Die Einstellung sämtlicher Lieferungen durch den Stromanbieter Stromio führt bei zahlreichen Grundversorgern zu massiven Zusatzkosten. Hunderttausende Kunden des Stromversorgers aus Kaarst (Nordrhein-Westfalen) fallen in die Ersatzversorgung.
Die Mehrzahl an Stadtwerken muss die für Neukunden benötigten Mengen zu den aktuellen, rekordhohen Preisen am Spotmarkt beschaffen. Dort seien aber teilweise keine Mengen mehr zu kaufen, berichten Branchenexperten.
Rüsselsheim stellt Vertriebsaktivitäten vollständig ein
Das Vertriebs- und Akquisitionsgeschäft soll fast überall heruntergefahren worden sein. Die Stadtwerke Rüsselsheim etwa haben sämtliche Angebote für neue Gas- und Stromkunden von der Homepage genommen, einzig die Grundversorgung bleibt bestehen.
„Auch wir müssen die Reißleine ziehen und können niemanden mehr annehmen“, erklärt der Geschäftsführer der Stadtwerke Rüsselsheim, Hans-Peter Scheerer. Würden die Stadtwerke weiterhin Lieferverträge abschließen, „müssten wir für jeden neuen Kunden noch Geld drauflegen“.
Entega und Leipziger Gruppe erwarten Mehrkosten im siebenstelligen Bereich
Deutschlandweit springen nun die Grundversorger ein und stellen die Stromversorgung der Stromiokunden sicher. EWE geht, wie schon im Fall von Gas.de, von einer niedrigen fünfstelligen Zahl an Neukund:innen aus, N-Ergie muss fast 11.000 Stromio-Kund:innen übernehmen, die Entega in Darmstadt 14.000.
„Wir kalkulieren mit Mehrkosten im siebenstelligen Bereich“, teilt ein Pressesprecher auf Anfrage mit. Um die Mehrkosten aufzufangen, soll kurzfristig ein neuer Grundversorgungstarif für Neukunden erarbeitet werden.
Auch Frank Viereckl, Pressechef der Leipziger Gruppe bestätigt "je nach Produkt in jedem Fall" Zusatzkosten in der von Entega genannten Größenordnung. In Leipzig verzeichnet man mehr als 5000 Neukund:innen. Angesichts der Vielzahl von Insolvenzen in den letzten Tagen und Wochen gewinne die Suche nach Alternativen, etwa separate Grund- und Ersatzversorgungstarife, auch in Leipzig "an Bedeutung und Dynamik".
NEW muss Neukundentarif bereits wieder erhöhen
Ihren vor einigen Wochen eingeführten Grundversorgungstarif für Neukunden erhöht hat unterdessen die Mönchengladbacher NEW, die rund 7500 Kund:innen von Stromio übernehmen wird.
„Derzeit gibt es nur noch wenige Anbieter, bei denen Strom und Gas im Großhandelsmarkt beschafft werden kann“, teilt die NEW auf Anfrage mit. Zudem würden die Preise von Tag zu Tag so stark springen, dass eine solide Kalkulation von Tarifen kaum noch möglich sei.
Die Erhöhung des Neukundentarifs ist bei NEW aufs erste Quartal befristet. „Gerade für das erste Quartal rechnen wir weiterhin mit dieser Engpasslage. Für längere Lieferzeiträume liegen die Großhandelspreise noch deutlich niedriger, so dass wir entsprechend günstigere Laufzeitverträge anbieten können“, heißt es weiter. Man gehe davon aus, dass nahezu alle Kunden in Festpreisverträge wechseln werden.
Tübingen führt zweiten Neukundentarif ein
Eine andere Variante wählen die Stadtwerke Tübingen. Nachdem dort bereits vor einigen Wochen ein Tarifsplit in der Grund- und Ersatzversorgung für Gas bekannt gegeben wurde, wird nun kurzfristig ein weiterer Grund- und Ersatzversorgungstarif, dieses Mal für Strom und Erdgas, für Haushaltsneukunden eingeführt. Dieser soll offenbar den Preisentwicklungen der letzten Tage Rechnung tragen.
Bielefeld und Augsburg beschließen Tarifsplit
Um ihre Bestandskunden vor erheblichen Preissteigerungen zu schützen, haben unterdessen auch die Stadtwerke Augsburg (swa) einen zweiten Grundversorgungstarif für Neukunden in den Sparten Gas und Strom eingeführt.
Dazu haben sich auch die Verantwortlichen der Stadtwerke Bielefeld (SWB) nach längerem Abwägen durchgerungen. Der neue Tarif gilt seit dem gestrigen Mittwoch (22. Dezember).
Die Bielefelder haben aufgrund von Liefereinstellungen durch Drittlieferanten schon rund 1.300 Kunden und Kundinnen in die Grundversorgung übernommen. Hierdurch seien bereits Mehrkosten in einem hohen sechsstelligen Bereich entstanden, die zu Lasten des Geschäftsergebnisses der SWB gingen, heißt es in einer Pressemitteilung.
Grosse prozessuale Herausforderungen
Der Tarifsplit stellt die Energieversorger auch prozessual vor enorme Herausforderungen, insbesondere im Bereich der Abrechnungssysteme. Diese kennen erst Mal nur einen Abrechnungspreis. Erschwerend kommt hinzu, dass die aktuell vorgenommenen Anpassungen mitten in die reguläre Preisanpassungsrunde fallen, die für die Branche von je her ein Kraftakt ist. (hoe)


