Von Artjom Maksimenko
Die Bundesnetzagentur (BNetzA) hat mit dem Diskussionspapier zur Rahmenfestlegung für Allgemeine Netzentgeltsystematik, "AgNes" einen weitreichenden Reformprozess für die zukünftige Netzentgeltsystematik angestoßen. Während einzelne Unternehmen die gesetzten Impulse als längst überfällig begrüßen, äußern andere teils massive Kritik an dem Vorhaben der Regulierungsbehörde.
Besonders kontrovers diskutiert werden die vorgeschlagene Abschmelzung der vermiedenen Netznutzungsentgelte (vNNE), die Einführung nutzungsabhängiger Entgelte und die Rolle von Speichern im künftigen Entgeltsystem. Die ZfK hat die Positionen zusammengefasst.
"Keine gestaffelte Abschmelzung von vermiedenen Netzentgelten"
So kommt für den südwestfälischen Versorger Enervie eine gestaffelte Abschmelzung der vNNE nicht infrage. Zwar bestehe hier Reformbedarf, jedoch solle der verbleibende Zeitraum bis zum Auslaufen der Regelung genutzt werden, um ein alternatives Anschlussmodell zu entwickeln. "Aus Gründen des Vertrauensschutzes sollte von einem Abschmelzen der vNNE bis 2029 abgesehen werden", hieß es aus Hagen aus ZfK-Nachfrage. Enervie verweist dabei auf mögliche negative Auswirkungen auf die Lastbewirtschaftung sowie auf steigende Bezugslasten in der Höchstspannungsebene – mit potenziellen Folgen für Redispatch und Netzausbau.
Der Verteilnetzbetreiber Mitnetz Strom ist in seiner Haltung zurückhaltender und setzt auf einen offenen Prozess. Das Unternehmen mit Sitz in Kabelsketal begrüßt dabei ausdrücklich die frühe Initiative der Bundesnetzagentur, die Systematik weiterzuentwickeln. Konkrete Bewertungen wolle das Unternehmen aber erst nach vertiefter Analyse der vorgeschlagenen Optionen vornehmen. Ziel sei es, auf Basis fundierter Daten und im Dialog mit der Branche "die richtigen Schlüsse für konkrete Anpassungen und Übergangspfade zu ziehen".
"Folgerichtige Beteiligung" der Einspeiser
Deutlich grundsätzlicher äußert sich die Kanzlei Becker Büttner Held (BBH). Partnerin und Rechtsanwältin Ines Zenke befürwortet die Einbeziehung von Einspeisern in die Netzentgeltlogik: "In der heutigen Welt halte ich die Beteiligung der Einspeiser für folgerichtig", führte Zenke kürzlich im Interview mit der ZfK aus. Besonders große Chancen sieht sie in der Einführung dynamischer Netzentgelte, die bei korrekter Ausgestaltung sowohl auf Erzeuger- als auch Verbraucherseite netzentlastend wirken könnten. Auch eine stärkere Gewichtung von Kapazitäts- und Grundpreiskomponenten hält sie für sachgerecht, warnt jedoch vor sozialen Schieflagen bei einkommensschwachen Haushalten. Für Speicher fordert Zenke eine differenzierte Betrachtung: Neben marktlichen Signalen brauche es Optionen zur systemdienstlichen Einbindung mit Entgeltprivilegierung gemäß § 14a EnWG.
Der Bundesverband Energiespeicher Systeme (BVES) hält die Vorschläge der Bundesnetzagentur für schlichtweg "nicht zukunftsfähig". Die Vorschläge der BNetzA würden ein überholtes Verständnis des Energiesystems widerspiegeln, hieß es auf Anfrage. Insbesondere die vorgesehene Umstellung auf nutzungsabhängige Entgelte kritisiert der Verband scharf: Speicher würden damit von der bisherigen Doppelbelastung zu einer Drei- oder gar Vierfachbelastung übergehen – ein "klarer Widerspruch zum politischen Ziel der Flexibilisierung". Der BVES fordert deshalb eine grundsätzliche Neubewertung der Rolle von Speichern, die als "vierte Säule des Energiesystems" behandelt werden müssten. Sie seien keine Last, sondern "Flexibilitätslösung" und trügen zur Netzentlastung, Versorgungssicherheit und Systemeffizienz bei. "Es mag populär sein, den Kreis der Zahler zu erweitern – aber das senkt die Kosten nicht, wenn der Topf nach wie vor keinen Boden hat", lautet die Kritik von BVES an "AgNes".
In einem Punkt sind sich die Unternehmen und Verbände einig: "AgNes" könnte ein Hebel zur Neuausrichtung der Energiewende werden, mit weitreichenden Implikationen für Investitionen, Netzbetrieb und Systemarchitektur. Während einzelne Akteure wie BBH den Umbau als Chance für Effizienz und Lenkungswirkung begreifen, fordern andere – wie Enervie oder der BVES – grundlegende Korrekturen im Hinblick auf Vertrauensschutz, sektorale Besonderheiten und technologische Systemrollen. Es deutet sich an, dass bei der anstehenden Diskussion rund um das Papier, nicht nur die netztechnischen und regulatorischen Aspekte von Bedeutung sein werden, sondern auch politische Auseinandersetzungen den anstehenden Regulierungsprozess beieinflussen werden.



