Von Artjom Maksimenko und Pauline Faust
Die Union und ihr Spitzenkandidat Friedrich Merz (CDU) liegen bei der Bundestagswahl weit vorne. Nun scheint eine Koalition mit der SPD die wahrscheinlichste Option. Auf eine schnelle Einigung der Partner hofft die deutsche Energiewirtschaft.
Die CDU/CSU habe einen klaren Regierungsauftrag erhalten, kommentierte Andreas Feicht, Vorstandschef der Rheinenergie, das Wahlergebnis. "Diesen gilt es jetzt wahrzunehmen, und wir brauchen jetzt klare Verhältnisse für eine künftige Bundesregierung." Für diese sollte vor allem Pragmatismus eine Richtschnur sein. Ein weiterer, äußerst wichtiger Orientierungspunkt seien "die Bedürfnisse der bürgerlichen Mitte in unserem Land".
"Die Welt ist in Aufruhr"
Die Wemag mit Sitz in Schwerin sieht die "Welt in Aufruhr" und neue Herausforderungen auf die kommende Bundesregierung zukommen. Bei der Bundestagswahl gingen in der Hauptstadt des Landes Mecklenburg-Vorpommern die meisten Zweitstimmen an die AfD (27,1 Prozent).
"In der Ukraine herrscht weiterhin Krieg, neue globale Herausforderungen kündigen sich an und die Werte westlicher Demokratien stehen zunehmend unter Druck", sagten die Wemag-Vorstände Thomas Murche und Caspar Baumgart auf ZfK-Anfrage. Inmitten dieser Unsicherheiten wachse die Verantwortung, Stabilität und Verlässlichkeit zu bieten – "für die Menschen, die Wirtschaft und die Zukunft unserer Region".
"Wir müssen die Bevölkerung bei allen diesen Themen mitnehmen." Thomas Murche und Caspar Baumgart, Wemag
Es gebe eine Reihe von offenen Punkten, die umgehend geregelt werden müssen, wenn es vor allem mit der Wärmewende vorangehen soll: "Die Reform der Wärmelieferverordnung oder die Reform des KWK-Gesetzes mit Fokus auf Netzausbau sind dafür zwei Beispiele. Generell gilt: Machbarkeit und realistische Umsetzungszeiträume beachten/vorgeben. Wir müssen die Bevölkerung bei allen diesen Themen mitnehmen und darauf achten, dass wir sie nicht überfordern".
Mehr Markt und Pragmatismus
Eons CEO Leonhard Birnbaum erwartet von der künftigen Bundesregierung "entschiedene Schritte zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität in Deutschland" und Investitionen in Bildung, Innovation und Infrastruktur. Denn in der Zeitenwende würden auch Chancen liegen. "Wir müssen zum Beispiel KI und Digitalisierung endlich entfesseln, um die Produktivität in Wirtschaft und Verwaltung deutlich zu steigern", so Birnbaum. In der Energiepolitik braucht Deutschland aus seiner Sicht mehr Markt und mehr Pragmatismus. Denn die Planverliebtheit der letzten Jahre habe Energie in Deutschland unverhältnismäßig teuer gemacht.
Digitalisierung ist auch für Mandy Hintzsch, Geschäftsführerin der Stadtwerke Potsdam, ein wichtiges Anliegen. "Die Themen Digitalisierung und Diversität, sowie Gleichstellung waren allenfalls Randthemen im Wahlkampf", kritisiert sie. Das dürfe so nicht weitergehen. "Wir brauchen einen Digitalisierungshub und umfassende Entbürokratisierung, um in den Verwaltungen schneller zu werden."
"Im Bundestag sinkt die Frauenquote – ein Zeichen des Rückschritts." Mandy Hintzsch, Stadtwerke Potsdam
Diversität sei ein Schlüssel zu besseren und nachhaltigeren Entscheidungen, das fange mit der Gleichstellung an, erklärt Hintzsch. "Im Bundestag sinkt die Frauenquote – ein Zeichen des Rückschritts." Dabei habe die BCG erst in diesem Jahr wieder festgestellt, dass diverse Unternehmen profitabler, finanziell stabiler und zukunftssicherer aufgestellt sind. "Bekenntnisse für Gleichstellung reichen mir nicht."
Auch die Stadtwerkekooperation Trianel fordert eine rasche Bildung der stabilen Regierung. Sie müsse schnell handlungsfähig sein, "denn wir brauchen zügig einen klaren Rahmen und marktlichen Kompass für die Energiewirtschaft", so Trianel-Chef Sven Becker. Die Nutzung von Flexibilität auf der Angebots- und Nachfrageseite werde dabei zentral sein. "Darüber hinaus brauchen wir dringend Investitionen in steuerbare Kapazitäten. Schließlich wird es auf einen beihilferechtskonformen Rahmen für den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien ankommen, den die neue Regierung zeitnah schaffen muss."
In NRW, wo Eon, Rheinenergie und Trianel sitzen, lag die CDU mit 30,1 Prozent bei den Zweitstimmen vorn.
Lange Wunschliste
Für Vattenfall seien die klimaneutralen Investitionen in den Wirtschaftsstandort Deutschland von großer Bedeutung. Die seien notwendig, um die "Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und Wohlstand und Arbeitsplätze zu sichern". Konkret sei dafür ein verlässlicher und langfristiger Regulierungsrahmen für Erneuerbare sowie eine marktliche Absicherung von Versorgungssicherheit, die Flexibilitätspotentiale im Strommarkt hebe.
Auf die Short-List der Wünsche setzt die Rheinenergie zudem die Reform der Wärmelieferverordnung oder die Reform des KWK-Gesetzes mit Fokus auf Netzausbau. Generell gilt: Machbarkeit und realistische Umsetzungszeiträume beachten/vorgeben, führte Feicht aus. "Wir müssen die Bevölkerung bei allen diesen Themen mitnehmen und darauf achten, dass wir sie nicht überfordern."
Die Stadtwerke Tübingen bewerten das Ergebnis der Wahlen "verhalten optimistisch" und sehen eine Chance auf eine handlungsfähige Koalition, um die "großen strukturellen Herausforderungen unseres Landes" entschlossen angehen zu können. Einen konkreten und dringenden Handlungsbedarf sieht der Versorger bei der Finanzierung der Energiewende und des ÖPNV.
Erneuerbare und Flexibilitäten, "kein zusätzliches Geld benötigt"
Das Energieunternehmen 1Komma5Grad geht nach den Bundestagswahlen von dem wahrscheinlichsten Fall einer Neuauflage der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD. Das Unternehmen hoffe in diesem Zusammenhang auf eine "schnelle Regierungsbildung und einen klaren Kurs", sagte Philipp Schröder, CEO von 1Komma5Grad, auf ZfK-Anfrage.
Vor der Wahl hatte Schröder erklärt, dass er Friedrich Merz wählen werde. Im 1Komma5Grad-Sitz Hamburg hingegen lag die SPD bei den Zweitstimmen mit 22,7 Prozenten an der Spitze.
"Für die Kostenwende in der Energiewende braucht es kein zusätzliches Geld, sondern kluge (De-)Regulierung." Philipp Schröder, 1Komma5Grad
Es gelte, den Fokus auf die wirtschaftlichsten Energieträger, Erneuerbare und Flexibilität zu legen, erklärte Schröder. "Für die Kostenwende in der Energiewende braucht es kein zusätzliches Geld, sondern kluge (De-)Regulierung." Denn mit mehr Flexibilität für die Erneuerbaren und einem kontinuierlich steigenden CO2-Preis komme der Kipppunkt für die Energiewende von alleine, betonte er.



