Wer angesichts rasant gestiegener Gasrechnungen seinen Energieanbieter wechseln will, könnte bei Versorgern außerhalb der eigenen Region vor verschlossener Tür stehen. Derzeit könnten mehrere Stadtwerke bereits keine Neukunden mehr aufnehmen oder ließen Verträge mit Kunden, die nicht in ihrem Versorgungsgebiet wohnen, auslaufen, erklärte ein Sprecher des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) auf dpa-Anfrage. «Das gilt für die Gasversorgung außerhalb der Grundversorgung.»
Innerhalb der Grundversorgung sei dagegen eine Beschränkung auf Bestandskunden und eine Ablehnung von Neukunden gesetzlich nicht möglich. Als Grundversorger gilt nach dem Energiewirtschaftsgesetz jeweils das Energieunternehmen, das in einer Region die meisten Haushaltskunden mit Strom beziehungsweise Gas beliefert. In vielen Fällen handelt es sich um die örtlichen Stadtwerke oder Flächennetzbetreiber.
Insbesondere von einigen kleineren Stadtwerken sind Neukundenstopps bekannt, etwa in Winnenden. Aber auch bei einem großen Energieversorger wie EWE heißt es auf Anfrage: „Wir beschränken unser Angebot aktuell auf Kundinnen und Kunden, die in unserem Grundversorgungsgebiet ansässig sind.“
Rheinenergie nimmt weiterhin Kunden außerhalb der Grundversorgung auf
Die Stadtwerke Flensburg hatten vor kurzem sogar den Rückzug aus dem bundesweiten Gasvertrieb und die Kündigung von 45.000 Kunden bekannt gegeben. Ein anderer großer Energieversorger, die Rheinenergie, nimmt laut einem Sprecher hingegen weiterhin Kunden auch außerhalb des Grundversorgungsgebietes auf. Diesen würden Festpreisverträge mit zwölf oder 24 Monaten Laufzeit angeboten.
Kommunal- und Energieverbände hatten zuletzt in einem gemeinsamen Appell auf die durch die Energiekrise verursachten Probleme der Versorger hingewiesen und staatliche Unterstützung für die Unternehmen gefordert. In dem Schreiben hatten die Spitzenverbände auch auf den Kundenzustrom verwiesen, der dazu führe, dass die Grundversorger ungeplant mehr Energie beschaffen müssten - trotz des extremen Preisniveaus. «So nachvollziehbar die Idee vieler Menschen ist, sich aus Sorge vor den steigenden Preisen in die Grundversorgung fallen zu lassen, so schwierig ist dieses Unterfangen für die Stadtwerke», erklärte der VKU-Sprecher dazu.
Zwischenfinanzierungsaufwand steigt
So seien nicht nur die Beschaffungspreise stark gestiegen, auch der Zwischenfinanzierungsaufwand steige - also die Summe, mit der Stadtwerke die Zeit vom Einkauf bis zum Weiterkauf an ihre Kunden und bis zur Erhöhung der Abschläge überbrücken müssten. «Beides zusammen erhöht den Liquiditätsbedarf der Stadtwerke. Das beeinträchtigt wiederum die Möglichkeit, Kundenanfragen nach Strom und Gas zu bedienen», erklärte der Sprecher.
Denn die Vor- und Zwischenfinanzierungslast erhöhe sich mit den zu beschaffenden Gasmengen. Die Folge sei, dass sich immer mehr Stadtwerke auf die Versorgung ihrer Bestandskunden konzentrierten. «Sie schränken das Neukundengeschäft ein, und auch Anschlussverträge stehen in Frage.»
Neuregelung bei Ersatzversorgungspreisen
„Wir antizipieren natürlich gewisse Anzahlen von Neukunden, die wir mit in unsere Beschaffungsstrategie aufnehmen. Wenn diese Anzahlen aber deutlich überschritten werden, dann kommen wir mit unserer Kalkulation nicht mehr hin und müssen nachbeschaffen“, erklärt ein Sprecher der Rheinenergie.
Da das Unternehmen nach dem neuen Energiegesetz keine gesplittete Grundversorgung mehr anbieten dürfe, könne es sein, dass nach einer sechswöchigen Ankündigungsfrist dadurch der Grundversorgungspreis für alle Kunden steige.
Ersatzversorgungspreise dürfe man splitten, allerdings gelte dieser Preis nur für diejenigen, die wegen einer Anbieterinsolvenz zur Rheinenergie kommen. Nicht für normale Wechsler.
EWE und Thüga: Starker Zulauf in Grund- und in Ersatzversorgung
Auch der in München ansässige Stadtwerkeverbund Thüga sprach von einer unerwartet großen Anzahl an Neukunden, die von Discountanbietern im Rahmen der «Ersatzversorgung» aufgenommen werden müssten. Auch EWE verzeichnet beispielsweise weiter einen starken Zulauf in die Grundversorgungstarife.Aus der Branche wird gelegentlich von sehr hohen Gaspreisen der benachbarten Konkurrenz berichtet und vermutet, dass damit Kunden abgeschreckt werden sollen und zu anderen Versorgern gehen.
«Sicher ist, dass kein Kunde von einem Grundversorger abgewiesen wird, sondern die Stadtwerke und kommunalen Versorger ihren gesetzlichen Auftrag erfüllen und auch in Krisenzeiten die Energiekundinnen und -kunden sicher und zuverlässig versorgen», erklärte ein Thüga-Sprecher.
Allerdings müssten sich vor allem Neukunden auf höhere Preise einstellen. Derzeit liefen immer mehr der langfristig ausgehandelten und im Vergleich zu aktuellen Bedingungen noch relativ günstigen Bezugsverträge für Erdgas aus – und neue Verträge hätten zu wesentlich höheren Preisen abgeschlossen werden müssen. «Dies führt insbesondere bei Verträgen für Neukunden zu höheren Preisen.»
Verivox: "Wettbewerb ist eingeschränkt"
Der Verbraucherzentrale Bundesverband hatte zuletzt zwar über eine Vervielfachung der Beratungszahlen von Gas- und Stromkunden berichtet. Spezielle Schwierigkeiten bei einem Anbieterwechsel seien aber derzeit kein Thema in den Beratungsgesprächen, sagte eine Sprecherin.
Ein Sprecher des Vergleichsportals Verivox erklärte, die Einschränkungen beim Neukundengeschäft seien schon seit Beginn der Energiekrise nicht nur ein Thema von Stadtwerken, sondern auch anderen Anbietern. «Wir sehen schon, dass der Wettbewerb dadurch eingeschränkt ist», sagte der Sprecher. Angesichts der extremen Preisunterschiede nutzten derzeit viele Menschen das Portal, um sich über die Preise der Anbieter zu informieren. (dpa/hoe)



