Erfahrene Vertriebsexperten: Olaf Hornfeck (links) ist Vorstand bei den Städtischen Werken in Kassel und Martin Ridder ist kaufmännischer Geschäftsführer bei Eins Energie in Sachsen.

Erfahrene Vertriebsexperten: Olaf Hornfeck (links) ist Vorstand bei den Städtischen Werken in Kassel und Martin Ridder ist kaufmännischer Geschäftsführer bei Eins Energie in Sachsen.

Bilder: © Städtische Werke/Eins Energie

Wegen der milden Witterung und einem veränderten Verbrauchsverhalten der Kundinnen und Kunden mussten in diesem Frühjahr zahlreiche Kommunalversorger eingekaufte Gasmengen zurückvermarkten. Die Städtischen Werke Kassel etwa haben zwischen Januar und März im Schnitt rund elf Prozent weniger Gas abgesetzt als im Vorjahr.

Insgesamt habe man rund 100 Gigawattstunden (GWh) an Gas wieder über den Markt verkaufen müssen, erklärte Vorstand Olaf Hornfeck auf Anfrage. Bei der Fernwärme verzeichnete das Unternehmen in den ersten drei Monaten einen Rückgang von rund 17 Prozent gegenüber den Planwerten, das entspricht ungefähr rund 50 GWh.

Hornfeck: "Risiko der Rückvermarktung geringer als Nachkaufen"

Der Heizbedarf war in der vergangenen Heizperiode so gering wie nie. Die milden Temperaturen und die Änderungen im Verbrauchsverhalten der Kundinnen und Kunden hinterlassen tiefe Spuren in den Absatzzahlen vieler Energieversorger. Diese Entwicklung dürfte aufgrund des Klimawandels und der absehbaren Steigerung der Energieeffizienz weiter zunehmen. Doch wie können sich Stadtwerke auf dieses sich verändernde Umfeld in der Beschaffung einstellen?

„Das Risiko der Rückvermarktung von Energiemengen ist wahrscheinlich geringer als wenn wir nach einem kalten Winter zusätzliche Mengen im Markt nachkaufen müssen“, sagt Hornfeck. Er hält deshalb aktuell eine gewisse Überdeckung bei den eingekauften Gasmengen („fünf bis zehn Prozent long beschaffen“) für einen sinnvollen Ansatz.

"Preisformel für Fernwärme anpassen"

Mit Blick auf den rückläufigen Fernwärmebedarf plädiert er perspektivisch für eine Anpassung der Preisformel für Fernwärme. Der Fixkostenanteil in der Fernwärme sei sehr hoch. „Dies muss sich in der Preisformel künftig in einem höheren Leistungspreis widerspiegeln, den Arbeitspreis hingegen muss man ein Stück weit absenken“, so Hornfeck.

Eins Energie: "Keine schöne Situation

Auch der Regionalversorger Eins Energie verzeichnete im vergangenen Winter Absatzrückgänge von 15 bis 20 Prozent gegenüber einer „normalen Heizperiode“. Wie hoch die finanziellen Einbußen sind, wollte der Kaufmännische Geschäftsführer Martin Ridder nicht weiter präzisieren. Natürlich sei das im Kontext mit den deutlich gefallenen Marktpreisen und dem deutlichen Spread zwischen dem Portfoliopreis für die eingekauften Mengen und dem aktuell erzielbaren Preis im Falle einer Rückvermarktung „keine schöne Situation“.

Zwar gebe es mittlerweile im Markt wieder Flexibilitätsprodukte als Absicherung gegen temperaturbedingte Mengenschwankungen – auch in Form von Regressionsverträgen –, diese entfalteten ihre Wirkung aber erst in der Zukunft. „Was das angeht wird es ab 2025 wieder besser“, betont Ridder.

Problematisch bliebe aber die gegenüber früheren Jahren deutlich höhere Volatilität der Marktpreise und die nicht temperaturabhängigen Absatzrisiken (Kundenverluste und ein geändertes Verbrauchsverhalten. „All das setzt ein hohes Maß an Prognosefähigkeit, eine angepasste Beschaffungsstrategie und ein aktives Risikomanagement voraus“ stellte der Kaufmännische Geschäftsführer der Eins klar.

Gasag: "Engere Zusammenarbeit zwischen Vertrieb und Beschaffung erforderlich"

Auch die Berliner Gasag musste aufgrund des milden Winters und vor allem der warmen Monate März und April 2024 bereits im letzten Jahr eingekauftes Gas wieder verkaufen. „Und das in einer Phase, in der die Gaspreise gesunken waren“, sagt eine Sprecherin. Das  Unternehmen habe die Auswirkungen des zu warmen Wetters aber früh erkannt und gegengesteuert, um die Stabilität bei den Erträgen zu gewährleisten.

„Künftig wird es darum gehen, inwieweit man seine Beschaffungsstrategien vor dem Hintergrund von Temperatureffekten und Preisschwankungen neu denken muss. Auch wird es einer deutlich engeren Zusammenarbeit zwischen Beschaffung und Vertrieb bedürfen“, so die Sprecherin weiter. (hoe)

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