr laut. Die zentrale Frage war damals, wie und wo neue Geschäftsmodelle für Stadtwerke entstehen und Innovation durch Kontakt mit Start-ups gefördert werden kann. Begonnen hat das mit einer bundesweiten Lernreise, die wir dann auf eine digitale Plattform überführen wollten.
Als wir das Konzept 2018 auf dem Stadtwerkekongress erstmals vorgestellt haben, wurde die Idee dennoch sehr kontrovers diskutiert. Die einen haben gesagt, das brauchen wir, die anderen hielten das für Quatsch.
"Kommunal Digital hat eine Sonderstellung in der Verbändelandschaft."
Und welches der beiden Lager hat Recht behalten?
Was als Innovations- und Vernetzungsplattform mit Start-ups begonnen hat, hat sich zu einer vollständigen Service-Plattform weiterenwickelt. Kommunal Digital hat eine Sonderstellung in der Verbändelandschaft. Wir sind ein Beispiel dafür, dass auf die lange Perspektive eine solche Plattform, die als Ökosystem angelegt ist, funktionieren kann.
Das Netzwerk zählt mittlerweile über 11.000 Nutzerinnen und Nutzer und über 1000 Partnerunternehmen. Es kommen immer wieder neue Vernetzungsmöglichkeiten zwischen VKU-Mitgliedern, Partnern aus der Industrie oder von Beratungsunternehmen und auch jungen Unternehmen dazu.
"Wir haben die Plattform anfangs viel zu sehr als Closed Shop geführt."
Was waren die wichtigsten Lernkurven, die Sie in den vergangenen Jahren mit Kommunal Digital durchlaufen haben?
Ich sehe drei wesentliche Lerneffekte. Wir mussten zu Anfang erst einmal lernen, wie man eine Digitale Infrastruktur entwickelt und mit den externen Entwicklern zusammenarbeitet, die mit agilen Methoden operieren. Wir waren zudem anfangs viel zu verschlossen und haben die Plattform viel zu sehr als Closed Shop geführt.
Was meinen Sie damit genau?
Wir wollten anfangs zu viel. Zu Beginn des Projekts mussten die Nutzerinnen und Nutzer sich registrieren und ein Profil anlegen. Das war vielen Leuten zu aufwändig. Wir haben deshalb Ende vergangenen Jahres Kommunal Digital 4.0 gestartet mit viel mehr Beteiligungsmöglichkeiten und ohne Registrierung und die Usibility verbessert. Das wird sehr gut angenommen.
Viele wollen erst mal ohne Verpflichtung dabei sein können und dann überzeugt werden. Das funktioniert, es kommen mehr Menschen zu uns und es macht allen mehr Spaß.
"Wir nutzen das Angebot mittlerweile auch als Wissensdatenbank für bestimmte größere Themen."
Welche Rolle spielt der angebotene Content auf der Plattform, um Aufmerksamkeit zu erzielen und zu erhalten?
Das war quasi der dritte wichtige Lerneffekt: Man muss permanent neuen oder aktualisierten Content anbieten, sonst wird es schwer, die User dauerhaft zu halten. Da geht es um Bewegtbild, Interviews, Mitschnitte aus Veranstaltungen von Partnern oder auch Beiträge von unseren Partnern. Das funktioniert sehr gut. User nutzen das Angebot mittlerweile auch als Wissensdatenbank für bestimmte größere Themen.
Wie stark hat die Coronakrise zum Nutzerwachstum auf der Plattform beigetragen?
Corona hat sicher Dinge verstärkt und geholfen. Auf einmal hat man gesehen, welche Relevanz eine derartige Plattform entfalten kann, wenn bestimmte Kommunikationswege nicht mehr möglich sind. Ohne eine vorhandene und entsprechend gute digitale Infrastruktur wäre aber dieser Effekt nicht möglich gewesen.
"Bei den VKU-Mitgliedern sind wir mittlerweile über den Break-Even-Punkt hinweg."
Welche User haben Sie gewonnen durch die Weiterentwicklung hin zu Kommunal Digital 4.0?
Bezahlkunden aus der Industrie oder Beratung aber auch Start-ups kommen jetzt noch stärker zu uns, weil durch die höher Durchlässigkeit das Netzwerk noch einmal deutlich gewachsen ist und damit auch die Interaktionsmöglichkeiten. Man kann hier wirklich sehr gezielt Unternehmen ansprechen, ihre Bedarfe adressieren und eine Lösung anbieten.
Bei den VKU-Mitgliedern sind wir mittlerweile über den Break-Even-Punkt hinweg und haben bereits mehr auf unserer Plattform als wir noch gewinnen können. Es gehört mittlerweile zum guten Ton in der Branche, KD-Mitglied zu sein und dort sein Profil zu vervollständigen.
Wie messen Sie das wachsende Interesse, zeigt sich das auch in den Pageviews?
Wir haben ein eigenes Trackingkonzept und haben gelernt, dass man sich im digitalen Kosmos sehr trittsicher bewegen muss. Wir merken, dass wir über SEO-Optimierung deutlich besser auffindbar sind. Natürlich schalten wir auch über Google Adverts immer mal Anzeigen. Das ist ein permanenter und lebendiger Prozess, um immer wieder Aktualität und Relevanz im Netz zu haben.
"Ich könnte mir künftig ein Angebot vorstellen, dass Finanzierungspartner und Stadtwerke miteinander in Kontakt bringt."
Kann man den Vernetzungserfolg der vergangenen Jahre konkret greifen an Beispielen?
Über die Vernetzung über Kommunal Digital waren wir so etwas wie ein Geburtshelfer für einzelne Start-ups, wie Clarify Data oder Vialytics, die mit ihrer Straßenerkennungssoftware die Erfassung ganzer Routen für Abfallwirtschaftsfahrzeuge ermöglich hat. Wir merken auch, dass wir mit schnellen Mailings eine hohe Durchdringung erreichen und so etwas wie ein Seismograph der Branche sein können.
Wenn sich innerhalb kurzer Zeit 100 bis 200 Teilnehmende für einen neu angebotenen Webaustausch zu einem bestimmten Thema anmelden, zeigt dies auch die Relevanz und Durchdringung bei den Mitgliedern von Kommunal Digital auf. Wir können auch sehr schnell auf neue Bedürfnisse und Themen eingehen. Ich könnte mir Beispiel gut vorstellen, wenn der vermehrte Wunsch aus der Mitgliedschaft kommt, ein Angebot zu schaffen, dass Finanzierungspartner und Stadtwerke miteinander in Kontakt bringt.
Wie soll die Plattform künftig weiterentwickelt werden?
Unser nächstes großes Ziel ist die Entwicklung eines dynamischen Dashboards. Über dieses soll jeder Nutzer, mit den auf seine jeweiligen Interessen und Bedürfnisse zugeschnittenen Informationen versorgt werden und entsprechende visuelle Notifications erhalten. Ziel ist eine passgenaue, nutzerzentrierte Information der User. Mit diesem Projekt wollen wir 2025 in die Umsetzung gehen.
(Das Interview führte Hans-Peter Hoeren. Der Text ist erstmals erschienen in der Printausgabe der ZfK im April dieses Jahres.)



