Für neue Stadtwerke ist die Gestaltung und Finanzierung der künftigen Energieversorgung ein kleines Abenteuer. In schwierigen Zeiten von Anfang an zurechtzukommen, die richtigen Prioritäten zu setzen und Anfängerfehler zu vermeiden, fällt mit einem erfahrenen Partner an der Seite viel leichter. Einen solchen Partner haben die erst wenige Monate alten Stadtwerke Vaihingen an der Enz in Baden-Württemberg, die vor der Gründung zum Jahresbeginn 2026 ein Eigenbetrieb waren.
Der Newcomer und die mit fünf Jahrzehnten Markterfahrung ausgestatteten benachbarten Stadtwerke Mühlacker unterzeichneten Ende Januar eine Absichtserklärung für eine intensivierte Kooperation. Intensiviert deswegen, weil beide Seiten seit Mai 2025 bereits im Bereich E-Mobilität zusammenarbeiten, beim Ausbau der Ladeinfrastruktur in Vaihingen. Nun kommt der Kernbereich der kommunalen Daseinsvorsorge dazu, die Energieversorgung.

Diese Form haben wir bewusst gewählt, weil sie eine hohe Flexibilität ermöglicht, die kommunale Selbstständigkeit beider Standorte wahrt und Risiken projektbezogen verteilt.
Anselm Laube
Geschäftsführer der Stadtwerke Vaihingen
Rechtlich und bilanziell weiter eigenständig
Es handelt sich um eine strategische Dienstleistungs- und Projektkooperation, erklärt Anselm Laube, Geschäftsführer der Stadtwerke Vaihingen. Er leitete vorher die Geschäfte der Energieagentur Kreis Ludwigsburg. "Wir planen und entwickeln Projekte gemeinsam, prüfen Wirtschaftlichkeit und Förderfähigkeit zusammen und setzen die Projekte entweder gemeinsam oder arbeitsteilig um", erklärt Laube. Die Finanzierung der einzelnen Vorhaben erfolge projektbezogen. Anfallende Kosten werden entsprechend der Investitionsanteile oder auf Basis eines vertraglich vereinbarten Verteilungsschlüssels zwischen den Partnern getragen.
Es ist keine gesellschaftsrechtliche Fusion, beide Stadtwerke bleiben rechtlich und bilanziell eigenständig. "Diese Form haben wir bewusst gewählt, weil sie eine hohe Flexibilität ermöglicht, die kommunale Selbstständigkeit beider Standorte wahrt und Risiken projektbezogen verteilt", sagt Laube.
Vaihingen steht mit fünf bestehenden Wärmenetzen und seinen Photovoltaikanlagen "zwar nicht mehr am Anfang", so Laube, klar sei aber auch, dass viel mehr Tempo in die Energiewende kommen müsse, um 2040 wie geplant eine vollständig dekarbonisierte Versorgung zu haben. Für die jungen Stadtwerke sei die Kooperation da ein "strategischer Beschleuniger". Bei den anstehenden großen Aufgaben "können wir von den Stadtwerken Mühlacker und deren Erfahrung und Expertise nur profitieren."
Das sei gerade jetzt kurz nach der Neuorganisation ideal, "weil wir von Anfang an professionell aufgestellt sein wollen." Ein Teil des Teams, etwa der Wasserbetrieb, existiert bereits. Für weitere Aufgabenbereiche wie die Wärmeversorgung werden parallel entsprechende interne Strukturen aufgebaut. Für Laube kommt es vor allem auf den "strukturierten Wissenstransfer" von Mühlacker nach Vaihingen an, bei dem Bedarfe analysiert und festgelegt werden, um dann Wissen aufzubereiten und zu vermitteln - in Form von Workshops, Schulungen, Dokumentationen mit Best-Practice-Erfahrungen, Leitfäden, regelmäßigen Jour fixe zwischen den Fachgruppen oder einer zeitweisen fachlichen Begleitung direkt am Arbeitsplatz.
Mehr als eine Option
"Durch die Kooperation erleichtern wir einem neuen Stadtwerk den Einstieg", sagt Roland Jans, Geschäftsführer der Stadtwerke Mühlacker. Es sei aber keineswegs so, dass nur die Stadtwerke Vaihingen Vorteile habe. "Wir profitieren auch, unter anderem von den frischen Ideen aus Vaihingen. Das erhöht unsere Innovationsfähigkeit." Auch Mühlacker soll bis 2040 klimaneutral sein. Die Biomethan-Anlage Mühlacker erzeugt derzeit bereits rund ein Drittel des Gasbedarfs aus nachwachsenden Rohstoffen. Geplant sind der Ausbau von Photovoltaik und Windenergie, die Modernisierung der Netze und Speicherlösungen.
Die Energietransformation ist aus Sicht von Jans strukturell so anspruchsvoll geworden, dass viele kleinere Versorger sie allein kaum mehr stemmen könnten. Kooperationen sind deswegen "nicht nur strategische Optionen, sondern zunehmend Voraussetzung dafür, langfristig wettbewerbsfähig und versorgungssicher bleiben zu können." Vor allem bei regionalen Energieprojekten hält Jans Synergien für entscheidend, etwa beim Ausbau von Windkraft- oder Freiflächen-PV-Anlagen. Hinzu komme, dass kooperative Projekte mehrerer Stadtwerke in den Gemeinderäten und der Bürgerschaft oft positiver bewertet werden, da sie als wirtschaftlich tragfähiger, risikoärmer und regional abgestützt gelten.
Rotationsmodell für Azubis
Ein weiterer Vorteil: Skaleneffekte und Kosteneffizienz vor allem durch geteilte Ressourcen wie Fachpersonal, Projektmanagementkapazitäten oder IT-Systeme. Kooperationen könnten zudem ein probates Mittel gegen den Fachkräftemangel sein. Dieses Thema drückt. Daher planen die beiden Stadtwerke eine gemeinsame Ausbildungsoffensive.

Wir wollen uns als attraktiver Arbeitgeber für junge Menschen in der Region positionieren.
Roland Jans
Geschäftsführer der Stadtwerke Mühlacker
"Wir wollen uns als attraktiver Arbeitgeber für junge Menschen in der Region positionieren" erklärt Jans. Gute Fachkräfte zu finden, sei schwierig. Angeworben werden sollen Nachwuchskräfte sowohl im klassisch technischen als auch im kaufmännischen Bereich, ergänzt um die Zukunftsthemen erneuerbare Energien, Elektromobilität und Digitalisierung/Smart Grid. Jans kann sich auch ein Rotationsmodell vorstellen. Beispielsweise durchlaufen die Azubis den Netzbetrieb im einen Stadtwerk und den Kundenservice beim anderen. Wissensaustausch, Risikoteilung, höhere Innovationsfähigkeit, Kosteneffizienz.
Gibt es denn auch Risiken bei einer solchen Kooperation? Für Anselm Laube können dies unterschiedliche Interessenslagen und unklare Verantwortlichkeiten sein. "Hier helfen aber klare vertragliche Regelungen sowie eindeutig definierte und kommunizierte Zielstellungen." Zudem braucht es Transparenz bei Kosten und Erlösen sowie regelmäßige Abstimmung auf Geschäftsführungsebene und in den Projektteams.




